Pflegenotstand Ohne Ausländer geht nichts in den Kliniken

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Der Klinikverbund Südwest will sich nun jährlich Pfleger aus Italien holen. Nur so könne langfristig der Bedarf an Fachkräften gedeckt werden. Der deutsche Arbeitsmarkt ist leer gefegt.

Die Portugiesin Helena Rodrigues (rechts) kam vor knapp drei Jahren ins Sindelfinger Krankenhaus. Sie zeigt  der Neuen – Eliana Brambilla aus Italien – die  Klinik. Foto: factum/Weise
Die Portugiesin Helena Rodrigues (rechts) kam vor knapp drei Jahren ins Sindelfinger Krankenhaus. Sie zeigt der Neuen – Eliana Brambilla aus Italien – die Klinik.Foto: factum/Weise

Böblingen/Sindelfingen - Pflegenotstand, Fachkräftemangel lauten die Klagen – praktisch alle Kliniken in Deutschland haben Probleme, genügend qualifizierte Krankenschwestern und Pfleger zu finden. „Wir haben pro Jahr durch die natürliche Fluktuation, wenn Schwangere oder Rentner gehen, einen Bedarf von 140 Pflegekräften“, sagt Joachim Erhardt, der Pflegedirektor des Klinikverbunds Südwest. „Die Hälfte davon können wir durch eigene Absolventen unserer Akademie decken , den Rest müssen wir uns auf dem freien Arbeitsmarkt holen. Doch der ist leer gefegt.“

Bewerbungsgespräche in Neapel

Doch das gilt nur für Deutschland und andere westeuropäische Staaten. In vielen südeuropäischen Ländern, wo das Geld seit der Finanzkrise knapp und die Arbeitslosigkeit hoch ist, suchen viele gut ausgebildete Pfleger vergeblich nach einem Arbeitsplatz. Bereits vor drei Jahren hatte sich Joachim Erhardt deshalb nach Porto in Portugal und Mailand in Italien aufgemacht. Zurück kam er damals mit 21 Arbeitsverträgen. 14 dieser Schwestern und Pfleger arbeiten bis jetzt in den Kliniken Böblingen, Sindelfingen und Leonberg. „Wir haben sehr gute Erfahrungen mit den ausländischen Kräften gemacht“, sagt Erhardt. Deshalb ist er Ende des vergangenen Jahres erneut losgezogen. Neapel war dieses Mal sein Ziel. Anders als 2012, als sich der Klinikverbund gemeinsam mit anderen deutschen Krankenhäusern auf Jobmessen im Ausland präsentierte, setzte er dieses Mal auf Vorstellungsgespräche mit vorab ausgesuchten Bewerbern. Der Internationale Bund (IB) organisierte gemeinsam mit seinem italienischen Partner die Aktion in Neapel. Mit 38 Kandidaten, die alle ein vierjähriges Studium hinter sich haben, wurden Gespräche geführt. Mit dabei waren neben Erhardt auch Roland Ott und Kerstin Franz als Chefs der Personalabteilung sowie Salvatore Brighina, Direktor der Calwer Klinik, die auch zum Klinikverbund gehört. 20 Kandidaten erhielten eine Zusage, 14 nahmen an.

Nach welchen Kriterien wählte man die Leute aus? „Es muss vor allem die Motivation stimmen“, sagt Joachim Erhardt. Und erzählt vom ältesten der 14 neuen Mitarbeiter. „Der Mann ist 33. Er hatte kein Geld für das Studium, wollte aber unbedingt Krankenpfleger werden. Deshalb hat er jahrelang gejobbt, bis er sich das Studium finanzieren konnte. Parallel dazu hat er bereits Deutsch gelernt. Dieses Engagement hat uns überzeugt.“

Zu den Glücklichen mit einem Arbeitsvertrag gehört auch die 23 Jahre alte Eliana Brambilla. Ausführlich hatte sie sich vor ihrem Bewerbungsgespräch über den Klinikverbund Südwest informiert und mit anderen Arbeitgebern verglichen. „Es gab gute Berichte der ersten Gruppe, die vor drei Jahren gekommen ist. Die erzählten, dass in Sindelfingen alles gut organisiert ist“, begründet Brambilla ihre Entscheidung für den Klinikverbund, der auf dem Arbeitsmarkt mit vielen Kliniken in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien konkurriert. „Viele meiner Kommilitonen arbeiten mittlerweile in England“, berichtet Eliana Brambilla.

Der Klinikverbund hat offenbar gute Karten auf dem Bewerbermarkt. „Das Bewerbungsverfahren in Neapel war absolut vorbildlich“, lobt Katia Olga Baiamonte vom IB. „Besonders positiv sei gewesen, dass bei den Gesprächen ein italienischer Pfleger mit dabei war, der zur ersten Gruppe vor drei Jahren gehört. „Dieser konnte vor Ort authentisch berichten“, sagt Baiamonte, die nun die 14 neuen Pfleger betreut. Denn bevor diese auf den Stationen arbeiten dürfen, müssen sie Deutsch büffeln – auf Kosten ihres neuen Arbeitgebers. 9000 Euro pro Person investiert der Klinikverbund in die Vorbereitung der neuen Mitarbeiter. 2000 Euro davon müssen diese später zurückzahlen.

Weitere 25 Italiener sollen kommen

Aus den Erfahrungen mit der ersten Gruppe hat man gelernt. Dieses Mal sind die Leute anfangs in Gastfamilien untergebracht. „Das erleichtert die Integration und hilft beim Deutsch lernen“, sagt Kerstin Franz. Bereits im Mai steht die erste Sprachprüfung an, im Herbst die zweite. Nur wer diese besteht, erhält die staatliche Anerkennung. Joachim Erhardt ist zuversichtlich, dass seine Schützlinge es schaffen. Im Sommer fliegt er wieder nach Neapel. 25 neue Mitarbeiter will er dann rekrutieren. „Das soll jetzt eine regelmäßige Aktion werden.“

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4 KommentareKommentar schreiben

Pflege : Erstaunlich das der Schreiber dieses Artikels nicht auffallen will das da ausgesagt wird das die Pflegesituation schon derartig ungenügend ist das der Arme Mann bis nach Nepal reisen musste um Pflegekräfte finden zu können weil in Deutschland die Politik von CDU/ CSU und FDP die Pflege regelrecht demontiert haben in ihren privat vor Staat Wahnsinn! Mit erschreckenden Todesfällen aus Personalmangel wie die Senator Gruppe unlängst vorgeworfen werden musste! So mangelhaft personell wie Das Pflegeheim Dottendorf sind Sie alle unsere Heime und Krankenhäuser ausgestattet. Und nur durch den medizinischen Dienst der Kassen der mit seinen unwahren Benotung das katastrophale Ausmaß lange nicht öffentlich haben wollte! Die Pflege in Deutschland ist Tod, politisch zum niedrig Lohn Beruf ohne Zukunft demontiert.

Tja, die sind halt billiger...: ... Ganz einfach deshalb holt man lieber welche aus dem Ausland. Das ist übrigens nichts Neues und gab es schon immer in anderen Branchen. Nun hat es halt auch die Krankenpflege erwischt.

Lächerlich: von einem "leergefegten Arbeitsmarkt" zu sprechen. Woran liegt es, dass in den vergangen Jahren nur wenige junge Menschen Interesse an einer Ausbildung in Alten- oder Krankenpflege hatten? Als noch immer eher typischer Frauenberuf, ist die Bezahlung der Pflegekräfte völlig unangemessen, die Arbeitsbedingungen zum Teil unterirdisch. Statt Arbeitskräfte aus dem Ausland heranzukarren, sollte man sich besser darum kümmern, dass Pflegeberufe attraktiver werden. Naja, bei dankbaren Ausländern können die Arbeitgeber wohl sicher sein, dass sie nicht großspurige Ansprüche durchzusetzten versuchen, wie von ihrer Arbeit gut leben zu können. Davon, wie gefährlich es ist, wenn gerade im Gesundheitswesen - hier geht es um Menschenleben - Fachkräfte mit nur rudimentären Sprachkenntnissen arbeiten, spreche ich mal gar nicht.......

Ursachen: Klar brauchen wir hier Unterstützung von Ausländern/innen. Aber parallel sollte man mal über die Ursachen des Fachkräftemangels nachdenken. Ein paar Schlagworte fallen mir fallen ein. Schlechtes Ansehen der Berufsgruppe, Katastrophale Arbeitszeiten und bedingungen, Bezahlung ....

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