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Planetarium Stuttgart Stillstand draußen, Stillstand drinnen

Marc Schieferecke, 11.02.2013 11:05 Uhr

Planetarium - Stillstand gehört nicht zu Uwe Lemmers Wesen. Der ganze Mann ist ständig in Bewegung, im Großen oder im Kleinen, im Geiste ohnehin. Im Herbst 2008 kam er von Nürnberg nach Stuttgart, um Großes zu bewegen. Seitdem leitet Lemmer das Planetarium. Und seit 2009 leidet er unter dem, wovon er sagt: „Das ist das Schlimmste“ – Stillstand eben.

Von seinem Bürostuhl aus hat Lemmer freien Blick auf den Stillstand, der ihn zum Stillhalten zwingt: auf die S 21-Baustelle. Ihretwegen kam eine Verlagerung des Planetariums überhaupt ins Gespräch. Ihretwegen brachen die Besucherzahlen ein. Ihretwegen sind alle Anstrengungen Lemmers ausgebremst, den Stillstand zu beenden.

Eben 2009 scheiterte der erste Versuch, das einst modernste Planetarium Europas in einen Neubau nach Cannstatt zu verlegen. Das war seine Vision, deswegen hat er sich auf den Posten beworben. Lemmer wollte dabei sein, wenn in Stuttgart wieder ein Planetarium entsteht, das bestaunt wird. Er schrieb Konzepte und entwarf Pläne für ein Planetarium der Zukunft. „Das hat mir viel Spaß gemacht“, sagt er. Kosten wurden kalkuliert, Szenarien verglichen, aber der erste Versuch eines Umzugs fiel der Finanzkrise zum Opfer. Weitere folgten. Der Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster hatte den Plan eingefädelt, das Planetarium in eine Erlebniswelt einzufügen, die Porsche in Bad Cannstatt bauen will – oder wollte. Das ist unklar, zumal, seit VW den Sportwagenbauer übernommen hat. Die jüngste Auskunft von Porsche lautet: Bis zur Entscheidung dauere es noch.

Sorge, dass sich bis zum Ruhestand nichts bewegt

Inzwischen plagt Lemmer die Sorge, „dass das bis zu meiner Rente so geht“. Er ist 53 Jahre alt. Die Sozialdemokraten im Gemeinderat argwöhnen gar, dass hinter dem Stillstand der Versuch steckt, das Planetarium abzuwirtschaften, bis sein Erhalt teurer wird als ein Neubau. So haben sie es in einem Antrag beklagt.

Lemmer steht am Steuerpult im Vorführungssaal, schaltet von Dämmerlicht auf Helligkeit und lässt die Bodenplatte beiseite surren, die den Blick auf den Projektor in der Tiefe freigibt. Den Argwohn der Genossen nährt das Offensichtliche: Die Polster der Stühle in den vorderen Reihen sind löchrig. Aber das ist wie beim Lieblingsplatz im Wohnzimmer: „Die Polsterung ist alle paar Jahre durchgewetzt“, sagt Lemmer. Entgegen dem Anschein wird ins Planetarium durchaus investiert. Die Glühbirnen im Saal werden gegen LED-Technik getauscht. Ein alter Laser wurde gegen einen neuen ersetzt, der reichlich Strom spart. Der Projektor gehört noch immer zum Besten weltweit, auch wenn er einmal gewartet werden sollte. Im Lauf dieses Jahres soll zusätzlich digitale Videotechnik eingebaut und dann gleich renoviert werden. So hofft es Lemmer jedenfalls.

Eine Erneuerung wäre ratsam

„Es ist nicht so, dass man ein großes Lamento anstimmen muss“, sagt er. Aber es ist so, dass eine Wärmeschutzfolie vor seinem Bürofenster baumelt, die ihn vor Sonne schützt, weil die theoretisch vollautomatische Jalousie spinnt. „Im Sommer schwitzen wir, im Winter frieren wir“, sagt er. Die gesamte Haustechnik stammt eben aus dem Jahr 1977. Allein schon der Energieersparnis wegen wäre eine Erneuerung ratsam. Der Beton der Fassade müsste saniert, Undichtigkeiten im Flachdach müssten gedichtet werden.

Lemmer sieht all dies „aus der Perspektive der Ameise, über der die Adler kreisen“. Damit sind die Stadträte gemeint. Die modernsten Planetarien Europas stehen inzwischen in Hamburg und Bochum, in Paris und Warschau. Mit allen derzeit geplanten Investitionen „schließen wir höchstens auf“, sagt Lemmer, aber er hat eben Größeres im Sinn. Das modernste Planetarium Europas soll wieder in Stuttgart stehen. „Das ließe sich auch am jetzigen Standort verwirklichen“, sagt er. Er wäre dabei, gern: „Was man mir sagt, das tue ich engagiert.“ Im Grunde wünscht er sich nur, „dass man irgendwann aufhört zu diskutieren“. Und entscheidet.