""Zum ersten Mal seit 2000 steht in der Politik eine grundlegende Entscheidung bevor.""
Jochen Stay von der Hamburger Initiative Ausgestrahlt
Berlin - Der Sonderzug von Basel über Karlsruhe zum Atomkraftstandort Biblis ist seit Tagen ausgebucht. Ein zweiter von Berlin-Ost nach Elmshorn ebenfalls. Vier Sonderzüge, dazu Hunderte von Bussen bringen heute Menschen aus ganz Deutschland zu gemeinsamen Protesten - gegen die Atomenergie, gegen den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernenergienutzung, gegen Zwischenlager, die faktisch Endlager sind, gegen Atommülltransporte und für das Gedenken daran, dass morgen vor 24 Jahren das Atomkraftwerk in Tschernobyl die bisher größte Katastrophe der Energietechnik ausgelöst hat.
Die Veranstalter zeigen sich mutig - überraschend mutig, wenn man bedenkt, dass es Großdemonstrationen dieser Art seit langem nicht mehr gegeben hat. Aktivisten aus dem Südwesten fühlen sich stark genug, das Atomkraftwerk Biblis zu umzingeln. In Ahaus im Münsterland soll eine Großdemonstration zum Zwischenlager zustande kommen. Und die Norddeutschen wollen gar auf den 120 Kilometern zwischen den AKW Brunsbüttel und Krümmel eine Menschenkette schließen. Der Grünen-Parteichef Cem Özdemir sieht in der Aktion ein "historisches Signal" gegen die Atompolitik der Bundesregierung.
Jochen Stay von der Hamburger Initiative Ausgestrahlt zeigte sich am vergangenen Donnerstag optimistisch, dass die Menschenkette gelingen werde. 24.000 Leute würden schon zusammenkommen, meinte er, so dass alle fünf Meter jemand stehen werde. Die Lücken sollen spontane Mitstreiter füllen.
Stays Gruppe ist eine aus einem bunten Kreis von Unterstützern, die sich im Januar 2010 zusammengefunden haben. Umweltgruppen sind dabei, Globalisierungsgegner wie Attac, aber auch Gewerkschaften, Grüne und SPD. Stay hat kein Problem mit der Kritik, das Bündnis sei ziemlich weit gespannt und nicht jeder darin sei jedem grün. Ihm kommt es darauf an, dass die Bereitschaft, sich zu einer Aktion zusammenzutun, "eine neue Dimension" erreicht habe, und zwar über organisierte Gruppen hinaus.
Schon länger werben er und seine Mitstreiter für die Aktion, sprechen Menschen auf der Straße und in Kneipen an. Was der 44-Jährige dort beobachtet hat, war auch ihm neu. "Oft sind ja Leute auf der Straße nicht an politischen Themen interessiert." Sie wehren ab. Doch jetzt ist das anders. "Wir rennen offene Türen ein. Es ist eine Situation, wie wir sie bis jetzt nicht kennen." Stays Erklärung: "Zum ersten Mal seit 2000 steht in der Politik eine grundlegende Entscheidung bevor." Der Atomkonsens von 2000, ausgehandelt von der rot-grünen Bundesregierung, wird infrage gestellt.
Das neue Protestgefühl und das Internet
Aber der Protest funktioniert anders als zur Zeit der großen Antiatomkraftdemonstrationen in den siebziger und achtziger Jahren. Stay nimmt für sich in Anspruch, dass seine "relativ kleine" Organisation das neue Protestgefühl genau analysiert habe und sich darauf einstelle. "Heute gibt es viel weniger Leute, die feste Bindungen eingehen" - zum Beispiel zu einem Verein oder einer Partei. "Da kommt das Internet ins Spiel: Das gibt uns viel mehr Möglichkeiten, Einzelne zu aktivieren." Stay verweist auf Demonstrationen in den vergangenen Monaten gegen Atomkraft in Ravensburg, Mühlacker und acht weiteren Orten in Baden-Württemberg, die einzig durch Aufrufe im Internet zustande gekommen seien. 2000 Teilnehmer hat er in Ravensburg gezählt. Seine Tochter, 14 Jahre alt, habe in dem Forum SchülerVZ eine neue Gruppe angelegt und dort zu der heutigen Menschenkette aufgerufen. Binnen einer Woche habe diese Gruppe tausend Mitglieder gehabt. Die Ausgestrahlt-Leute haben eine Datenbank mit Adressen von aktionswilligen Menschen angelegt. Binnen zwei Jahren stieg die Zahl der Einträge von 4000 auf 31.000.