Plage in Kernen Schlaraffenland für die Schwarzkittel

Von Michael Käfer 

Wildschweine vermehren sich rasant und verursachen in Kernen immer größere Probleme. Die Tiere suchen Nahrung in Weinbergen und Maisfeldern.

Die Wildschweine finden genung Nahrung -  von Eicheln bis Weinbeeren. Foto: dpa
Die Wildschweine finden genung Nahrung - von Eicheln bis Weinbeeren. Foto: dpa

Kernen - Helmut Heissenberger zeigt auf ein dichtes Brombeergebüsch am Beibach. Kaum mehr als einen Steinwurf entfernt von der Hangweide tummeln sich hier häufig Wildschweine. „Das Dickicht ist ein idealer Einstand“, sagt der erfahrene Jäger. Direkt neben dem Unterschlupf wurde die Wiese von den Rüsseln der Schwarzkittel umgepflügt. Der Wildschaden ist hier gering und zudem nicht ausgleichspflichtig, weil das Grasland nicht der Futterproduktion dient.

Nebenan sieht es jedoch anders aus. Wenn die Wildschweine ein Maisfeld als Nahrungsquelle und Tummelplatz für sich entdeckt haben, dann müssen Jäger wie Helmut Heissenberger oder sein Bruder Günther Heissenberger tief in die eigene Tasche greifen und den betroffenen Landwirt entschädigen. „Es gibt keine Wildschadensversicherung“, sagt Günther Heissenberger, der 15 Jahre lang Kreisjägermeister war. Zwar betonen beide Waidmänner das überaus gute Verhältnis zu den Landwirten, aber das Problem wird immer größer, denn die Zahl der Wildschweine nimmt zu.

Günther Heissenberger zeigt auf Wühlspuren von Wildschweinen. Foto: Michael Käfer
Neun Sauen sind dieses Jahr bereits in Fellbach von Autos überfahren worden, drei weitere in Kernen. Im Unteren Remstal summiert sich die Zahl auf 40 tote Tiere. Mehr als 1000 Wildschweine werden im Gebiet der Kreisjägervereinigung Waiblingen 2018 voraussichtlich von den Jägern erlegt. Die Zahl der Tiere steigt dennoch nicht nur in Kernen und Fellbach weiter an. „Es ist kein örtliches Problem, sondern ein generelles“, sagt Günther Heissenberger.

Sein Bruder, der sich als Fachmann für jagdlich relevante Rechtsgebiete in der Jungjägerausbildung engagiert, zählt die Gründe auf: Milde Winter verhindern eine natürliche Selektion und haben statt einem bis zu vier Würfe von Frischlingen pro Jahr zur Folge. Zudem ist Nahrungsmangel für Keiler und Bache zum Fremdwort geworden. „Der Maisanbau ist in den letzten Jahren geradezu explodiert“, sagt Helmut Heissenberger. Immer häufiger beobachtet der 65-Jährige außerdem Mastjahre in den Wäldern. Eichen und Buchen produzieren dann besonders viele Früchte, die begehrte Leckerbissen für Wildschweine darstellen. „In den letzten Jahren hatten wir nahezu jedes Jahr Vollmasten“, sagt Helmut Heissenberger. Normal wäre ein Mastjahr alle drei bis vier Jahre. Durchschnittlich hat sich nach seinen Erkenntnissen die Menge an Eicheln und Bucheckern in den Wäldern innerhalb eines halben Jahrhunderts mehr als vervierfacht. Als Ursache vermutet Helmut Heissenberger den Klimawandel.

Bei der Futtersuche denken sich Wildschweine Alternativen aus

Dieses Jahr ist zwar kein Mastjahr, und auch Fallobst stellt wegen der Frostnächte im April eine Mangelware dar. Aber die schlauen und schwer zu jagenden Wildschweine haben sich Alternativen ausgedacht. „Sie haben deshalb woanders Nahrung gesucht und sind in die Weinberge beziehungsweise in die Maisfelder gegangen“, weiß Helmut Heissenberger. Im Wengert beweisen die bis zu vier Zentner schweren Paarhufer durchaus Feinschmeckerqualitäten. Besonders begehrt sind offenbar Trauben der Sorten Merlot, Zweigelt, Chardonnay und Lemberger.

Eine kurzfristige Lösung ist schwer zu finden, weshalb die Jäger künftig auf eine Verteilung des Ausgleichs von Jagdschäden zwischen Jagdpächtern und Grundstückseigentümern hoffen. Auch zeitweise Einzäunungen besonders dicht am Waldrand liegender Äcker oder der Einsatz von Vergrämungsmitteln können die Situation entspannen. Andererseits bietet aber auch das Jagdrecht noch Raum für Modernisierungen. So sind Zielfernrohre mit Nachtsichtgeräten bei der Jagd nicht erlaubt. Nicht nur für Günther und Helmut Heissenberger ist dies kaum nachvollziehbar, denn die Bildverstärker würden bei Dunkelheit einen sicheren Schuss erleichtern und damit auch manchem Tier unnötige Leiden ersparen. „Hier ist die Politik gefragt“, sagt Helmut Heissenberger.