Poetry Slam in Stuttgart Die Schenkelklopfer der Nonkonformisten

Von Benjamin Schieler 

Die Premiere des Poetry Slams im Rocker 33 in Stuttgart ist ein Erfolg gewesen. Weitere Auftritte der Dichter und Nachdenker könnten folgen. Für einige Gäste könnte das bedeuten, dass sie künftig nicht mehr weggeschickt werden.

Die Premiere des Poetry Slams im Rocker 33 ist ein Erfolg. Weitere könnten folgen. Foto: Achim Zweygarth
Die Premiere des Poetry Slams im Rocker 33 ist ein Erfolg. Weitere könnten folgen.Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Thomas Geyer hat einen großen Trumpf. Doch Thomas Geyer hat auch ein Problem. Und dieser Trumpf und das Problem sind dieselbe Sache: die hohe Beliebtheit des Stuttgarter Poetry Slams. Alle 14 Tage muss der umtriebige Veranstalter zweier Dichterwettstreite in der Landeshauptstadt die Hälfte seines potenziellen Publikums wegschicken, weil der Raum in der Rosenau und im Keller-Club begrenzt ist. Auf der Suche nach einem weitläufigeren Ort ist der 39-Jährige im Rocker 33 an der Friedrichstraße fündig geworden. Die Premiere am Sonntagabend verlief vielversprechend.Unter Berührungsangst durften sie nicht leiden, die rund 500 Freunde des gesprochenen Worts, die sich eine Karte für die Veranstaltung gesichert hatten. Schulter an Schulter saßen oder standen sie, selbst auf der Bühne nahmen einige Verwegene Platz. Und dennoch: Thomas Geyer hätte für seinen hochkarätig besetzten Grandmaster Slam mit vielen ehemaligen Finalisten deutschsprachiger Meisterschaften noch mehr Karten verkaufen können. Die Schlange vor der Abendkasse staute sich Richtung Palast der Republik, fast alle Wartenden mussten wieder abziehen.

Die typischen Geburtsfehler einer Premiere ließen Geyer zu Beginn ans Mikro treten und sich demütig dafür entschuldigen, dass „heute alles etwas unkomfortabel ist“. Auch er musste sich in der neuen Lokalität erst einmal zurechtfinden. Die Eingepferchten reagierten mit Gelächter. Das überwiegend aber bei weitem nicht ausschließlich studentische Publikum ist Situationen wie diese offenbar gewohnt. Die zehn Poeten des Abends, angereist aus allen Himmelsrichtungen, ließen die Umstände dann auch rasch vergessen.

Ein Ort der Dichter und Nachdenker

Sie schrien oder flüsterten qualitativ hochwertige Texte unterschiedlicher Färbungen von der Bühne. Da zeigte sich die Vielschichtigkeit der Szene. Stille, gedankenvolle Gedichte duellierten sich mit brüllend komischen Inhalten und Deutsche-Bahn-Witzen, die nirgendwo so zielgerichtet sind wie in Stuttgart. Als Kind der Fantasie – „im Kopf erdacht und von Worten gemacht“ – brachte der Freiburger Tobias Gralke, baden-württembergischer Landesmeister 2012, die Menge zum ehrfurchtsvollen Lauschen. Der Berliner Wehwalt Koslovsky mimte den modernen Schiller und schleuderte den Zuhörern mit „Die Pocke“ Schenkelklopfer über juvenile Hygieneprobleme entgegen.

Merklich viele Mitglieder aus der neuen Welle der deutschsprachigen Dichter und Nachdenker präsentierten sich als Ankläger. „Empört euch“, rief der Kölner Florian Cieslik und ätzte nach einem Ausflug in die Welt von Georg Büchners „Dantons Tod“ gegen all jene, die in Zeiten des Niedergangs „den Zorn heruntermerkeln“ würden. Der St. Gallener Renato Kaiser machte sich über „meine Generatiohohn“ lustig. Ein Nonkonformist löste den nächsten ab. „Ich glaube, dass viele Menschen ähnliche Gedanken haben wie die Verfasser dieser Gedichte“, sagt der Stuttgarter Poet Robin Mesarosch. „Der Unterschied ist nur, dass wir es auf der Bühne ansprechen.“ Das Teilen eines Identifikationsgefühls ist eine Erklärung für den Erfolg der Kunstform im deutschsprachigen Raum. „Nirgendwo in der Welt ist die Szene vernetzter und das Publikum enthusiastischer als bei uns“, sagt Nektarios Vlachopoulos, der sich am Ende des Abends den Sieg mit Mesarosch teilte und sich über die „Druckwelle der Begeisterung“ freute, die ihm im Rocker 33 entgegenschwappte.

Zu dem Zeitpunkt hatte auch Thomas Geyer sein ungetrübtes Lächeln wiedergefunden. „Sehr zufrieden“ sei er mit dem Testlauf, verkündete er, als der Raum sich geleert hatte. „Wir wollten sehen, ob es Sinn hat, regelmäßig hierherzukommen. Und es hat Sinn.“ Konsequenz aus dieser Erkenntnis: der Poetry Slam im Keller Club könnte bald umziehen – damit in Zukunft weniger Gäste als bislang wegen Überfüllung außen vor bleiben müssen.

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