Porträt Friedrich Sieburg Scharfsinnig und extravagant

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Vor 50 Jahren ist der Literaturkritiker und Schriftsteller Friedrich Sieburg auf dem Stuttgarter Waldfriedhof beigesetzt worden. Nach einer ersten Karriere als Korrespondent in Paris und Verwicklungen in der Nazizeit fand er in Gärtringen eine neue Heimat. Heute ist er fast vergessen.

„Hochmütig, eisig, übersättigt, verschlossen, erschreckender Cäsarenkopf, menschenverachtender Caligula Foto: DLA Marbach
„Hochmütig, eisig, übersättigt, verschlossen, erschreckender Cäsarenkopf, menschenverachtender CaligulaFoto: DLA Marbach

Stuttgart - Es ist Adventszeit im Jahr 1960, das Heckengäu um Gärtringen liegt unter einer dichten Schneedecke. Da geht in dem Bungalow bei der Villa Schwalbenhof ungewöhnliche Post ein. In diesen Wochen gibt die Briefträgerin in dem Kavaliershaus fast jeden Tag ein Paket ab, stets mit dem gleichen Inhalt: einem mit Holzwolle gepolsterten Gartenzwerg. Die Pakete sind mit fingierten Absendern versehen und stammen aus dem Kreis der Gruppe 47, jenem Netzwerk von Schriftstellern, das von Andersch und Böll über Grass und Enzensberger bis zu Walser reicht.

Der Adressat der seltsamen Sendungen ist Friedrich Sieburg, einflussreicher Kritiker und erfolgreicher Autor historischer Biografien. Der Literaturpapst der Adenauerzeit hat einen Hang zu vergangener Größe, eine besondere Vorliebe für das französische 18. und 19. Jahrhundert, und er bewundert das Werk Thomas Manns.

Sieburg ist schnell klar, dass es hier um eine kunstpolitische Aktion geht, die ihn lächerlich machen soll. Immer wieder hat er sich mit der aufstrebenden Autorengeneration angelegt. Er hält sie in weiten Teilen für mäßig talentiert, ihren Protagonisten unterstellt er, vor allem anderen gehe es ihnen um die Macht im Literaturbetrieb. Schon Anfang der fünfziger Jahre hat er sie in einem „Kriechende Literatur“ betitelten Beitrag attackiert und ihnen vorgehalten, sich mehr an politischen Begriffen als an ästhetischen Maßstäben zu orientieren. „Es sind ganz brave Leute, die nur darauf bedacht sind, auf der richtigen Seite zu stehen“, höhnt er.

Das „Unternehmen Gartenzwerg“, wie Sieburg den Vorgang in einer Glosse überschreibt, ist eine dieser Auseinandersetzungen, die dem eitlen Literaturkritiker zusetzen. Zu dieser Zeit ist der 1893 im westfälischen Altena geborene Schriftsteller Literaturchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Dort macht er den „albernen Scherz“ publik. Bei aller gewohnten Geschmeidigkeit seiner Prosa, seines Einfallsreichtums und der routinierten Ironie seine Stils ist spürbar, wie empfindlich ihn der Angriff trifft. „Die geistigen Zustände in unserem Lande sind ärmlich, es ist daher denkbar, dass ganze Gruppen ihr Selbstgefühl dadurch stärken, dass sie sich vom Gartenzwerg distanzieren und mich in seinem Bereich ansiedeln“, haut der alternde Großkritiker gegen die „jüngere Literatur“. Er empfange aber selbst zerbrochene Gartenzwerge immer noch lieber „als manche Bände jüngster Lyrik“.