Prostitution in S-Mitte Der Rotlichtbetrieb breitet sich aus

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Prostitution im Sperrbezirk ist Alltag, dafür sprechen die Zahlen der Polizei aus dem letzten Jahr. Kritiker werfen der Stadt deshalb Desinteresse an dem Thema vor – der Ordnungsbürgermeister hält dagegen.

Aktuell mehren sich die Beschwerden über illegale Prostitution im Bohnenviertel – sogar Bordellbetreiber beklagen sich. Foto: red
Aktuell mehren sich die Beschwerden über illegale Prostitution im Bohnenviertel – sogar Bordellbetreiber beklagen sich. Foto: red

S-Mitte - Die Zahlen sind unwiderlegbar: Die Polizei hat 2012 gegen 7000 Prostituierte und 1800 Freier Platzverweise samt einem Bußgeld verhängt. Seit knapp anderthalb Jahren bemüht sich ein Arbeitskreis im Rathaus, den Rotlichtbetrieb zu bändigen. „Die Stadt tut sehr viel“, sagt Hermann Karpf, der persönliche Mitarbeiter des Ordnungsbürgermeisters Martin Schairer. Die Stadt hat eigens ein Haus am Wilhelmsplatz gekauft, um ein Bordell zu schließen. Der Kauf weiterer Häuser ist angekündigt.

Der Augenschein ist ebenso unwiderlegbar: Immer mehr Frauen stehen im Sperrbezirk auf der Straße. Aktuell beklagen vor allem im Bohnenviertel Anwohner und Geschäftsleute, dass die Dirnen bei jedem Fußgänger für ihre Dienste werben, außerdem, dass immer mehr Wohnungen einschlägig genutzt werden, nicht mehr nur drei polizeibekannte Absteigen. Diese Beobachtungen „sind sicher nicht falsch“. So sagt es ebenfalls Karpf.

Der Anblick von Huren auf der Straße schreckt längst niemanden mehr, der in der Gegend rund ums Leonhardsviertel lebt. Aber „uns fehlt inzwischen der gegenseitige Respekt“, sagt Axel Hellmann, der Vorsitzende des Gewerbevereins im Bohnenviertel. Dessen Mitglieder beklagen, dass die Dirnen die Kundschaft verjagen. In einem – weiteren – Arbeitskreis sollen zusammen mit der städtischen Wirtschaftsförderung Lösungen erdacht werden.

Steigende Strafen sind weitgehend Theorie

Wie die Sitten sich geändert haben, beschreibt Hellmann bildhaft: „Die Gewerbetreibenden müssen jeden Morgen Müll zusammenklauben, da kommen bis zu zwei gelbe Säcke zusammen.“ Dass Wohnungen und ganze Häuser zunehmend für Prostitution genutzt werden, „wundert mich sehr“, sagt Hellmann. Was heißen soll: Ihn wundert, dass die Stadt nicht konsequenter gegen die Ausbreitung vorgeht. Zweifellos ist die Rechtslage verworren bis verwirrend, seit Prostitution ein legaler Beruf und Zuhälterei kaum mehr beweisbar ist. Das Gesetz unterscheidet zwischen Bordellen, bordellartigen Betrieben, sogar zwischen legaler und illegaler Wohnungsprostitution. Juristisch „ist jeder Fall ein Einzelfall“, sagt Karpf. „Es ist nicht so einfach, wie alle es sich wünschen, leider.“

Selbst steigende Strafen fürs Anschaffen im Sperrbezirk sind weitgehend Theorie. Beim ersten Mal sind 180 Euro fällig, beim zweiten 300, der dritte Verstoß ist eine Straftat. Allerdings werden etliche Dirnen regelrecht auf Touren verschickt. Sie wechseln alle paar Wochen die Stadt. Ganz abgesehen vom Polizei-Alltag: „Wenn die Frauen uns sehen, rennen sie weg“, sagt Thomas Geiger von der Polizei-Pressestelle. „Sind wir um die Ecke, stehen sie wieder da“.

Allerdings steigt die Zahl jener, die Hinweise auf juristische oder alltägliche Hindernisse nicht mehr akzeptieren. „Es ist geradezu zynisch, dass wir das Hotel Dieter im Hotelführer der Stadt anführen“, sagt die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, die seit Jahren mahnt und schimpft, über das Leonhardsviertel ohnehin, außerdem dass „das Bohnenviertel kaputt geht“. Das Hotel Dieter gehört zu jenen Absteigen.

Ein Dutzend illegale Bordelle im Leonhardsviertel

Die Stadt stuft allein im Leonhardsviertel rund ein Dutzend Häuser als „illegale Bordelle“ ein – und beteuert, dass alles für eine Schließung unternommen werde. Dagegen kam jüngst von unerwarteter Seite Einspruch. Zwei Betreiber legaler Bordelle schickten einen juristischen Schriftsatz an die Gemeinderatsfraktionen. Darin listen sie im Leonhardsviertel 22 Sexbetriebe auf, die nicht genehmigt seien. Vor Gericht streitet die Stadt derzeit gegen vier. Stuttgartweit zählen die Bordellbetreiber weitere 64 Betriebe und halten sofortige Schließungen für rechtlich unproblematisch. Dem Schreiben liegen Urteile bei, darunter eines, in dem das Verwaltungsgericht München den sogenannten Sofortvollzug als „regelmäßig gerechtfertigt“ einstuft.

Der Gemeinderat nimmt illegale Prostitution bisher im Sinne einer Randnotiz wahr. Jüngst hat die SPD das Thema entdeckt. Der Anlass war bemerkenswert: Zweimal sollten Berichte diskutiert werden, die das Elend Prostituierter drastisch beschreiben. Beide Male wurde der Tagesordnungspunkt gestrichen. Beim zweiten Mal waren sogar mehrere Berichterstatter bestellt gewesen. „Das Thema war schon immer igitt und wird von Ausschuss zu Ausschuss geschoben“, sagt die SPD-Stadträtin Ariane Zürn. Ungeachtet rechtlicher Hürden „könnte der Gemeinderat mit öffentlichen Beratungen ein Zeichen setzen“.

Manches Zeichen, das die Stadt tatsächlich setzt, mutet merkwürdig an. Erst jüngst hat Finanzbürgermeister Michael Föll bekannt gegeben, die städtische Wohnungsgesellschaft SWSG werde vier Häuser im Rotlichtviertel kaufen, ausdrücklich, um Sexbetriebe zu verdrängen. Allerdings sind drei jener vier Häuser frei von Prostitution. Zwei von ihnen besitzt ohnehin schon die Stadt.

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