Protest gegen Atomkraft Die Bewegung ist in Bewegung
Rainer Klüting, 24.04.2010 10:46 Uhr
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Das "Strahlemännchen" und der alte Slogan der Anti-AKW-Bewegung sind in letzter Zeit wieder öfter zu sehen. Foto: dpa
Das "Strahlemännchen" und der alte Slogan der Anti-AKW-Bewegung sind in letzter Zeit wieder öfter zu sehen. Foto: dpa
""Zum ersten Mal seit 2000 steht in der Politik eine grundlegende Entscheidung bevor.""
Jochen Stay von der Hamburger Initiative Ausgestrahlt



Thorben Becker bestätigt das. Er erinnert daran, dass im letzten September 50.000 in Berlin gegen Atomkraft demonstriert haben. "Seit gut einem Jahr erleben wir, dass Aktionen größer werden, als sie geplant sind", sagt der 38-Jährige, der beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) für Klimapolitik und Energie zuständig ist.

Sein Mitstreiter Axel Mayer, Jahrgang 1955 und BUND-Geschäftsführer in Freiburg, kann auf 35 Jahre in der Anti-AKW-Bewegung zurückblicken. Aber er schaut lieber nach vorne. "Es gibt Debatten zwischen Jung und Alt", sagt er. "Aber keine Gegensätze. Die Jungen haben keine Lust mehr auf abendliche Sitzungen, wo organisiert wird." Vieles laufe über das Internet. Mayer sieht, ganz ohne Euphorie, die Protestbewegung gegen die Atomkraft in einem Aufwärtstrend. "Es gibt ein ständiges Auf und Ab." Nach dem rot-grünen Atomkonsens sei der Protest abgeflaut. Jetzt zeige sich, dass dieser Konsens "handwerklich sehr schlecht gemacht" sei. Nun gehe es wieder nach oben.

Auch die Wissenschaft beobachtet einen Wechsel


Und nicht nur bei Rot und Grün. Damals in Wyhl seien viele Konservative dabei gewesen - "die wirklichen Konservativen, die Bewahrer". Das sei ein regionales Phänomen gewesen. "Heute ist es ein bundesweites Phänomen." Seine Sorge: der Ausstiegsbeschluss habe die Gesellschaft befriedet. Die momentane Politik "kann zu einer Entfriedung führen".

Denn eines ist sicher, meint der Sozialwissenschaftler Dieter Rucht: "Die Mehrheit der Bevölkerung will die Atomenergie nicht oder ist für den Ausstieg." Umfragen bestätigten das immer wieder, auch wenn die Art der Fragestellung die Gewichte verschieben könne. Rucht, 64, forscht am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin über "Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa". Noch will er kein neues Aufkeimen einer Antiatomkraftbewegung diagnostizieren, dazu fehlen ihm gesicherte Aussagen über die Motive der Bewegten. Doch noch sind auch die Aussagen der Politik ambivalent zwischen einem Bekenntnis zum Ausstiegsbeschluss und dem lauten Nachdenken über längere Laufzeiten für AKW. Mit dem Schwinden dieser Ambivalenz kann die Bereitschaft in der Bevölkerung wachsen, sich einer Protestbewegung anzuschließen.

Allerdings bei den Jungen nicht mit "Verein, zweitem Kassenführer und Tagesordnung". Offene Formen treffen deren Lebensgefühl eher. Auch der Wissenschaftler hat eine "stark fluktuierende" und damit unkalkulierbare Bereitschaft beobachtet, sich mobilisieren zu lassen. Die Wissenschaft spricht von "situativem Engagement". Ob eine Mobilisierung zustande komme, hänge von vielem ab: sie brauche einen Rohstoff namens "manifeste Unzufriedenheit". Sie brauche das Gefühl, Teil einer Strömung zu sein. Sie brauche Vernetzung und das Gefühl, einen guten Zeitpunkt erreicht zu haben, ein "Gelegenheitsfenster". Und ohne direkten Bezug zum heutigen Tag ergänzt er: "Das kann in die Hose gehen. Aber die Mobilisierung kann auch unerwartet hoch sein."
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