Privatleute bauen mitten in Heilbronn eine inklusive Wohnsiedlung Dörfliches Miteinander mitten in der Stadt

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Für 12,5 Millionen Euro entstehen am Heilbronner Südbahnhof 42 Wohneinheiten für Menschen mit und ohne Handicap. Die Investoren sind Eltern behinderter Kinder, die ihren Sprösslingen ein möglichst selbstständiges Leben ermöglichen wollen.

Ein Wohnblock für Jung und Alt, für Behinderte und Nicht-Behinderte. Foto: AK Holding
Ein Wohnblock für Jung und Alt, für Behinderte und Nicht-Behinderte. Foto: AK Holding

Heilbronn - Es hat eine Weile gebraucht, bis Anne Sandrisser gemerkt hat: Simon ist anders als andere Kinder. Wie viele Mütter besuchte die Heilbronnerin mit ihrem Erstgeborenen eine Krabbelgruppe. Die anderen Babys entwickelten sich. Simon entwickelte sich – anders. Mit der Zeit stellte sich heraus: Der Junge ist schwer geistig behindert, körperlich eingeschränkt und Autist. Mittlerweile ist Sandrissers Sohn ist schon lange kein Baby mehr, sondern 22 Jahre alt. Als junger Mann soll er, so gut er es eben kann, auf eigenen Beinen stehen, das wünschen sich seine Eltern sehr für ihn. „Wir glauben, dass er dadurch noch sehr viel lernt“, sagt die Mutter dreier Kinder.

Aber ganz ohne Hilfe wird ihr Größter nicht auskommen. Funktionieren könnte das in einem kleinen Dorf inmitten der Stadt, in dem Menschen mit und ohne Handicap, Junge und Alte, Studenten und Familien miteinander leben und sich gegenseitig unterstützen. Das war die Idee, die Anne Sandrisser vor fünf Jahren zusammen mit anderen Eltern behinderter Kinder aus dem Heilbronner Raum hatte. Von September an wird dieser Wunsch realisiert.

Wohnungen für Alt und Jung

Bis zum Ende nächsten Jahres sollen auf dem Gelände des ehemaligen Südbahnhofs 42 Mietwohnungen entstehen, in denen einmal bis zu hundert Menschen leben sollen. Mitten in der Stadt werden also Einheiten in den unterschiedlichsten Größen gebaut: Vom kleinen Appartement, gedacht für Studenten, bis zur großzügigen Senioren- oder Inklusions-Wohngemeinschaft mit 400 Quadratmetern; barrierefrei werden alle Wohneinheiten sein. Die Baugenehmigung ist erteilt, im September soll der Baubeginn sein. Das Projekt kostet 12,5 Millionen Euro, die von der Kapitalgesellschaft Buntes Wohnen Heilbronn GmbH & Co KG mit ihren zwölf Gesellschaftern getragen werden.

Die Geldgeber kennen sich schon lange und sind einander eng verbunden. „Ein behindertes Kind zu haben, macht viel mit einer Familie“, sagt die 52-Jährige – mit den Eltern, aber auch mit den jeweiligen Geschwistern. Der Redebedarf ist groß. Anne Sandrisser besuchte darum, als Simon noch klein war, einen Gesprächskreis für Eltern on Kindern mit Handicap. Irgendwann war der Gesprächskreis beendet, den Kontakt hielten die Familien bis heute. Die Sprösslinge wurden größer, aber der Austauschbedarf nicht kleiner: Man redet über Therapiemöglichkeiten, über Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten. In den vergangenen fünf Jahren redete man immer öfter über die Zukunft der Kinder, die eben keine Kinder mehr sind. „Wir haben uns verschiedene Inklusionsprojekte angeschaut“ – und irgendwann entschieden: „Wir machen das selbst.“

Zukunft für die groß gewordenen Kinder mit Handicap

Schließlich gehört zum Kreis der Initiatoren auch Jürgen Kälber, der als Chef der Heilbronner Immobilienfirma AK Holding vom Fach ist. Dort laufen die Fäden für die Vermarktung zusammen. Die Stadtsiedlung Heilbronn, von der die Buntes Wohnen GmbH auch das Grundstück gekauft hat, begleitet das Vorhaben bei der Vergabe, der Projektsteuerung und der Kostenüberwachung. Der Baubürgermeister Wilfried Hajek hat das Vorhaben bereits als Meilenstein im Bereich Inklusion gefeiert.

Ein Verein soll Gemeinschaftsaktivitäten fördern

Eine mutige Initiative ist es auf alle Fälle. „Das Wohnzimmer der Immobilie wird der Innenhof“, sagt Anne Sandrisser. Dort soll es ein kleines Bistro geben, außerdem einen Fahrradraum mit Werkstatt. „Wir haben jetzt schon jemanden, der dort die Reparaturen machen wird.“ Die Offenen Hilfen Heilbronn, ein Träger, der Behinderte und ihre Familien unterstützt, wird die fachliche Betreuung der dort lebenden Menschen mit Handicap übernehmen.

Studenten, die eines der kleinen Appartements ergattern, können und sollen ihre Nachbarn ebenfalls unterstützen. Dafür können sie sich vom Träger anstellen lassen und ein bisschen dazu verdienen. Das Geld soll aber nur ein Anreiz für sie sein. Die Idee ist eine andere.

„Wir möchten Mieter haben, die dieses Wohnkonzept leben wollen“, betont Anne Sandrisser: das Konzept von einem dörflichen Miteinander, in dem der eine auf den anderen acht gibt, mitten in der Stadt. Damit diese Idee mit Leben gefüllt wird, haben die Initiatoren des Projekts im vergangenen Jahr den Verein Buntes Leben Heilbronn gegründet: Der soll die gemeinsamen Aktivitäten bündeln.


Das Südbahnhof-Gelände umfasst 5,5 Hektar, das entspricht etwa sechs Fußballfeldern. Das Areal liegt zwischen dem Heilbronner Rathenauplatz und der Stuttgarter Straße. Etwa anderthalb Kilometer sind es zum Marktplatz, ebenso weit ist es zum Hauptbahnhof.

Am Südbahnhof ist 1999 der letzte Zug abgefahren. Bis dahin waren die Gleise noch für den Güterverkehr genutzt worden. Schon 1966 hatte die Bahn den Personenverkehr eingestellt.Der Bahnhof in der Südstadt ist 1900 eröffnet worden als Endstation der Bottwartalbahn.

Das Gelände ist lange brachgelegen. 2005 erwarb die Bahntochter Aurelis das Areal und ließ einen Rahmenplan erarbeiten. Seit etwa einem Jahr wird am Südbahnhof gebaut. Dort entstehen 330 Wohnungen, 294 Studentenapartments und ein Pflegeheim mit 87 Plätzen.