Porträt: Jo Frühwirth Was passiert in mir?

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Jo Frühwirth war ein renommierter Journalist im SWR-Fernsehen. Seit fünf Jahren moderiert er in einem eigenen Seminarhaus mitten im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Sein Publikum ist kleiner geworden, aber Frühwirths Interesse am Menschen größer denn je.

In seinem Blauen Salon unterhält sich  der Journalist und Therapeut Jo Frühwirth  mit seinen Gästen über die Fragen des Lebens. Wer tiefer in sich hineinhören will, kann eines seiner Seminare besuchen. Foto: Gottfried Stoppel
In seinem Blauen Salon unterhält sich der Journalist und Therapeut Jo Frühwirth mit seinen Gästen über die Fragen des Lebens. Wer tiefer in sich hineinhören will, kann eines seiner Seminare besuchen.Foto: Gottfried Stoppel

Großhöchberg - Es ist ein verflixter Montag, Mitte Januar. Erst sagen Jo Frühwirth sechs der elf Teilnehmer seines Blauen Salons ab, weil sie sich bei dem winterlichen Wetter vor der Fahrt in das abgelegene 100-Seelen-Nest Großhöchberg fürchten. Und dann, eine Stunde, bevor die Rederunde beginnen soll, findet er sein Handy nicht mehr. Also wählt er, wie man das in einem solchen Fall macht, per Festnetz seine eigene Mobilnummer – doch das verdammte Ding ist nicht zu hören. Frühwirth ist der Verzweiflung nahe, als eine Verkäuferin vom Supermarkt in Sulzbach anruft: Er habe sein Handy an der Kasse liegen lassen. Der 68-Jährige steigt in seinen Kleinwagen, braust durch den verschneiten Wald in den übernächsten Ort und kehrt abgehetzt zurück. Jetzt heißt es erst mal: rein ins Warme und runterkommen.

Jo Frühwirth tauscht, dem geölten Eichenholzdielenboden zuliebe, die Stiefel gegen Pantoffeln. Es geht hinauf in die Küche, wo er Wasser für den Kräutertee, griechische Mischung, aufsetzt und nebenher von seiner Kindheit in Reichenbach an der Fils erzählt: Seine Eltern waren Flüchtlinge aus Donauschwaben, den Vater hatten die Kriegsgräuel schier sprachlos gemacht, die Mutter litt unter der Vertreibung aus der Heimat. Beim Bau des Eigenheims musste Jo täglich mit anpacken, auch wenn er mit Gymnasium und Fußballverein eigentlich ausgelastet war. „Solche Erfahrungen prägen eine Persönlichkeit“, sagt Frühwirth heute. Womit wir bei seinem Lieblingsthema wären: Warum sind Menschen so, wie sie sind?

Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte lang war Jo Frühwirth Fernsehjournalist beim SDR und SWR, leitete und moderierte Sendungen zu Lebensthemen – von A wie Autismus bis Z wie Zölibat. Er war kein Mann, der für sagenhafte Quoten stand, sondern für hervorragende Qualität. Vor vier Jahren, kurz bevor er in Rente ging, wurde er für einen Film über Wachkomapatienten mit dem Medienpreis der Caritas ausgezeichnet. In der Laudatio hieß es: „Frühwirth hat wieder unter Beweis gestellt, dass er in seinem Genre einer der Besten ist.“

„Abenteuer Biografie“

Allmählich treffen die Gäste des Blauen Salons ein, an den Füßen tragen sie Gästepantoffeln. Frühwirth begrüßt Elke, eine Körpertherapeutin aus Weinsberg, mit einer engen Umarmung. Rainer, ein Arbeiter aus Murrhardt, ist eher der Typ Handschüttler. Er hat bereits fünf Seminare unter dem Titel „Abenteuer Biografie“ bei Frühwirth belegt, zuletzt wurde die Beziehung zu seinem verstorbenen Vater näher beleuchtet. Irene und Tim kommen die Treppe hoch: sie Sozialpädagogin, Mutter zweier Söhne und hochschwanger, er professioneller Gaukler und Vater dreier Töchter. Die beiden Elternteile repräsentieren ein alternatives Milieu, das sich in den vergangenen Jahren im idyllischen Großhöchberg angesiedelt hat und Frühwirths Stammkundschaft bildet. Mit Verspätung erscheint schließlich Ursula, eine ältere Dame. Sie hat sich die rutschige Anreise von Sulzbach aus zugetraut und passt mit ihrer schrillen Ina-Müller-Art so gar nicht in das Bild, dass man gemeinhin von einer schwäbischen Kleinstadtrentnerin hat.

Frühwirth bittet die Gäste in den Seminarraum, wo auf blau gedeckten Campingtischen Getreidegebäck und Erdnüsse zum Knabbern bereitstehen. Noch schnell die Kerzen anzünden, dann kann der offizielle Teil des Abends beginnen. Die Überschrift des heutigen Blauen Salons lautet: „Ich sagen ist kein Egoismus.“ Zum Einstieg in das Thema schlägt der Gesprächsleiter eine Übung vor: „Wir stehen abwechselnd auf, formulieren einen Satz zu etwas, das uns am Herzen liegt, und beenden unser kurzes Statement mit den fünf Worten: ,Und das ist mir wichtig!‘“

Irene möchte, dass es ihrer Familie gutgeht, Tim wohnt gerne in Großhöchberg, Elke genießt ihre Omarolle, Rainer ist zufrieden mit seiner Arbeit, und Ursula jobbt neben der Rente als Sicherheitskraft bei VfB-Heimspielen. Wie war das, vor Fremden über sich selbst zu sprechen? „Hört in euch rein“, sagt Frühwirth. „Wie wirkt es auf euch? Was ist in euch passiert?“