IWF-Chefin Christine Lagarde „Ich will die Frauen nicht enttäuschen“

Von , Paris 

Christine Lagarde bleibt Chefin des Internationalen Währungsfonds. Wo andere ihre Grenzen erreicht hätten, stieg die hochgewachsene Französin in ihrer Karriere immer weiter, Stufe um Stufe.

Paris - Synchronschwimmen ist, so harmonisch es wirkt, ein beinharter Sport. Und nicht nur das: während die gesamte Muskulatur wie ein Uhrwerk arbeitet, der Atem minutenlang angehalten wird, gehört beim kurzen Auftauchen aus dem Wasser ein strahlendes Lächeln zum Pflichtprogramm. Christine Lagarde war Synchronschwimmerin. Mit dem französischen Nationalteam holte sie mehrere Medaillen. Eine Krönung? Nein, nur der Anfang.

In Le Havre am regnerischen Ärmelkanal aufgewachsen, verlor Christine mit 16 ihren Vater. Umso eifriger absolvierte sie mehrere Eliteschulen, um dann 1981 bei der großen Wirtschaftskanzlei Baker & McKenzie einen Topanwaltsjob zu ergattern. Von 1999 bis 2004 war sie Präsidentin der Geschäftsführung der Kanzlei und von 1995 bis 2002 außerdem Mitglied der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS). Dank ihrer internationalen Erfahrung wurde Lagarde vom konservativen französischen Premier Jean-Pierre Raffarin nach Paris zurückberufen.

Sarkozy machte sie zur Wirtschafts- und Finanzministerin

„Anfangs kennt man die Regeln und die Fallen des Medienbetriebs nicht“, erzählte sie damals in ihrem Pariser Stadtpalast beim Interviewtermin. „Da muss man blitzschnell lernen.“ Wo andere ihre Grenzen erreicht hätten, stieg die hochgewachsene Französin weiter, Stufe um Stufe. 2007 wurde sie unter Nicolas Sarkozy – dessen konservativer Partei sie der Form halber angehört – Wirtschafts- und Finanzministerin. 2011 ersetzte sie den über eine Sexaffäre gestolperten Landsmann Dominique Strauss-Kahn an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF). Jetzt war Lagarde oben angelangt. Wie sie das geschafft hat? Wie eine Synchronschwimmerin eben: mit Knochenarbeit. Und das nicht nur im übertragenen Sinn.

„Die Grundlage ist, körperlich zu bestehen, ja zu widerstehen“, meinte sie auf die Frage, welchen Rat sie einer jungen Frau mit Karriereplänen auf den Weg geben würde. „Man muss physisch sehr stark sein, Sport machen, aufpassen, was man isst und trinkt, nicht rauchen. Wenn der Körper nicht mithält – forget it!“ Lagarde steht um sechs Uhr auf, macht Yoga, meditiert. Dazu kommen später Mini-Siestas – und Schokolade, aber nie Alkohol, nie rotes Fleisch. Das vermittelt die Energie, mit der sie sich tagsüber durch Dossierberge arbeitet.

Wie setzt frau sich gegen die geballte Männermacht durch?

Dank dieser Arbeit wurde aus der Juristin eine gemäßigt wirtschaftsliberale Chefökonomin, dank ihr besteht sie im komplexen Machtgefüge des IWF, ohne zwischen den Blöcken, Ländern und Egos der Weltelite zerrieben zu werden. Gegen diese geballte Männermacht komme frau nur an, „wenn sie ihr nicht gleichen will“, sagt Lagarde. Dann überrascht die so kühle und elegante Schmuckliebhaberin mit einem offenen Bekenntnis: „Ich denke, neben der körperlichen Fitness spielt etwas ganz Einfaches eine Rolle – die affektive Unterstützung durch den Partner oder die Kinder. Es ist die Gewissheit, dass es im Leben letztlich nichts Wichtigeres gibt als Liebe und Zärtlichkeit.“ Die IWF-Chefin lebt unauffällig mit einem Unternehmer aus Marseille zusammen. Wobei „zusammen“ ein großes Wort ist: Da Lagarde meist international unterwegs ist, beschränkt sich ihr Kontakt tagelang auf den Austausch von Worten oder SMS. Das Paar kennt sich von der Uni her; später verloren sich die beiden aus den Augen, heirateten getrennt, hatten je zwei Kinder, Lagardes Söhne studieren heute, und ließen sich später scheiden. Im besten Alter fanden sie wieder zueinander, diesmal richtig. Es muss ja nicht alles blitzschnell gehen im Leben.

Seit Sommer 2011 im Amt, postulierte Lagarde in Washington zuerst sehr vorsichtig für ein zweites IWF-Chefmandat ab Juli 2016. „Sollten die Mitgliedstaaten wünschen, dass ich ihnen weiter diene, werde ich mir das sicher überlegen“, meinte sie gegenüber Journalisten so gewunden, wie es sich für eine internationale Institution gebührte. Und wie es ihrer komplizierten Lage entsprach. Zum einen ist sie bis heute nicht über die sogenannte Tapie-Affäre hinweg. Dazu kommt ein Makel, für den sie nichts kann: Sie ist Europäerin.

Sie verärgert die linke Regierung in Athen mit Vergleichen

Die Schwellenlänger wollen endlich auch einmal den Währungsfonds leiten. Sie werfen der IWF-Chefin vor, sie habe in der  Griechenlandkrise die Interessen der Eurozone verteidigt, statt wirklich Athen zu helfen. An sich war es ihr Vorgänger DSK, der den IWF an der „Troika“ beteiligte. Doch an Lagarde bleibt die undankbare Rolle haften. Undiplomatisch, wie sie bisweilen sein kann, verärgerte sie die Syriza-Regierung, als sie erklärte, sie denke „lieber an die Lebensbedingungen eines Kindes in Niger“ als an die Griechen, die zuerst einmal „alle ihre Steuern zahlen“ sollten. Später meinte sie süffisant an die Adresse des griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis, es sollten sich doch bitte alle „wie Erwachsene“ benehmen.

Lagarde selber beißt die Zähne zusammen und stellt ihr amerikanisches Lächeln zur Schau, wenn sie in Bedrängnis ist. Sie weiß, dass ihr ein falsches Wort den Posten kosten kann, und denkt an die anderen Frauen. „Für sie will ich einen guten Job machen. Ich will meine Kolleginnen auf der ganzen Welt nicht enttäuschen. Sie sollen mich nicht fragen, warum ich gepfuscht habe.“