Piratenpartei Eine Antiparteienpartei

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Hier sitzen keine Politikprofis - die meisten haben lang nicht gedacht, dass Berufspolitiker aus ihnen werden. Und auch wenn sie es jetzt sind, sie wollen es nicht werden. "Endlich normale Menschen", haben sie auf ihren Plakaten versprochen - eine Antiparteienpartei.

Genau dieser Gedanke trieb zum Beispiel Pavel Mayer, Listenplatz 3, zu den Piraten. Mayer ist Mitte 40, Familienvater und Softwareunternehmer. "Ich fand, wir leben in einer relativ freien Wohlstandsgesellschaft, die aber bedroht ist", sagt er. Mayer sah eine Marginalisierung der Politik. Er spricht von einem eher diffusen Gefühl, dass die "durchoptimierte Politmaschine", die da im Regierungsviertel am Rotieren ist und sich und ihr Handeln längst nicht mehr hinterfragt und korrigiert, die Probleme und Herausforderungen der Zeit nicht mehr lösen könne. Und er spricht von seinem Wunsch, sich einzubringen für bessere Lösungen.

Und damit umreißt er eigentlich ziemlich genau das Gegenteil dessen, was die Bundeskanzlerin am Tag nach der Wahl schmallippig mit den Worten "klassischer Protest" zusammenfasst. "Sicher spielen Protestwähler eine Rolle", sagt auch der arbeitslose Historiker Fabio Reinhardt, der künftig im Parlament sitzt. 80 Prozent der Wähler geben durchaus an, ihr Kreuzchen "aus Unzufriedenheit mit anderen Parteien" gemacht zu haben.

Merkel nimmt den Erfolg der Piraten ernst

Das, was viele junge Menschen - neben einem emotional attraktiven Hipsterfaktor - zu faszinieren scheint, ist der mit sehr praktischen Mitbestimmungsinstrumenten dokumentierte Wille, wirklich anders Politik zu machen. Als die Grünen vor 30 Jahren aufbrachen, war neben Protest gegen das Establishment eine ähnliche, basisdemokratische Motivation Teil des Erfolges.

"Bei uns", sagt der künftige Abgeordnete Pavel Mayer, "versammeln sich einfach viele Menschen mit enormen kreativen Fähigkeiten." Mayer glaubt, dass der Ursprung der Piraten-Partei aus der Gemeinde der Netzaktivisten das Kapital dieser Gruppierung ist. "Unsere Wurzeln liegen zum Teil in der Hackerbewegung", sagt er. Viele Piraten könnten sehr gut mit Technik umgehen, es gehöre zu ihrem Alltag, durch spielerisches Erproben die Fehler im System zu suchen und sie zu beheben. "Ich glaube, das Land braucht so etwas konstruktiv Kritisches, um politische Probleme in Zukunft lösen zu können." Fragt man die Neulinge nach ihren wichtigsten Zielen in den nächsten fünf Jahren, dann reden sie nicht zuerst über kostenfreie Kindergartenplätze oder eine S-Bahn, die umsonst ist. "Ich will Leuten zuhören und ihre Interessen vertreten", sagt Fabio Reinhardt. "Ich will ganz nah dranbleiben an den Bürgern", sagt Gerwald Claus-Brunner. "Ich wünsche mir, dass wir so eine Art Renovierungs- und Reparaturtruppe für diesen Politikbetrieb sein können", sagt Pavel Mayer. "Wir sind in ein Vakuum gestoßen", sagt der Spitzenkandidat Andreas Baum. Dies alles sei nur gelungen, weil die Angebote der anderen Parteien in Berlin so schlecht seien.

Natürlich, sagt die Bundeskanzlerin Angela Merkel, nehme man den Erfolg der Piratenpartei ernst. Aber was heißt das eigentlich? Ihre Parteifreundin, die thüringische Ministerpräsidentin Christiane Lieberknecht, macht sich darüber Gedanken und sagt "dass man da auch vielleicht ein bisschen moderner im Erscheinungsbild auftreten muss". Im Internet vielleicht - mal sehen, ob das reicht.