Porträt von Patric Seibert Der Mann mal fürs Feine, mal fürs Grobe

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Im Bayreuther „Ring des Nibelungen“ von Frank Castorf ist Patric Seibert nicht nur Regieassistent. An allen vier Abenden ist er in einer Statistenrolle auf der Bühne zu erleben.

Patric Seibert hat an vier Abenden eine Statistenrolle und steht auf der Bühne. Foto: Wittek
Patric Seibert hat an vier Abenden eine Statistenrolle und steht auf der Bühne.Foto: Wittek

Bayreuth - Regisseure auf der Bühne sind die Ausnahme, auch in Bayreuth. Patrice Chéreau sprang im dritten „Ring“-Zyklus 1977 einmal für den verletzten René Kollo ein, der von der Seite her sang. Chéreau hätte sich vor Aufregung fast übergeben, machte seine dann aber Sache sehr ordentlich. Kunststück, könnte man sagen. Er hatte die Figur in ihrer neuen Beweglichkeit schließlich erfunden.

Ein Figurenerfinder jenseits vorhandener Figuren wiederum ist Hans Neuenfels, der gerne mit Helfern, Engelsbegleitern oder Brüdern und Schwestern im Geiste vom Personal auf der Bühne arbeitet. Ausgerechnet in seiner hochartifiziellen, immer noch intellektuell herausfordernden Inszenierung des „Lohengrins“ in Bayreuth, die Andris Nelsons mit Aplomb dirigiert, verzichtet er darauf, sieht man einmal von der szenischen Grundsetzung ab, dass aus den meisten Menschen hier bereits Ratten geworden sind, also eigentlich etwas Anderes als geplant.

Sozusagen brodelnd kühl verhält sich der „Lohengrin“ des Manieristen Neuenfels im Kontrast zu Frank Castorfs „Ring“-Deutung, die nicht wenig auf gut organisiertes Chaos setzt. Personentechnisch mit am meisten los ist im zweiten Aufzug der „Götterdämmerung“, wo der Chor sich bei Wagner wie aus dem Nichts in dem ansonsten chorlosen Stück breit macht. Castorf nimmt das Volk beim Wort. Es werden Fahnen geschwenkt und Küsse getauscht, es wird geraucht, gesoffen und gefressen. Zuständig für die kollektive Versorgung aus der Döner-Bude heraus ist ein Mann, den es bei Wagner nicht gibt: der allgegenwärtige Statist Patric Seibert, im eigentlichen Beruf Regieassistent bei Frank Castorf, knapp vierzig Jahre alt, Vater eines fast erwachsenen Sohnes, existenziell aber dermaßen ans Theater gekettet, dass Seibert lügen müsste, wenn er sagte, die Bühne sei nicht sein Leben.

Tod eines Statisten

In der „Götterdämmerung“ blüht ihm ein Abgang der nahe liegenden Sorte. Als er zum letzten Mal mit bloßer, blutiger Hand durch den Kartoffelsalat gepflügt ist, wird er innerhalb der sich radikal verschärfenden Stimmung („Schmeißt die Öfen wieder an!“, steht auf Plakaten) zum Opfer eines Mordes. Die Rheintöchter finden ihn als Gemetzelten wieder im Kofferraum ihres schönen, alten Mercedes. Tod eines Statisten, mehr nicht, aber trotzdem gibt einem die Szene selber einen Stich.

Man hat sich nämlich an Seibert richtiggehend gewöhnt, weil er seit dem „Rheingold“ immer da ist, wo nun etwas fehlen wird. Wer in kommenden „Ring“-Inszenierungen, außer in Bayreuth, nach Seibert sucht, kann ihn nicht finden, und es könnte soweit kommen, dass man sich das als Besucher des Castorf-„Rings“ gar nicht mehr vorstellen mag. Auf seltsame Weise nämlich füllt Seibert nicht nur eine Leerstelle, er weist auch erfüllt über sie hinaus: als ubiquitärer Barkeeper und Service-Mann im „Rheingold“, als lesender Arbeiter im Geflügelstall der „Walküre“, und, Glanzstück, zuerst als angeketteter, lesewilliger, bildungssüchtiger Bär in Menschengestalt im „Siegfried“, sowie hernach als eifriger Kellner auf dem Berliner Alexanderplatz, wo Wotan und Erda Spaghetti essen, bis der Gott ein Glas Roten ins Gesicht bekommt. Und Seibert? Bleibt auf der Rechnung sitzen. Er ist, so viel wird klar, der Dauergeschädigte in diesem „Ring“, der ewige Verlierer als Stehaufmännchen, bis zum Ende.

Als Bär ist die literarische Transformation offensichtlich: Seibert ist nichts anderes als der Wiedergänger von Lucky aus Becketts Stück „Warten auf Godot“. Hat eine Schlinge um den Hals – und schaut, nachdem er mit Öl, was sonst, Blackfacing betrieben hat, immer sehr beflissen und zugleich sehr angstvoll aus der Wäsche.

Demnächst ist er am Theater Meiningen zu finden

Patric Seibert selbst sieht sich als dramaturgischen „Störfaktor“, und einen besseren hat man noch nicht gesehen. Buchstäblich bringt einen die Figur auf andere Gedanken, auf naheliegende und weit entfernte Verbindungen. Und dann transportiert Seibert, Ostberliner mit in Russland geborener Mutter und Student der Musiktheaterregie und Orgel in Novosibirsk, auch persönlich noch eine Binnenbotschaft des Stücks. Im Jahr 1933 geht sein Vater nach Moskau. Von da aus kommend, kehren seine beiden Onkels als Angehörige der Roten Armee wieder nach Deutschland zurück. Davon erzählt Castorf: vom Willen, eine neue Welt zu bauen, und von der Unzulänglichkeit des Menschen, über sich, seine Natur und seine Ideologie hinaus zu gelangen.

Nach der Sommerzeit in Bayreuth, das ist nun sozusagen die Überpointe der Geschichte, geht Patric Seibert als leitender Dramaturg ans Theater nach Meinungen, wo Kiril Petrenko 2001 einen „Ring“ leitete, der ihn als Dirigenten in eine andere Umlaufbahn katapultierte. Meiningen als Sprungbrett? Man sollte Patric Seibert jedenfalls besser nicht mehr aus den Augen verlieren.

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