Premiere im Renitenztheater mit den Honey Pies Die Drei von der Swingstelle

Von Rupert Koppold 

Das Sängerinnentrio Honey Pies aus Stuttgart präsentiert im Stuttgarter Renitenz eine turbulente musikalische Revue: „Flittchen im Kittchen“.

Die Honey Pies mit Sebastian Weingarten in der Mitte. Foto: Theater
Die Honey Pies mit Sebastian Weingarten in der Mitte. Foto: Theater

Stuttgart - „Ganz schlechte Schwingungen!“, konstatiert Susanne Schempp als esoterisch angehauchte Rotlicht-Sozialarbeiterin gleich im ersten Satz dieses „Sing-Sing-Spiels“. Zusammen mit einer blond-frischen Heiratsschwindlerin (Dorothee Götz) und einer streng-herben Steuerbetrugsfrau (Anette Heiter) steckt sie nun, so der Titel des Stücks, als „Flittchen im Kittchen“ – und gleichzeitig in einem schicken weißen Overall mit Reißverschluss-Applikationen. Nein, dieses Trio wirkt nicht so, als wäre es zur Untersuchungshaft angetreten, es führt sich eher so auf, als wolle es eine neue Form der Wellness erfahren und nimmt deshalb die hellen Holzliegen so in Beschlag, als wären es Sonnenbänke.

Nachdem ein Räucherstäbchen angezündet wurde, dessen süßlicher Duft sich bei der Premiere auch im gut gefüllten Saal des Renitenztheaters ausbreitet, überziehen diese drei Damen vom imaginären Grill auch gleich den in Frackschößen herumscharwenzelnden Schließer (Sebastian Weingarten) mit Klagen in Sachen abwesendem Maserati oder sehr anwesendem Gefängnisfraß. Und diese Klagen werden nun auch musikalisch vorgetragen, das im Zivilleben als Honey Pie bekannte Frauentrio funktioniert jetzt Elvis Presleys „In the Ghetto““ um und lamentiert: „Schluss mit Twittern / Hinter Gittern!“

Songrevue

„Die Songs waren schnell gefunden – einige ,Klassiker‘‘ wurden umgetextet, einige wurden gecovert, viele Stücke zum Thema passend neu geschrieben – die Kompositions- und Arrangement-Werkstatt arbeitete auf Hochtouren“, so schreibt Anette Heiter über die Entstehung dieser Song­revue, die schließlich „zum Theaterstück“ geworden sei. Aber so richtig tragfähig ist dieses Stück leider nicht, es deutet seine Grundidee eher an, als sie wirklich auszuführen, es entwickelt keine Geschichte, sondern verharrt in einer Situation, die auch jederzeit vergessen werden kann. Dann folgt einfach eine Musikeinlage zu einem mehr oder weniger beliebigen Thema, etwa zu Mann und Frau, zu Gift und Nahrung oder zu Reichtum und Diät. Der Refrain von Billy Joels „We didn’t start the Fire!“ heißt dann beispielsweise: „Das geht mir auf die Eier!“

Wobei „Musikeinlage“ das falsche Wort ist, die Songs sind ja nicht die Beigabe, sie sind die Höhepunkte. So vage diese Revue als Theaterstück bleibt, so vergeblich hier auch drei Frauen nach ihren Schauspielrollen suchen: als Musikerinnen an Gitarre, Klavier, Bass, Becken oder Ukulele und als Sängerinnen im Bereich Alt (Anette Heiter), Sopran (Dorothee Götz) und Mezzosopran (Susanne Schempp) – eben als Honey Pie! – sind sie sofort in ihrem Element. Da ist dieses Trio plötzlich sehr fokussiert, da stimmen Tempo und Timing, da füllt sich der Raum mit Wärme und Wohlklang, da knüpfen drei sehr gut harmonierende Stimmen einen magischen Teppich aus Tönen, auf dem man gerne mitfliegt.

Die Frau Heiter braucht jetzt mal Verkehr

„Flittchen im Kittchen“ ist ein Flug in die Nostalgie, in die Zeiten von Swing und Blues und „Aquarius“, auch hinein in das musikalische Kabarett der fünfziger und sechziger Jahre, als sich ein Film wie „Das Wirtshaus im Spessart“ milde-satirische Lieder oder der „Kriminal-Tango“ ein paar frivole Zeilen leistete. Es könnte allerdings sein, dass etwa Susanne Schempps Wie-werde-ich-meine-Leichen-los-Song gar nicht so harmlos-rückblickend gemeint ist, jedenfalls wollen sich die Texte immer wieder in die Gegenwart drängen. Und sie tun dies mit modernen und auch mit bösen Wörtern, die sich dann anhören wie fehlgeschlagene Mutproben. Zu Cole Porters „I get a Kick out of you“ etwa singt Anette Heiter: „Lass mich mit Facebook in Ru, /  ich brauch ’nen Fick ab und zu!“

Dorothee Götz zieht auch mal ihren Reißverschluss auf und lässt ein, wie man früher gesagt hätte, verruchtes Dessousteil vorspitzen, Anette Heiter präsentiert sich am Ende gar im Schwarzlack-Domina-Look und peitscht den Renitenz-Intendanten Sebastian Weingarten in einer seiner fünf Rollen aus. Ansonsten ist diese Revue recht frugal ausgestattet, auf der Bühne bleibt außer der Beleuchtung alles so, wie es von Anfang an war. Aber jetzt wird a-capella „Summertime“ angestimmt, wunderbar hört sich das an – und alles ist wieder gut. Auf Bollywood-DVDs darf man ja wählen, ob man den ganzen Film sehen will oder nur die Musiknummern. Böte dieses Renitenz-Programm eine solche Wahl an – man würde die eine oder andere Stelle zwischen den Songs wohl überspringen.

Vorstellungen am 17. und vom 25. bis 31. Dezember. Weitere Termine bis Februar. Beginn um 20 Uhr, sonntags um 19 Uhr.