Paulusstift Stuttgart-Berg Damen als Streetworkerinnen
Mathias Bury, 24.06.2010 07:30 Uhr
Spiridoula Leondaraki und ihr Angelos haben im Paulusstift Halt gefunden. Foto: Steinert
Spiridoula Leondaraki und ihr Angelos haben im Paulusstift Halt gefunden. Foto: Steinert
Stuttgart - Spiridoula Leondaraki hat es in den vergangenen Jahren nicht leicht gehabt. Die Probleme begannen, als sich ihre Eltern getrennt haben. Die Konflikte spitzten sich zu, schließlich lebte die heute 18-Jährige in einer betreuten Wohngruppe. Dann wurde sie mit 17 auch noch schwanger, und mit ihrem Freund war auch Schluss.

Die Mütter lernen, dass das Leben weitergeht


"Erst hab ich gedacht: jetzt ist das Leben vorbei", erzählt die schwarz gelockte junge Frau. Das sieht sie heute ganz anders: Ihr Sohn Angelos ist inzwischen zehn Monate alt und ein putziges Kerlchen, mit ihm zusammen hat Spiridoula Leondaraki ein Zuhause im Paulusstift im Stadtteil Berg gefunden. "Das ist voll die große Hilfe, die zeigen einem alles hier", sagt sie fröhlich.

Seit 100 Jahren gibt es das Paulusstift, lange Zeit unter anderem Namen. Begonnen hat alles 1903 mit dem "Hilfsverein für unwürdige Arme". Ins Leben gerufen hat diesen Mathilde von Dellingshausen. Die engagierte Dame stammte aus einer baltendeutschen Adelsfamilie, verkehrte am württembergischen Hof König Karls I. und dessen Frau, der russischen Zarentochter Olga, und sie hatte ein Herz für ausgestoßene junge Frauen in Not.

Mathilde von Dellingshausen fand einen Kreis von Mitstreiterinnen, die praktisch helfen wollten. Sie besuchten Krankenhäuser, Entbindungsstationen und Gefängnisse und stellten bald fest, dass viele Betroffene - obdachlose Frauen, Prostituierte, ledige Schwangere und alleinstehende Mütter - eine Zufluchtsstätte benötigten. "Diesen Frauen am Rande der Gesellschaft wurde Wert und Würde versagt", beschreibt Therese Wieland, die Vorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), zu dem das Paulusstift gehört, die damaligen Verhältnisse.

Im Wohnheim finden die jungen Mütter Kraft und Halt


Bald entwickelte sich die Initiative "bürgerlichen Streetworkerinnen" (SkF-Geschäftsführerin Angela Riße) zu einer festen Einrichtung, der "Rettungsverein zum guten Hirten" mietete Schlafstellen an, unterstützt von der Erzdiözese Rottenburg. Im Juni 1910 wurde in der Werastraße 118 ein großes, damals modernes Wohnheim eingeweiht, das die 1920 verstorbene Mathilde von Dellingshausen weitgehend aus ihrem Privatvermögen finanziert hat.

Das Paulusstift ist heute in Berg, das Gebäude in der Werastraße wurde im Weltkrieg zerstört. In dem 1957 eröffneten und vor wenigen Jahren sanierten Bau können heute bis zu 38 junge Frauen mit ihren Kindern in Wohngruppen und kleinen Appartements betreut werden. Dazu kommt eine Kindertagesstätte mit 93 Plätzen, die auch bei externen Familien sehr begehrt ist.

Spiridoula Leondaraki schätzt am Paulusstift nicht nur, dass sie bei der Betreuung von Angelos, der in den ersten fünf Monaten ein Schreikind war, unterstützt wird. Auch bei der Stellensuche oder einfach beim Briefwechsel mit Behörden bekommt sie Hilfe. Und was für die junge Frau, die mit ihrem Sohn ein kleines Appartement bewohnt, nicht weniger wichtig ist: sie kann sich mit jungen Müttern ihres Alters austauschen, man kann sich gegenseitig unterstützen und was unternehmen. "Ich bin zwar Mutter", sagt sie, "aber ich bin auch ein Teenager - das ist manchmal nicht so einfach zu verbinden."

Eine Beratung und Betreuung sind ein absolutes Muss


Die überforderten jungen Mütter, von denen einzelne erst 14 sind und denen die Unterstützung ihrer Familien fehlt, kommen mit der Kinderbetreuung auf der einen und Schule oder Ausbildung auf der anderen Seite nicht klar. "Ohne Beratung und Betreuung schaffen die das nicht", sagt die Einrichtungsleiterin Heidi Nagler.

Mit Hilfe klappt aber manches. Spiridoula Leondaraki beginnt im September eine Ausbildung zur Kinderpflegerin, danach will sie weitermachen und Erzieherin werden. Ende des Jahres zieht sie in eine der zehn externen Trainingswohnungen des Paulusstifts. Auch dann könne sie sich in der Ottostraße "jederzeit Hilfe holen", sagt die junge Frau. Sie strahlt Zuversicht aus und will ihrem Sohn ein Vorbild sein, damit etwas aus ihm wird.

Nur beim Thema Familie gibt sie sich ernüchtert. "Das Thema Männer habe ich für die nächsten Jahre abgehakt", sagt die 18-Jährige und lacht. "Die sind zu anstrengend. Mit einem Kind kann man keinen unnötigen Stress brauchen."

Am Freitag, 25. Juni, 10 Uhr, ist in der Berger Kirche, Klotzstraße 21 (neben dem Paulusstift), der Festakt zum 100-Jahr-Jubiläum. Von 12 Uhr an ist in der Einrichtung (Ottostraße 1) Tag der offenen Tür; Infos unter http://www.skf-stuttgart.de ».
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