Poetry-Slam in Kirchheim/Teck Wörter, die den Saal bewegen

Benjamin Schieler, 13.12.2012 15:06 Uhr

Stuttgart - Die Hände wandern. Pierre Jarawan vergräbt sie in den Hosentaschen, fährt sie über den Oberkörper, verschränkt sie hinterm Kopf. Sein zerknittertes T-Shirt rutscht hoch und räumt den Blick frei auf helle Boxershorts. Die Menschen in der Stadthalle Heidelberg starren ihn an. „Okay“, sagt der Moderator, der ein paar Meter neben Jarawan steht, „wir haben eine unglaublich knappe Entscheidung.“ Kurz darauf bricht das Publikum in Jubel aus: Pierre Jarawan ist deutschsprachiger Meister im Poetry-Slam 2012.

Hinter dem Begriff Poetry-Slam verbirgt sich ein gepfefferter Dichterwettstreit. Es reicht nicht, mit dem geschriebenen Wort zu jonglieren. Der Poet muss seinen Text auch charmant vortragen, er muss das überwiegend gebildete Publikum erobern, das danach giert, unterhalten und verzaubert zu werden, im besten Fall gleichzeitig. Bühnen dafür gibt es immer mehr, 150 bis 200 junge deutsche Dichter reisen regelmäßig zwischen Alpen und Nordsee hin und her. Zwischen 30 und 40 von ihnen sind so gut und so mutig, dass sie damit ihren Lebensunterhalt finanzieren.

Melancholische Träumerin mit der Wollmütze

Beim Poetry-Slam treten Charaktere ins Scheinwerferlicht, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da ist die melancholische Träumerin mit der Wollmütze, die es im schmutzigen Berlin nicht aushielt und nach Marburg flüchtete: Sie flüstert Wortmonstren in die Welt, bis der Lauschende vor Schwindel taumelt. Oder da ist der schwankende Zottelkopf von verratzter Gestalt, der wie eine bekiffte Version des Filmstars Johnny Depp brüllt, tobt und zappelt. Was die Freigeister verbindet, ist das Schreiben und das Vortragen. Es formt Freundschaften, die sonst nie entstünden. „Wir sind eine große Zirkusfamilie“, sagt Jarawan.

Der 1985 in Amman geborene und in Kirchheim/Teck aufgewachsene Poet ist ein Leisetreter. Die Worte stehlen seiner Show die Show. Pierre Jarawan rollt höchstens mal die Augen, seufzt und kichert, wenn eine Textstelle besondere Aufmerksamkeit verlangt. Primär rezitiert er. Einzig die Hände sind beim Vortragen ständig in Bewegung, sie schweben vor seinem Körper, die Finger mal gespreizt, dann aneinandergepresst oder einen von ihnen in die Höhe gestreckt.

Authentizität ist im Poetry-Slam wichtig. Kunstfiguren gibt es kaum, viele Texte sind sehr persönlich, und der Autor trägt immer ein Stück seines Lebens auf die Bühne. Die Ich-Form, in der Jarawan schreibt, charakterisiert ihn als „selbstironischen Außenseiter“. So formuliert er es selbst – und sagt: „Es steckt viel von meinem Wesen in den Texten, mehr, als man glaubt, aber weniger, als man befürchtet.“ Er tänzelt auf einem schmalen Grat zwischen Tiefgründigem und Humorvollem. Er verliert selten das Gleichgewicht.

Im Finale erzählt er von der Fantasie, die an der Vernunft zerbricht, von einer Bibliothek am Ufer eines Flusses aus Marmelade und landet Sekunden später bei Batmans überdimensionierten Brustwarzen. Das Publikum hört ehrfürchtig zu und lacht an den vorgesehenen Stellen. Alles läuft für ihn.