Pflegenotstand Mangel an Pflegepersonal verschärft sich
Philipp Scheffbuch, 23.09.2011 09:12 Uhr
vorherige Bild 1 von 9 nächste
Altenpflegerin bei der Arbeit Foto: dpa
Altenpflegerin bei der Arbeit Foto: dpa
Weitere Artikel
zum Thema

Stuttgart - Baden-Württemberg wird den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen und in der Pflegewirtschaft mit voller Wucht zu spüren bekommen, wenn nicht rasch und entschieden gegengesteuert wird. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC). Demnach verschärft sich der Mangel an Alten- und Krankenpfleger sowie an Ärzten in Baden-Württemberg in den kommenden 18 Jahren deutlich stärker als im vergleichbar wirtschaftsstarken Nachbarland Bayern.

Ohne Kurswechsel werden laut PwC im Jahr 2030 in Baden-Württemberg mehr als 60.000 ausgebildete Pfleger und Ärzte fehlen. Damit wäre jede fünfte Stelle im Südwesten unbesetzt. Zum Vergleich: auch Bayern bekommt im Gesundheitswesen Probleme, jedoch geringere. Laut PwC-Prognose dürfte in dem Freistaat jede siebte Stelle unbesetzt bleiben.

In 18 Jahren werden in Baden-Württemberg demnach 11.000 Ärzte fehlen. Heute sind 2800 Stellen unbesetzt. Innerhalb des Arztberufes wird es laut Studie stark unterschiedliche Entwicklungen geben. Während sich der Mangel in der Allgemeinmedizin von heute 2700 auf dann 6700 mehr als verdoppelt, verschlechtert sich bei den Fachärzten die Situation sogar mit dem Faktor 43: fehlen heute "nur" 100 Fachärzte, werden dann 4.300 Facharztstellen unbesetzt bleiben.

Altenpfleger, Augen- und HNO-Ärzte besonders gesucht

"Insbesondere in den Jahren 2025 bis 2030 werden in Baden-Württemberg sehr viele Ärzte in den Ruhestand gehen", sagt PWC-Gesundheitsexperte Michael Burkhart. Am häufigsten werden laut PwC voraussichtlich Hals-Nasen-Ohren-Ärzte gesucht werden, gefolgt von Augenärzten. Burkharts naheliegender Rat - insbesondere mit Blick auf Abwanderungen in die Schweiz: "Wir müssen die Fachärzte im Land halten und dafür sorgen, dass mehr junge Menschen Medizin studieren."

Im Pflegebereich spannt sich die Lage besonders in der Altenpflege an. Fehlen hier heute noch 1800 examinierte Fachkräfte, so sollen es laut PwC in 18 Jahren schon 22.900 sein. Der ungedeckte Bedarf an Krankenpflegern wird mit 29.000 im Jahr 2030 zwar noch größer sein, die Entwicklung verläuft hier jedoch weniger dynamisch, fehlen doch heute schon im Südwesten 15.000 Krankenpfleger.

Trotz einer dramatischen Entwicklung sieht PwC-Gesundheitsexperte Burkhart gute Chancen, den sich verschärfenden Mangel ohne externe Hilfe mildern zu können. Im Pflegebereich schielt der Wirtschaftsberater auf die Fachkräfte, die nach der Ausbildung - oft aus Frustration über die Arbeitsbedingungen in der Pflege - den Beruf gewechselt haben. Altenpfleger verlassen im Schnitt schon nach acht Jahren ihren Ausbildungsberuf, Krankenpfleger nach zwölf Jahren.

Bessere Arbeitsbedingungen für Altenpfleger

"Es muss gelingen, die stille Reserve zu heben", sagt Burkhart und empfiehlt Naheliegendes: "Dazu müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern." In der Pflege gehe es in erster Linie weniger um eine bessere Entlohnung, sondern vielmehr um mehr Freiräume und weniger zeitlichen Stress und eine Entschlackung der Aufgaben. Gerade weil Berufsstarter sich meist aus ethischen und weniger aus wirtschaftlichen Motiven für diese Ausbildung entschieden, müsse das Berufsbild überprüft und dringend neu justiert werden.

"Der Alltag scheint mit zu viel Büroarbeit belastet zu sein", sagt Burkhart. Pfleger kämen zu häufig zum Schluss, "das, was ich machen muss, ist nicht das, warum ich den Beruf ursprünglich ergriffen habe."

Dass ausgerechnet eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft jetzt zu einem aus Mitarbeitersicht naheliegenden Schluss kommt, überrascht. Besonders, weil die PwC-Ökonomen die nachgeordneten Fragen der Finanzierung nicht in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellen. Burkhart räumt ein, dass sich vor dem Hintergrund knapper Mittel insgesamt die Frage stellen wird, "ob wir das System so belassen können". Der PwC-Partner sagt: "Vielleicht stehen wir hier vor einer Grundsatzentscheidung, die politisch gelöst werden muss."

Kommentare (8)
Anzeigen
SEP
25
Erdmännchen, 14:24 Uhr

Pflegenotstand

Was wundern wir uns das die sozialen Berufe Probleme bekommen? Wir haben die Profite privatisiert und Verluste dürfen Alle tragen, Geld wird in Privatkassen gebracht und die Allegemeinheit hat immer weniger Geld und Reiche werde aus ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entlassen. Von der Bürokratie ganz zuschweigen, welche den Sozialsektor belastet und Altersarmut wird für Menschen im Sozialsektor Normalzustand sein. Die Arbeit muss wieder einen Menschen ernähren können, bitte keine Zeitarbeit in der Pflege ( das belastet auch die Alten, jeden Tag ein neuer Pfleger) und behandelt die Angestellten nicht wie Klopapier. Viele arbeiten noch weil die Alten mMenschen sympatisch sind, aber nicht weil der Job der schönste der Welt ist Pflege Ruhe in Frieden

0
Kommentar bewerten
SEP
24
bekien, 11:56 Uhr

Das Land hat halt nur ein Budget!!

Sicherlich hat S21 auch damit was zu tun, wie die Sanierungen der Straßen, der Ausbau der Schule etc! Wo fließen den unsere Gelder hin? Die kleinen und alten Bürger werden von dieser Geldflut (die Wirtschaft boomt ja so irre ;-))) als letzte getroffen! Es ist von dieser Form der Politik halt nun der Ausläufer der uns alle, alle und jeden von hier auf kurz oder lang gesehen, treffen wird. Um Vorzubeugen, fehlen mir die Mittel und da wo man Vorsorge getroffen hat, da wird man garantiert schon heute betrogen. Also, was soll´s? Vorleben fällt hier nicht nur schwer, sondern ist defacto unmöglich!!! Schönes Wochenende in der noch freien Laufbahn des Lebens!

0
Kommentar bewerten
SEP
23
Buntstift, 19:17 Uhr

Zahlen über Zahlen

Zahlen über Zahlen, einseitige Kritik und reichlich Vermutungen bestimmen die aktuelle Pflegediskussion. Der FDP-Gesundheitsminister wird von der SPD als "Tu-nix-Minister" vorgeführt, der "Gesundheitsmann" der CDU-Fraktion vermutet in der Stuttgarter Zeitung, daß die Pflegereform wegen der Eckpunkte zur Chefsache wird, einzelne Landesgesundheitsminister würgen Diskussionen grundsätzlich ab (Bayern), oder melden sofort Bedenken an (Sachsen). Die SPD setzt gelegentlich ihren „fliegenbewehrten Fachmann“ Lauterbach ein, der immer als Bedenkenträger gut ist, aber um es umgangssprachlich zu sagen „auch noch keine Wurst vom Teller gezogen hat“. Keiner gibt ernsthaft zu, daß sich die Reform im politischen Berlin regelrecht festgefahren hat und weniger über Pflegethemen, als über Vermeidung von "Gesichtsverlusten" spekuliert wird. Wir brauchen keine hingeworfenen Eckpunkte, die dann wieder zwischen den üblichen verdächtigen Bundesmedizinmännern zerredet werden, sondern ein sinnvolles Gesamtkonzept, das über Jahre tragen kann. Konzepte können nur mit nachvollziehbaren Zahlen und Fakten entwickelt werden. Der vielzitierte „Fachpolitiker“ (was immer das auch sein mag!) reicht dazu nicht aus. Er hat Wahlkreise, Wahlen und den Erhalt seines Mandats, oder gar seiner Ministerexistenz auf der Agenda. Die Lobbyisten sind ebenso fehl am Platz, sind sie doch zu sehr mit den ureigensten Interessen ihrer oft kleinen Produkt- und Leistungssegmente vollauf beschäftigt. Gesundheit ist durch die unübersichtliche Zahl der Akteure und insgesamt Millionen Arbeitsplätze zu teuer. Wer die „Gesundheitswirtschaft“ als „Job-Motor“ hochleben lässt, springt zu kurz. Dieser Job-Motor verschlingt immer mehr Geld und belastet Steuerzahler und Patienten. Einen Bruchteil der ständig steigenden Kosten in Prävention investiert würde -auf Dauer gesehen- viele teure Arbeitsplätze im Gesundheitswesen durch weniger Patienten einsparen. Aber wo sitzen die wirklichen Experten, die ein tragfähiges, preis“wertes“ System entwickeln können? Das ist die Schlüsselfrage, die dringend geklärt werden muss, noch bevor sich Legionen von Interessenvertretern erneut auf Gesundheitswallfahrt in den Bundestag aufmachen. Einen Beitrag könnte mit Sicherheit das Gesundheitsministerium in Bonn/Berlin mit seinen rund 1000 Mitarbeitern (darunter 1 Minister, 2 parlamentarische Staatssekretäre, 1 beamteter Staatssekretär, dazu reichlich Ministerialdirigenten, Ministerialdirektoren und Ministerialräte) leisten, oder auch die ca. 130.000 Mitarbeiter der gesetzlichen Krankenkassen. Zumindest belastbares Zahlenmaterial darf von diesen Akteuren erwartet werden. Die momentan kursierenden –oft widersprüchlichen- Zahlen als Grundlage zu nehmen ist mehr als gefährlich. Wir kennen inzwischen die Prognosen über fehlende Ärzte, die sich letztendlich durch Konzentration in Ballungsräumen „errechneten“. Wir lesen, daß die Zahl der Dementen von 1,2 Millionen (2020) auf 1,8 Millionen (2030) ansteigen wird. Es ist wohl eine weit hergeholte Vermutung, daß alle Forschungsbemühungen und deren Kosten für die nächsten 10 Jahre betreffend Demenz nutzlos und heutige Zahlen lediglich „hochzurechnen“ sind. Auch die vordergründig alarmierende „Berechnung“, dass bis 2020 1.750 Pflegeheime durch überalterte Immobilien, zunehmenden Wettbewerb und Lohnkostensteigerungen untergehen werden, ist eine Tartarenmeldung - pure Spekulation. Die ambulante Pflege, die näher am Menschen ist, entwickelt sich -von Pflegemethoden, Medikamenten, Technik her- täglich weiter. Vielleicht brauchen wir diese 1.750 Heime in 10 Jahren gar nicht mehr. Vielleicht! Hinter Informationen zu Entwicklungen stecken immer Köpfe und hinter diesen wiederum massive Interessen. Nicht selten werden -bei nicht wenigen „Fachleuten“- Lobbyziele formuliert, danach die Einzelinteressen ausgelotet, um dann die passenden Prognosen in die Welt zu setzen. Gerade im Gesundheitsbereich werden nur „passende Zukunftsperspektiven“ veröffentlicht. Fragliche, oder abwertend wirkende Erkenntnisse fegt man unter den Teppich - eine Methode, die in der Pharmaindustrie –z.B. bei Medikamentenstudien über Wirkungen- mit großem Erfolg praktiziert wird. Entwickelt sich der Gesundheitsmarkt dann anders als "errechnet/prognostiziert", ist Sorge unangebracht. Für das „wertvollste Gut“, die Gesundheit, findet sich immer eine Lösung. Nicht immer im Blick auf die Patienten, aber doch noch so, daß die beteiligten Branchen ( Ärzte, Pharmaindustrie, Berater) ihre Leistungen weiter abrechnen können. Ob die Krankenhäuser, oder die Kassen unter Druck geraten wird eher in zweiter Linie in die Waagschale geworfen. Irgend jemand zahlt immer, bei öffentlichen Krankenhäusern dann eben statt der Kassen der Steuerzahler - über die Zwangsunterstützung der Träger. Trotz aller Klagen ist die Situation für das Pflegepersonal, das teilweise unter miesen Arbeitsbedingungen und noch mieserer Entlohnung leidet, eine Riesenchance. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ sollten sich viele Beschäftigte -bezüglich eines Arbeitsplatzwechsels- fragen. Gutes Personal ist gesucht und findet gute Arbeitsbedingungen. Die dann jammernden, personell ausblutenden Einrichtungen dürfen sich dann die Frage stellen, was zum „Personalschwund“ geführt hat. Nicht wenige Verantwortliche werden dann Arbeitsbedingungen anpassen und leistungsgerechte Löhne und Gehälter anbieten - wenn die Einrichtung baulich und pflegerisch im Wettbewerb mithalten und so überleben kann. Die Bundesregierung ist gefordert, endlich einen Zirkel zu finden, der in der Lage ist, die Probleme nicht nur ständig zu erläutern, sondern zügig und zielführend zu lösen.

0
Kommentar bewerten
Kommentar-Seite 1  von  3