Porträt Cläre Schimmel Nur die Sprache selbst sollte sprechen

Von Kerstin Rech 

Vor 30 Jahren starb Cläre Schimmel. Sie war Opernsängerin, Schauspielerin, Rundfunksprecherin und TV-Pionierin. Ihre größten Erfolge erlangte sie aber als Leiterin des Hörspiels beim Süddeutschen Rundfunk.

Die große Dame des Radios: unter der Verantwortung von Cläre Schimmel entstand 1953 mit „Das Schiff Esperanza“ die bis heute erfolgreichste deutsche Hörspielproduktion. Foto: SDR
Die große Dame des Radios: unter der Verantwortung von Cläre Schimmel entstand 1953 mit „Das Schiff Esperanza“ die bis heute erfolgreichste deutsche Hörspielproduktion.Foto: SDR

Stuttgart - Als der Stuttgarter Buchhalter Kurt Schimmel 1903 in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands eintrat, war seine Tochter Cläre gerade ein Jahr alt. Bis nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Schimmel zu den führenden Persönlichkeiten der SPD in Württemberg.

Als hochgestellter Gewerkschafter, Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold sowie der Eisernen Front, verlor Schimmel 1933 bei der Gewerkschafts­liquidierung durch die Nazis seinen Arbeitsplatz. In dieser Zeit begann die Karriere seine Tochter. Sie hatte an der Hochschule für Musik in Stuttgart eine Ausbildung zur Opernsängerin und Schauspielerin absolviert. Es folgten europaweite Auftritte, etwa bei Radio Luxemburg, wo sie im Juni 1934 Arien aus den Opern Richard Wagners sang. In jener Frühzeit des Rundfunks waren Live-Konzerte mit klassischer Musik Schwerpunkte der Sender.

Nach dem Untergang des Dritten Reiches gehörte Kurt Schimmel zu den Männern der ersten Stunde des Wiederaufbaus. Er wurde Generalsekretär im Bayerischen Staatsministerium des Innern. Seine Tochter Cläre ging in die Kultur- und Unterhaltungsbranche, sie wurde Oberspielleiterin beim Süddeutschen Rundfunk und war damit verantwortlich für sämtliche Produktionen von Wort- und Musikbeiträgen.

Die erste Rundfunksendung Deutschlands startete am 29. Oktober 1923. Gesendet wurde aus dem Berliner Vox-Haus. Die ersten Beiträge hatten knapp 1000 Zuhörer und waren im Umkreis von 150 Kilometern zu hören. Trotzdem versprach das neue Medium viel Erfolg. Kurze Zeit später wurden Radiosender in Hamburg, Frankfurt, Köln, München, Leipzig, Breslau, Königsberg und Stuttgart gegründet. Bald schon wuchs die Zahl der Hörer auf eine Million.

„Faust II“ und „Walleinsteins Lager“

Adaptionen bedeutender Theaterstücke waren ein Teil der Radioprogramme. Im November 1924 wurde in Hamburg Goethes „Faust II“ inszeniert, und im Januar 1925 folgte in Berlin „Wallensteins Lager“. Parallel zu den eigens für das Radio bearbeiteten Stücken etablierte sich mit dem Hörspiel eine neue Literaturgattung. Texte wurden speziell für das Radio geschrieben. Nachdem Radio London im Januar 1924 mit „A Comedy of Danger“ von Richard Hughes den Anfang gemacht hatte, folgte am 21. Juni 1925 in Deutschland das erste Hörspiel mit literarischem Anspruch: Rolf Gunolds „Spuk“, gesendet von der Schlesischen Funkstunde in Breslau.

Noch aber standen die etablierten Schriftsteller dem neuen Medium kritisch gegenüber, so dass gute Stoffe Mangelware waren. Das änderte sich rasch. Ende der zwanziger Jahre brachten Autoren wie Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Erich Kästner Hörspielen die erste Blüte der jungen Literaturgattung. Bis 1932 wurden in ganz Deutschland 1400 Hörspiele gesendet.

1936 zog Cläre Schimmel von Stuttgart nach Berlin. Obwohl die Radioprogramme nur abends gesendet wurden, waren geschulte Sprecher gesucht. Cläre Schimmel ließ sich mit 34 Jahren zur Rundfunksprecherin ausbilden. Aber die Liebe zum Radio schien noch nicht so ausgeprägt gewesen zu sein, denn 1938 wechselte die Vielseitige und immer an Neuem Interessierte zum Deutschen Fernseh-Rundfunk. Er strahlte ein regelmäßiges Fernsehprogramm aus, das im Umkreis von etwa 80 Kilometern um Berlin empfangen werden konnte. Seit März 1935 sendete man zunächst an drei Tagen in der Woche, dann täglich von 20.30 Uhr bis 22 Uhr. Da sich kaum jemand einen Fernsehapparat leisten konnte, gab es in Berlin die „Fernsehstuben“, in denen man das Programm auf einem 18 mal 22 Zentimeter großen Bildschirm in kontrastarmen, schlecht aufgelösten Bildern sehen konnte.

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