InterviewPeter Hensinger, der Kämpfer gegen Mobilfunk „Eine kollektive Sucht“

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Der 67-jährige Stuttgarter Peter Hensinger tritt unermüdlich für eine Welt ein, die nicht von den digitalen Medien beherrscht wird. Sein Kampf wird immer schwieriger.

Peter Hensinger beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Mobilfunk. Neben    massig Fachliteratur nutzt er ein Hoch­frequenzmessgerät für seine Recherchen.  Foto: Gottfried Stoppel
Peter Hensinger beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Mobilfunk. Neben massig Fachliteratur nutzt er ein Hoch­frequenzmessgerät für seine Recherchen. Foto: Gottfried Stoppel
Kaum hat man die Wohnung von Peter Hensinger im Stuttgarter Westen betreten, führt einen der Hausherr mit einem Messgerät in der Hand auf den Balkon: „Hier draußen beträgt die Strahlung fast 100 000 Mikrowatt je Quadratmeter.“ Es geht zurück ins Warme, Hensinger schließt die Tür und deutet mit dem Finger auf das Display. „Gerade mal 26 Mikrowatt. Meine Frau und ich haben die Wände durch spezielle Tapeten abgeschirmt.“ So weit die Einführung ins Thema „Gefahren des Mobilfunks und wie man sich davor schützen kann“, über das der 67-Jährige sprechen will.
Herr Hensinger, erzählen Sie Ihre Geschichte!
Ich bin ein Ur-Stuttgarter, kam 1948 in der St.-Anna-Klinik zur Welt und wuchs im Hallschlag auf. Nach dem Abitur studierte ich Germanistik und Pädagogik und machte anschließend eine Druckerlehre. In den 90er Jahren baute ich in den Werkstätten für Behinderte des Rudolf-Sophien-Stifts eine Druckerei mit auf – für psychisch kranke Menschen, die wieder in die Berufswelt integriert werden sollten. Zu dieser Zeit bin ich als Betriebsratsvorsitzender erstmals mit dem Thema „Mobilfunk“ konfrontiert worden: Auf dem Dach der Klinik sollte eine Sendeanlage installiert werden. Wir informierten uns über die Risiken und lehnten das Vorhaben ab. 2006 entstand dann eine Sendeanlage in direkter Nachbarschaft zu unserer Wohnung. Damals war ich ein Mitbegründer der Bürgerinitiative Mobilfunk Stuttgart-West. Ich sehe mich nicht als Mobilfunkgegner, das kann man heutzutage gar nicht sein, sondern verstehe mich als Umweltschützer, der für gesundheitsverträgliche Alternativen eintritt.
Ständig entstehen neue Funkstationen. Täuscht der Eindruck, dass sich außer Ihnen und Ihren Mitstreitern kaum noch jemand darum schert?
Ja, dieser Eindruck täuscht. Wöchentlich werden neue Bürgerinitiativen gegründet, die sich gegen den Wildwuchs wehren. Mich ärgert, dass die Medien über den Widerstand kaum berichten und stattdessen unkritisch die Standpunkte der Mobilfunklobby verbreiten. Liegt das daran, dass die Zeitungen immer stärker selbst im Online-Geschäft drinstecken? Oder blendet ihr Journalisten die Gefahren aus, weil ihr ansonsten eure eigene Mediennutzung hinterfragen müsstet?
Vielleicht liegt es einfach an den Erfahrungen, die man als Journalist sammelt. Ich habe beispielsweise 1992 eine Reportage über einen Landwirt gemacht, der behauptete, dass seine Kühe durch die Mobilfunkstrahlung unfruchtbar würden. Über solche Thesen lacht man heute.
Fachleute lachen darüber nicht. An der Uni Zürich wird zurzeit erforscht, warum sich das Blutbild von Kühen durch Mobilfunkstrahlung verändert. Und was den Menschen angeht, kann man die Auswirkungen so zusammenfassen: Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Erschöpfung, Spermienschädigungen oder auch DNA-Strangbrüche, die zu Krebs führen können. Es gibt allein zu Wlan mehr als 60 in Fachzeitschriften veröffentlichte Arbeiten, in denen das detailliert dargestellt wird. Die Europäische Umweltagentur bestätigt diese Risiken.
Weltweit werden mehr als fünf Milliarden Handys und Smartphones benutzt. Wenn Mobilfunkstrahlung so schädlich wäre, wie Sie behaupten, müssten wir dann nicht alle schon krank sein?
Raucher bekommen auch nicht sofort Krebs. Tatsache ist: all die Geräte, von denen Sie sprechen, senden und empfangen kabellos über Mikrowellenstrahlung, an die unser Körper nicht angepasst ist. Bis Mitte der 90er Jahre war der Mensch fast verschont von dieser Belastung. Heute leben wir in einer Elektrosmogwolke, und es wäre naiv zu glauben, dass sich diese langfristig nicht auf unsere Gesundheit auswirkt. Die Weltgesundheitsorganisation hat Handystrahlen als „möglicherweise Krebs erregend“ eingestuft. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg empfiehlt, Handys und Smartphones nur möglichst kurz zu nutzen und immer wieder abzuschalten. Und selbst der Bremer Forscher Alexander Lerchl, der bisher immer stramm behauptete, Mobilfunkstrahlung sei ungefährlich, stellte in diesem Jahr im Tierversuch fest, dass sie Krebstumore bereits weit unterhalb der gültigen Grenzwerte wachsen lässt. Doch wenn staatliche Stellen mit diesen Erkenntnissen konfrontiert werden, sagen sie bloß: „Die gesetzlichen Vorgaben werden überall eingehalten.“ Das ist skandalös.