Podiumsdiskussion über Stadtentwicklung in Stuttgart Kuhn wirbt um Geduld bei der Umgestaltung

Von Thomas Braun 

Als Podiumsgast bei einer Veranstaltung des Vereins Aufbruch Stuttgart um dem früheren TV-Talkmaster Wieland Backes hat Stuttgarts Rathauschef Fritz Kuhn für Geduld bei der Umgestaltung der Stadt geworben.

Fritz Kuhn (Bildmitte) stellte sich im Hospitalhof den Fragen der Moderatoren Ulrike Groos und Wieland Backes. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Fritz Kuhn (Bildmitte) stellte sich im Hospitalhof den Fragen der Moderatoren Ulrike Groos und Wieland Backes. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Eines zumindest muss man dem erst vor wenigen Monaten gegründeten Verein „Aufbruch Stuttgart“ um den früheren Talkmaster Wieland Backes lassen: Er hat offenbar in der Stadt einen Nerv getroffen. Das zeigte der Besucherandrang im Hospitalhof am Dienstagabend. Trotz der sommerlichen Temperaturen waren Hunderte von Besuchern gekommen, die sich eine andere Großstadt zwischen Wald und Reben wünschen: eine Stadt mit weniger Verkehr, mehr Kultur, mehr Esprit. Geladen war dazu der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), der sich auf dem Podium den Fragen der Moderatoren Backes und Ulrike Groos, der Leiterin des Kunstmuseums, stellte. Unter dem vom ZDF-Polittalk übernommenen Motto „Was nun, Herr Kuhn?“ sollte der Oberbürgermeister verbal in die Zange genommen werden, um seine Visionen von Stuttgart zu offenbaren.

Um es vorweg zu nehmen: Der Politprofi Kuhn behauptete sich gut gegen den TV-Profi Backes. Ob im Rathaus nicht bis dato Visionen sträflich vernachlässigt worden seien, wollte der langjährige SWR-Nachcafé-Moderator wissen und gab Kuhn damit eine Steilvorlage: Er habe die Zielmarche von 20 Prozent weniger Autos in der City ausgegeben, unter seiner Führung habe der Gemeinderat 30 Millionen Euro in die Sanierung der Wagen­hallen gesteckt. Der Neubau des John-Cranko-Ballettinternats sei auf den Weg gebracht worden, die Villa Berg habe die Stadt „einer Heuschrecke“ entrissen und werde sie der Öffentlichkeit wieder zugänglich machen. Und natürlich werde die Stadt auch ihren finanziellen Beitrag zur Sanierung der Stuttgarter Staatsoper leisten – und eine neue Konzerthalle bauen. „In welcher anderen Stadt sind so viele Projekte auf die Schiene gesetzt worden?“ Soll heißen: Auch schon vor Gründung der Aufbruch-Initiative hat es im Rathaus Ideen für eine attraktivere Stadt gegeben, auch wenn sich manche Pressemitteilung der Initiative anders liest.

Stadt plant im Sommer Expertenkolloquium für einen City-Boulevard

Vor allem das Thema Verkehr brennt vielen Stuttgartern auf den Nägeln. Kuhn machte aber deutlich, dass Lösungen nicht von heute auf morgen zu erwarten seien. Vor allem das Bahnprojekt Stuttgart 21 stehe dem entgegen. Er dränge deshalb darauf, dass das Projekt schnell fertig werde, „weil es sonst andere Entwicklungen in unserer Stadt behindert“. So will die Stadt etwa im Sommer bei einem Expertenkolloquium die Möglichkeiten ausloten, wie die B 14 zwischen Österreichischem Platz und Gebhard-Müller-Platz zu einem City-Boulevard umgestaltet werden kann.

Backes’ Frage, ob S 21 nicht als Ausrede herhalten müsse, konterte der OB mit dem Verweis auf Kopenhagen: Auch dort habe es 20 Jahre gedauert, bis man Stück für Stück die Parkflächen reduziert und so den Verkehr aus der Innenstadt herausgedrängt habe. Es gelte, intelligente Mobilitätsformen zu entwickeln, den ÖPNV und die Elektromobilität weiter auszubauen.

Museum und Konzerthalle sollen ins Rosensteinviertel

„Und was macht das Linden-Museum, bis die Flächen im Rosensteinviertel zur Ver­fügung stehen?“, wollte Ulrike Groos wissen. „Durchhalten oder in ein Interimsgebäude ziehen“, antwortete der OB. Auch die neue Konzerthalle werde aller Wahrscheinlichkeit nach im Rosensteinquartier ihren Platz finden. Backes’ Feststellung, die städtebauliche Qualität in Stuttgart sei bisher „unterbelichtet“ und müsse sich ändern, mündete in Kuhns Plädoyer gegen den Abriss architektonisch wertvoller und historischer Gebäude. „Und das gilt auch für das Königin-Katharina-Stift“, konnte sich der Oberbürgermeister eine verbale Spitze gegen solche Vorschläge, die auch im Verein Aufbruch virulent waren, nicht verkneifen. Die Schule bleibe an Ort und Stelle, dies sei der Wille der Stadt und auch des Landes.