Pro und Kontra: der „Tatort“ als Zweiteiler Doppelfolgen, ja oder nein?

Am Freitag und Sonntag zeigt die ARD wieder einen „Tatort“-Zweiteiler, dieses Mal mit Til Schweiger in der Hauptrolle. Ein Pro und Kontra zu den ARD-Doppelfolgen.

Till Schweiger als Nick Tschiller im „Großen Schmerz“ Foto: NDR 6 Bilder
Till Schweiger als Nick Tschiller im „Großen Schmerz“Foto: NDR

Stuttgart - Am Freitag und Sonntag breitet sich der „Tatort“ wieder als Zweiteiler aus: Til Schweiger beschäftigt sich an zwei Abenden mit einem Fall. Dass die Kommissare jetzt immer häufiger immer länger ermitteln dürfen, ist doch prima. Oder? Ein Pro und Kontra zu den ARD-Doppelfolgen.

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Zugegeben: wenn der „Tatort“ nicht mehr neunzig, sondern hundertachtzig Minuten dauert, verteilt auf zwei Sendetermine, muss sich einiges ändern. Dann reicht es nicht, zig Mal dieselben drei Verdächtigen zu fragen, von denen der eine so auffällig ist, dass er aus Prinzip schon nicht der Täter sein kann. Die verlängerte Erzählzeit darf auch nicht dazu missbraucht werden, die sowieso schon episch langen Szenen ohne Worte mit düsterem Soundtrack und depressiv schauenden Hauptdarstellern zu verlängern – auf keinen Fall!

Aber ein zwei- oder gar mehrteiliger „Tatort“ bietet die Chance, endlich komplizierte Handlungsstränge und aufeinander aufbauende Geschichten zu schaffen – so wie es das ZDF sonntags um 22 Uhr mit schwedischen Mehrteilern vormacht, derzeit mit Kommissarin Lunds „Verbrechen“ oder zuvor bereits mit Stieg Larssons Millennium-Reihe. Da fiebert der Zuschauer vor Spannung mit und zählt die Stunden, bis wieder Sonntag ist. Große Verschwörungen werden aufgedeckt, die Identifikation mit den Figuren erhöht sich, deren Persönlichkeit und Privatleben gewinnen Tiefe – ohne dass der Zuschauer monatelang auf die Fortsetzung der jeweiligen Beziehungskrise warten müsste.

Die Doppelfolgen sind eine Chance, das in Ehren ergraute „Tatort“-Gewand abzustreifen und lebendige, fesselnde Geschichten zu erzählen. Die ARD sollte sie ergreifen und den guten alten Sonntagskrimi modernisieren. Dann muss Anne Will um 21.45 Uhr das Publikum nicht aus der Lethargie wecken. Sie trifft dann auf aufmerksame, hoch gespannte Zuschauer, die sich mit Begeisterung in ihre Talkshow stürzen.

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Das Tatort-Ritual ist eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits möchte sich der Mensch am Sonntagabend gemütlich in die Sofakissen gleiten lassen, um sich vor dem Wochenstart rammdösig der Fernsehberieselung hinzugeben. Andererseits möchte man beim Sonntagabendkrimi gerne seinen kriminalistischen Spürsinn testen, mindestens aber mit wachem Geist den Fall bis zum Schluss verfolgen – wenn es nicht gerade ein besonders einschläfernder Tatort ist. Am Ende kann man sich zufrieden in die Waagrechte begeben, der Fall ist abgeschlossen und der Mörder gefasst. Im besten Fall hat man auch schon früher als der Mitgucker gewusst, wer der Schurke ist. Zufriedenstellender kann das Tatort-Ritual nicht ablaufen!

Und jetzt Doppelfolgen? Nein, sie bringen den schönen, in sich abgeschlossenen, von Natur aus folgerichtigen Ablauf völlig durcheinander! Es reicht ja nicht mehr aus, dass man sich über neunzig Minuten hinweg die volle Konzentration abringt. Man soll sich jetzt auch noch sämtliche Handlungsstränge, Hintertürchen, Nebenschauplätze, Fallstricke, falsche Fährten und Fahndungsfortschritte merken! Manchmal eine ganze Woche lang! Als ob das wahre Leben bis zur Fortsetzung des „Tatorts“ nicht schon spannungsgeladen genug wäre!

Beim neuen Til-Schweiger-Tatort kann man noch von Glück sprechen, dass man nur zwei Mal schlafen muss bis zur nächsten Folge. Wobei uns das Abspeichern und Abrufen von voraussichtlich unübersichtlich vielen Verfolgungsjagden, Schießereien und Dicke-Hose-Dialogen in diesem besonderen Fall möglicherweise auch ein paar Tage länger gelungen wäre . . .

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