Peter Careys neuer Roman
Geschichte als Lizenz zum Spielen
Sacha Verna,
31.08.2010 07:56 Uhr
Peter Carey ist pessimistisch, was die Demokratie in Amerika betrifft. Foto: lai
""Würde ich jetzt erst anfangen zu schreiben, käme ein verzweifeltes Buch heraus.""
Der Autor Peter Carey über die Lage des Landes
"Als Junge aus einem Arbeiterstädtchen, der ein feines Internat besuchte, habe ich sehr früh viel über Klassenunterschiede und Herr-und-Knecht-Verhältnisse gelernt", sagt Peter Carey. "Das war ein Ansatzpunkt für diesen Roman." Auch habe er sich als Zugewanderter - als solcher fühlt er sich trotz doppelter Staatsbürgerschaft noch immer - gut in die Rollen der ausländischen Beobachter versetzen können, ob in Tocqueville, Olivier oder Parrot. "Aber ich gebe zu", so Carey, "hätten sich mir bei der Lektüre Tocquevilles nicht diese Verbindungstüren eröffnet, wäre ich noch immer ein australischer Autor, der an jedem Versuch, einen Amerika-Roman zu schreiben, gescheitert ist."
Peter Careys Amerika-Roman wurde von den US-Kritikern überwiegend mit Lob bedacht. Niemand warf dem Fremdling Vermessenheit oder Schwarzmalerei vor. "Alle sind sich einig, dass die amerikanische Demokratie reformbedürftig ist", sagt Carey. "Nur macht einem allein die Vorstellung der Umwälzungen Angst, die nötig wären, um dieses festgefahrene korrupte System wirklich zu verändern." Er habe vor Freude und Zuversicht geweint, als Barack Obama zum Präsidenten gewählt worden sei, und gebe ihm nicht die Schuld an den unzähligen Pattsituationen, in die sich die USA national und international hineinmanövriert habe: "Auch wenn sich Obama hier und da ein bisschen weniger kompromissbereit, ein bisschen weniger als Harvard-Typ und Meritokrat zeigen würde, wären die Widerstände, mit denen er zu kämpfen hat, doch zu stark." Er sei froh, dass er nicht gewusst habe, was er heute wisse - nämlich gar nichts mehr -, als er an "Parrot und Olivier in Amerika" arbeitete: "Ich habe keine Ahnung, wie es mit diesem Land weitergehen wird. Würde ich mich jetzt zu einem Amerika-Roman hinsetzen, käme ein verzweifeltes Buch dabei heraus."
Stets trifft Carey Stimmen und Stimmungen perfekt
"Parrot und Olivier in Amerika" ist hingegen ein Vergnügen, ein literarisches Vergnügen. Peter Carey gehört zu jenen Schriftstellern, die mit jedem neuen Buch die Welt neu erfinden. Sei es, dass er wie in "Mein Leben als Fälschung" von einem mysteriösen Betrüger schreibt, der von einer fleischgewordenen Fantasiegestalt bis nach Kuala Lumpur gejagt wird, oder dass er wie in "Jack Maggs" Charles Dickens' Roman "Große Erwartungen" weiterspinnt. Egal welcher Ort, egal welche Epoche, egal welches Genre: stets trifft Carey Stimmen und Stimmungen perfekt. Wenn er wie in "Parrot und Olivier in Amerika" die Vergangenheit in ein Kaleidoskop der Gegenwart verwandelt, recherchiert er ausführlich. Tatsächlich stammen einige von Oliviers bösesten Bemerkungen über die amerikanischen Verhältnisse von Tocqeville höchstselbst. Doch: "Ich betrachte historische Fakten als Lizenz zum Spielen, nicht als Zwangsjacke."
Was nun die Tauben betrifft: Wer hätte gedacht, wie wichtig die Statuenbekleckser einst für den Handel waren? Dass Edelleute auf ihren Landgütern gern Tauben als Haustiere hielten? Dass diese "Haustiere" über Kornfelder herfielen und die Bauern sie deshalb während der Französischen Revolution regelrecht hinrichteten?
Als hätte man ihn bestellt, sitzt beim Abschied von Peter Carey prompt ein Vogel auf dem Fenstersims - ein Spatz allerdings, keine Taube.
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