Porträt: Fantastikautor Tad Williams Verloren in Spielwelten mit Suchtcharakter

Als sich die wenigsten Leute unter dem Internet vorstellen konnten, beschrieb Tad Williams in den „Otherland“-Romanen die Macht von Online-Spielewelten. Dafür erhält er bei den 2. Stuttgarter Dragon Days einen Preis, den Schwäbischen Lindwurm.

Tad Williams im Steampunk-Look, für die StZ gezeichnet von Felix Mertikat, der bei den Dragon Days seinen Comic „Steam Noir“ präsentieren wird. Foto: Felix Mertikat
Tad Williams im Steampunk-Look, für die StZ gezeichnet von Felix Mertikat, der bei den Dragon Days seinen Comic „Steam Noir“ präsentieren wird.Foto: Felix Mertikat

Stuttgart - Ein wenig schizophren muss man in vielen Berufen sein, um am Ende nicht verrückt zu werden. Auch als Autor auf dem weiten Feld der Fantastik sollte man eine ausgeprägte Geistesspaltung mitbringen. Einesteils braucht man ausufernde Vorstellungskraft, andererseits sollte man gegen luftige Illusionen gefeit sein. Vor allem gegen die Illusion, die Arbeit an Fantasy, Science Fiction oder Horror brächte einem Respekt vom literarischen Establishment ein.

Der Amerikaner Tad Williams, der am Donnerstag im Literaturhaus zum Auftakt der 2. Dragon Days den neuen Preis des Fantastikfestivals erhält, den Schwäbischen Lindwurm, ist mit der Doppelgabe von Vorstellungskraft und Erwartungslosigkeit in reichem Maße gesegnet. Kaum ein Literaturkritiker mit der habituellen Genickstarre vom Blick aufs Höhere kennt den 1957 in San Jose in Kalifornien geborenen Autor, der seit Ende der Achtziger ein bereits heute immenses Gesamtwerk vorgelegt hat. Williams erträgt das. Seine Leser halten ihn für einen der aufregendsten Autoren der Gegenwart.

Und jene Literaturprofis, die auch Genreliteratur für voll nehmen? Sie erkennen in Tad Williams die Cyber-Age-Variante eines Lagerfeuererzählers von einst, einen Mann, der die Sippe mit wilden und sich tief im Gedächtnis eingrabenden Geschichten auf das vorbereitet, was noch kommen könnte, und jenes neu deutet, was sie jeden Tag erlebt.

Preiswürdige Weitsichtigkeit

Tad Williams erhält den undotierten, aber aus dem Unikat einer Drachenplastik bestehenden Schwäbischen Lindwurm für den länger zurückliegenden Romanzyklus „Otherland“, aber nicht, weil er seit Erscheinen des vierten und letzten Bandes im Jahre 2001 nichts Relevantes mehr geschrieben hätte. Im Fall von „Otherland“ lässt sich nur mit jedem verstreichenden Jahr am besten erkennen, wie weitsichtig Tad Williams ist.

Begonnen hatte er die Arbeit an „Otherland“ 1993. Lange Zyklen und ausgetüftelter Weltenbau kamen auch damals an auf dem Fantastikmarkt, und Williams hatte mit der Osten-Ard-Trilogie gezeigt, dass er den dazu nötigen langen Atem aufbrachte. Aber der mit Fantasy und SF ebenso wie mit anderer moderner Literatur vertraute Williams litt auch an der Monotonie des Marktgängigen. Mit den Osten-Ard-Romanen hatte er sich erfolgreich bemüht, die Bedürfnisbefriedigung originell zu gestalten. Aber so weitermachen wollte er nicht. Also schaute er für „Otherland“ nicht auf Tolkiens Mittelerde, sondern in die Zukunft.

Wie, fragte er sich, würde sich der Wunsch nach Versenkung in erfundenen Welten wohl noch entwickeln? Würden neue technische Grundlagen neue Konsumformen schaffen? Würden sie einzelne Fans betreffen oder die ganze Gesellschaft? Und wäre eine neue technische Umgebung nur eine andere Art von Buch – oder tatsächlich ein Ort der Machtkämpfe, der Versklavung, des Gewinntriebs und der Mythenbildung, so wie jedes reale Neuland in der Geschichte?