Preacher Slam in Stuttgart Pfarrer füllen Kirche mit Poesie

Von Heidemarie A. Hechtel 

Wie bekommt man eine Kirche voll? Mit außergewöhnlichen Ideen wie dem 1. Stuttgarter Preacher Slam, den Pfarrer Til Bauer am Freitag in der Steigkirche ausrichtete und bei dem kein Platz leer blieb. Den Sieg in Sachen Poesie unter zehn Konkurrenten errang ein Pfarrer aus Lorch.

Pfarrer Christian Leidig beim ersten Stuttgarter Preacher Slam in der Cannstatter Steigkirche. Foto:Lichtgut/Jan Reich Foto:   5 Bilder
Pfarrer Christian Leidig beim ersten Stuttgarter Preacher Slam in der Cannstatter Steigkirche. Foto:Lichtgut/Jan Reich

Stuttgart - Pfarrer und Prediger sind den großen Auftritt vor Publikum gewohnt. Ihre Bühne ist die Kanzel, von der sie nicht nur das vorgegebene Wort Gottes, sondern auch ihre eigenen Gedanken verkünden. Wortgewandt, überzeugend, anregend und oft auch überraschend.

Ein geistiges und darstellerisches Potential, das die zehn Damen und Herren im Dienst der beiden großen christlichen Kirchen schon mal kraft Amtes für den Wettbewerb beim Preacher Slam mitbringen. Aber Poetry Slam ist mehr, wie Timo Brunke, der Stuttgarter Hero der Szene, das Publikum einstimmt: „Es ist ein Gesellschaftsspiel, das die Synapsen mobilisiert, Hirn und Verstand, Herz und Seele bewegt und geistige Orgasmen auslöst.“ Hoppla, wir sind doch in der Kirche. Die aber ist grün und blau magisch ausgeleuchtet und wird zur Kulisse für manche provokanten Gedankengänge und Formulierungen, wie sie hier nicht zum gewohnten Kanon gehören.

Wettstreiter in Sachen Poesie

Denn die Wettstreiter in Sachen Poesie begeistern nicht nur mit Kreativität und Talent, man spürt auch ihre Lust, auf dieser verbalen Spielwiese unkonventionelle Gedanken zu- und rauszulassen. Gegen den Strich gebürstet, vielleicht sogar mit einem Stich ins Ketzerische, ein bisschen frech und auf jeden Fall sehr originell. Das Publikum jubelt.

Ohne Luther geht es natürlich nicht, schon gar nicht am Geburtstag des Reformators am 10. November. Offenbar etwas übersättigt vom Tand der Werbung im Jubiläumsjahres findet Pfarrer Philipp Dietrich aus Neuenstadt das Bild von der „ganzen Welt im Luther-Vermüllungsschrott“, reimt assoziativ „lasst uns froh und Luther sein“ und bekennt frank und frei: „Ich bin gegen Reformation.“ Pfarrerin Sabine Löw gestaltet ihren fiktiven Dialog mit dem Kollegen Til Bauer über die Botschaft des Evangeliums, gemischt mit säkularen Randbemerkungen, zu einem Kabinettstückchen mit Einschüben in herzhafter Mundart.

Der Herbst inspiriert gern die Dichter. Man denke nur an Pfarrer Eduard Mörike („Im Nebel ruhet noch die Welt…“). Auch Charlotte Sander, Pfarrerin an der Veitskapelle in Mühlhausen, fallen zum November „ko-mische Gedanken“ ein: „Jetzt bewegt sich die Welt nach unten.“ Pastoralreferentin Suse Mandl, die sich als Katholikin „in die Höhle des Löwen traut“ und damit ein schönes Beispiel für gelebte Ökumene liefert, tröstet, dass der November nicht nur „trüb und platt“ sein muss. Sondern, wie Pfarrerin Teresa Nieser empfiehlt, eine gute Zeit, um auf die Stille zu hören.

Traurig-heitere Geschichte

Was wäre, wenn? Wenn es die Kirche nur noch ein Jahr lang gäbe, wie Pfarrer Christian Leidig aus Birkach sinniert. Oder wenn, so die Vision von Pfarrer Christof Messerschmidt aus Lorch, auf der Welt plötzlich Frieden einkehren würde. Man wird doch noch mal fragen dürfen. Wer aber wird Sieg und Trophäe davontragen, gemessen an der Intensität des Beifalls? Til Bauer mit seiner traurig-heiteren Geschichte vom Tod der Mutter und den esoterisch angehauchten Trauerritualen der Anthroposophen? Oder Stephan Mühlich, Studierendenpfarrer in Vaihingen, der stumm und pantomimisch darstellt, dass er manchmal vergeblich auf die Botschaft Gottes lauscht und dabei zu einer skurrilen Betrachtung von Karpfen und Koi kommt?

Ein bisschen Frieden. Wie 1982 Nicole im Eurovision Song Contest trägt Messerschmidt mit dieser Wunschvision im Finale mit Mühlich dann doch den Sieg davon. Für seine witzige, boshafte und bejubelte Verballhornung des Vaterunser-Gebetes.

„Für mich geht damit ein Traum in Erfüllung“, bekennt Til Bauer, der nicht nur bereits einen Poetry und Preacher Slam-Workshop, sondern auch die Feuertaufe eines öffentlichen Auftritts in der Stuttgarter Rosenau absolviert hat. Denn es soll nicht beim ersten und einzigen Dichterwettstreit vorm Altar bleiben. Die Trophäe Stuttgarter Slamsteiger, eine Skulptur mit aufgeschlagener Bibel, aus der Kreuz und Fernsehturm erwachsen, muss dann neu erkämpft werden. Vielleicht auch vom diesjährigen Sieger Christof Messerschmidt.

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