Peter Careys neuer Roman Geschichte als Lizenz zum Spielen
Sacha Verna, 31.08.2010 07:56 Uhr
Peter Carey ist pessimistisch, was die Demokratie in Amerika betrifft. Foto: lai
Peter Carey ist pessimistisch, was die Demokratie in Amerika betrifft. Foto: lai
""Würde ich jetzt erst anfangen zu schreiben, käme ein verzweifeltes Buch heraus.""
Der Autor Peter Carey über die Lage des Landes

Stuttgart - Peter Carey hat wirklich kein Faible für Tauben, weder für tote noch für lebendige. Dass die Viecher in seinem neuen Roman "Parrot und Olivier in Amerika" massenhaft abgeschlachtet werden, hat gute Gründe, symbolische und andere. Allerdings betont der 67-jährige Autor, dass der erste Vogel rein zufällig in seinen jüngsten Roman geflattert sei: "So funktioniert das immer bei mir: Ich habe eine Idee, die zu einer zweiten führt - und so weiter, bis eine Kette von Motiven und Gedanken vor mir liegt, deren Zusammenhang ich nie hätte vorausahnen können."

Wir befinden uns in Careys Loft in Soho, einem Loft mit Festsaaldimensionen. Von drei riesigen Fenstern aus blickt man direkt auf den Broadway, doch von dem Lärm dort unten ist hier oben nichts zu hören. Das Interieur fällt unter die Rubrik spartanischer Schick, der Hausherr ist barfuß.

Peter Carey lebt seit zwanzig Jahren in New York. Der gebürtige Australier hat zehn Romane verfasst und als einziger Schriftsteller neben J.M. Coetzee für zwei davon ("Oscar und Lucinda" und "Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang") den Booker Prize gewonnen. Diese Romane spielen alle irgendwo, nur nicht in den USA. Das tut erst dieser elfte - und wie. "Parrot and Olivier in Amerika" basiert auf Alexis de Tocquevilles monumentaler Studie "Über die Demokratie in Amerika" und auf der neunmonatigen Reise, die der französische Aristokrat dafür 1831/32 durch die damals noch kaum vereinigten Staaten unternahm.

"Ich hatte so viele Zitate gehört, in denen sich Tocqueville positiv über Amerika äußert, dass ich mir vornahm, das Buch selber zu lesen", sagt Peter Carey, während er es sich auf einem unbequemen, aber formschönen Stuhl bequem zu machen versucht. "Wie ich vermutet hatte, war Tocqueville keineswegs nur hingerissen von dem System und den Menschen, die er hier kennenlernte." Im Gegenteil, Tocqueville habe manche Schwächen der entstehenden amerikanischen Gesellschaft genau erkannt: "Er warnte vor der ,Tyrannei der Mehrheit', und sehen Sie, was für unsägliche Politiker in diesem Land zur Macht gelangen: Leute wie George Bush und Sarah Palin." Tocqueville habe prophezeit, dass keine ernsthafte Kunst geschaffen werden könne, wo Kultur dem Markt und dem Massengeschmack folge: "Sehen Sie sich das kulturelle Umfeld an, in dem wir uns hier bewegen: Anspruch gilt als Verbrechen."

Sein Roman wurde von den Kritikern überwiegend gelobt


Natürlich ist "Parrot und Olivier in Amerika" alles andere als ein plumper Amerika-Verriss im Stickwesten-und-Schnallenschuh-Kostüm. Dazu steht Peter Carey selber seiner zweiten Heimat viel zu zwiespältig gegenüber. "Der Roman sollte eine Art Streitgespräch sein", sagt er. Ein Streitgespräch zwischen dem Tocqueville nachempfundenen Adligen Olivier-Jean-Baptiste de Clarel de Garmont und dessen frei erfundenem Diener John Larrit alias Parrot. Beide sehen in Amerika die Zukunft- der eine den Untergang seiner Klasse, der andere die Freiheit.

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