Protestaktion Lieber hungern als Hartz IV

Von  

Ralph Boes hat das Jobcenter dazu gebracht, ihm Geld zu streichen, damit er das System anprangern kann. Er streitet mit einer Hunger-Aktion für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Ralph Boes isst seit Anfang November nichts mehr und trinkt nur ab und an etwas Gemüsebrühe. Foto: kritisches-netzwerk
Ralph Boes isst seit Anfang November nichts mehr und trinkt nur ab und an etwas Gemüsebrühe.Foto: kritisches-netzwerk

Berlin - Das Wort Hungerstreik mag Ralph Boes nicht. „Was ich tue, ist Arbeit“, sagt er. Boes sitzt in seiner Hinterhofparterrewohnung im Wedding auf einem alten Sessel, die Füße im Schneidersitz untergeschlagen. Seine Hände, gerade noch wie zur Meditation auf den Knien liegend, fahren jetzt wie kleine, runde Schaufeln durch die Luft. Die Stirn liegt in Querfalten. „Und wenn das, was ich hier tue, keine gesellschaftlich wichtige Arbeit ist, dann weiß ich auch nicht, was wichtig ist“, sagt Boes. Er wird jetzt recht laut, dabei hat er vor einer halben Stunde noch lächelnd die Hände zum buddhistischen Gruß vor der Brust zusammengelegt.

Aber irgendwo ist es vorbei mit der Gelassenheit, und bei Ralph Boes ist das jetzt der Fall. Er springt vom Sessel auf und geht aufgeregt hin und her. Die Faust saust auf die Sessellehne nieder. „Diese Politiker, die sich nicht an das Grundgesetz halten, die gehören alle ausgetauscht. Dafür braucht es keine Mehrheit, sondern einen Menschen, der seine Stimme erhebt und sich mit seinem Leben dafür einsetzt.“ Ralph Boes hält sich für diesen Menschen.

Das muss reichen: 37,50 Euro im Monat

Auf seinem Küchenbüfett steht ein Päckchen Glaubersalz, ein Abführmittel. Wer fastet und Glaubersalz trinkt, hat nicht so große Hungergefühle. Boes, 54, isst seit dem 1. November nichts mehr und trinkt nur ab und an etwas Gemüsebrühe. Boes nennt das, was er tut, Sanktionshungern. Das Jobcenter hat dem Hartz-IV-Empfänger die Lebenshaltungskosten zu 90 Prozent gestrichen, nachdem er über einen langen Zeitraum alle Jobangebote abgelehnt hatte. 37,50 Euro im Monat bekommt Boes, dazu die Miete für seine Wohnung. „Ich bin also gezwungen zu hungern und von Obdachlosigkeit bedroht.“

Boes hat die Situation selbst hervorgerufen – wobei er dieser Aussage widersprechen würde. Aus seiner Sicht ist es ein krankes, menschenunwürdiges System, das Menschen erst aus dem Erwerbsarbeitsmarkt drängt und sie dann sozial sanktioniert, um sie als wehrlose Billigstarbeitskräfte dem Arbeitsmarkt wieder zuzuführen. Boes ist Ergotherapeut, er verlor seinen Job in einem Altersheim 2006. Er machte sich mit Geistesschulungs-Seminaren selbstständig, die nicht einschlugen. Dann bezog er Arbeitslosengeld. Irgendwann bot ihm das Jobcenter an, in einem Callcenter zu arbeiten, sieben Euro die Stunde, Schichtdienst. „Sklavenarbeit“, sagt Boes. Er lehnte den Job ab, ebenso wie den im Büro einer Leiharbeitsfirma. „Da wäre ich ja zu einem der Sklavenhalter geworden.“ Ralph Boes will das nicht. Er will Geld vom Staat, um das zu tun, was er für richtig und wichtig und sinnvoll hält.

Damit das endlich klappt, wäre es ihm allerdings derzeit am liebsten, wenn der Staat aufhören würde, ihm Geld zu geben. „Ich habe das Jobcenter bereits gemahnt, meine Leistungen doch zu 100 Prozent zu streichen – weil 90 Prozent sind ja nicht verständlich“, sagt Boes und lehnt sich wieder in seinen Sessel zurück.

Boes hat sein Leben zur Kampagne gemacht

Mitten im Zimmer stehen zwei Laptops auf aneinandergeschobenen Tischen. An einem Rechner sitzt eine Frau, im Nebenzimmer arbeiten weitere Menschen – alles Mitstreiter, die helfen, den Fall Boes publik zu machen. Boes ist der Protagonist der Bürgerinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen. Er glaubt an ein System, in dem der Arbeitsbegriff der Erwerbsgesellschaft aufgelöst ist. Arbeit, das ist für ihn „alles, was einem inneren und ernsten Anliegen eines Menschen folgt“. Dafür hat er jetzt sein Leben zur Kampagne gemacht. Die begann mit einem sogenannten Brandbrief unter anderem an die Bundeskanzlerin und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Er widerstehe ab heute „jeder staatlichen Zumutung, ein mir unsinnig erscheinendes Arbeitsangebot anzunehmen oder unsinnige, vom Amt mir auferlegte Regeln zu befolgen“.

Seit November hat Boes mit seinem Sanktionshungern die nächste Eskalationsstufe gezündet. Täglich notiert er im Internet, was er tut und was er an Gewicht verliert. Nur mit den Reaktionen, da hapert es derzeit noch ein bisschen. Die Linken-Chefin Katja Kipping hat einen offenen Brief geschrieben. Manchmal bekommt Boes auch Hassmails. Einer nannte ihn einen Parasiten. „Den habe ich dann gefragt, wie er über die Banker denkt, ob die in seinem Blick nicht ebenfalls Parasiten sind.“

Wie es weitergeht? „Ich bin hier im Widerstand“, sagt Boes und schlägt die Beine übereinander. „Ich werde sanktioniert bis an die Grenze des Todes, aber ich will nicht sterben, sondern gewinnen.“

  Artikel teilen
31 Kommentare Kommentar schreiben

Menschen: Das typische juristische Gerede von Einzelfällen um von dem Kern des Problems abzulenken. Es geht um Soziale Gerechtigkeit, human angemessene Verteilung der Ressourcen. Es geht darum, das sich 10% im Lande an 90% Gnadenlos berreichern. Es geht um Mitmenschlichkeit. Und nicht um kleinkarrierte, von alt-preußischem Geist getriebene Rechenexempel, die NICHTS belegen, außer einer Orientierung, die in der Materie verhaftet ist und den Menschen garnicht realisiert. Den Mitmenschen nicht, wie auch die eigene, menschliche Natur nicht. MITGEFÜHL ist ein natürlicher, menschlicher Reflex der die Gesellschaft trägt, erhält und stützt. Dieses unerträgliche Gerede vom 'bösen Sozialschmarotzer' sagt NICHTS über die Realität und alles über die Geisteshaltung dessen, der es so sieht. Wir brauchen keine 'Beweise' für die bösen Taten von hilfebedürftigen Menschen, sondern Einsicht in ein Unrechtssystem, aber das erfordert Weitsicht, Mut und Mitgefühl. All das, was ein Mensch der sich selbst zum materiellen Maschinenwesen degradiert, der nur noch rechnet, nachplappert ohne selbst zu denken nicht mehr in der Lage ist abzurufen. Und das betrifft ALLE, die das aktuelle Unrechtssystem nicht begreifen wollen, obwohl sie es könnten. Dann noch Begründungen FÜR die aktuelle Gesellschaftsform, die Zinsgesellschaft, die subtil und intelligente Weiterführung alter, menschenverachtenden Geisteshaltungen zu suchen und zu liefern ist schlichtweg Irrsinnig. (im Wahrsten Sinne des Wortes).

Menschen: 22.10.2012 | Geerbte Wohnung bei Hartz IV-Bezug Das LSG Nordrhein-Westfalen hat mit seinem Beschluss vom 03.08.2012 (Aktenzeichen L 19 AS 1289/12 B) entschieden, dass während des Bezugszeitraumes geerbte Immobilien, die nicht selbst genutzt werden, verwertbares Vermögen zur Vermeidung von Hilfebedürftigkeit darstellen, vorausgesetzt, eine Verwertung kann innerhalb des Bezugszeitraumes erfolgen. Kann die Verwertung nicht sofort erfolgen, entfällt demnach der Anspruch auf Leistungen in Form eines Zuschusses, jedoch besteht Anspruch auf Gewährung von Leistung dann in Form eines Darlehens, das bei Veräußerung der Immobilie zurückzugewähren ist. Unzumutbar wäre eine Verwertung einer Immobilie nur dann, wenn die Veräußerung mit ganz erheblichen wirtschaftlichen Verlusten verbunden wäre.

Menschen: @Pandora: Vielen Dank für Ihren deutlichen Beitrag, der genau die menschenverachtende Haltung zeigt, welche in Deutschland ein Unrechtssystem wie Hartz4 ermöglicht. Erst wird dem Menschen aufgrund seiner (abweichenden) Lebenseinstellung die Lebensberechtigung abgesprochen. Dann wird dieser Mensch mit anderen 'seiner Art' verglichen um das Ganze noch zu unterstreichen. Abschließend noch eine Falschinformation als vermeintlichen Dolchstoß. Lieber Pandora, niemand, auch Sie nicht, hat das Recht andere Lebensweisen zu beurteilen und herabzustufen. Diese Vergleiche von unterschiedlichen Lebensmodellen sind primitiv. Das Einzige, was Ihr Bericht aussagt, ist Ihre eigene Einstellung zum Leben und zu Ihren Mitmenschen. Immobilienbesitz hebt Hartz4 Status auf? Wo haben Sie das Märchen her? Aus der von Ihnen zitierten 'Realität'? Eine Industrie, die keine Arbeiter sondern Billiglohnsklaven benötigt, Vorstände, die sich mit astronomischen Gehältern bereichern, Firmen die Infrastruktur nutzen ohne einen Cent an Steuern zu zahlen. Millionenfaches Verletzen von Grundrechten bishin zu Hunger, Obdachlosigkeit, Tod. Im Vergleich zur Realität ist Ihre persönliche Wahrnehmung leider sehr winzig, Pandora. Besser erst informieren, bevor man blind die Parolen der Politiker nachplappert.

Sanktionshungern Ralph Boes: Menschen die meinen, aufgrund ihrer durchaus egozentrischen Lebensplanung, Interessensgestaltung, pseudo-menschenfreundlichen Weltsicht und „Weltrettungs-Attitüden“ sämtliche Verpflichtungen und Anforderungen des realen, täglichen Lebens einseitig, willkürlich und nach Bedarf ausblenden, ignorieren und für unsinnig erklären zu können indem sie sich u.a. dem Arbeitsmarkt lebenslang aktiv und bewusst verweigern, eigene Interessen und Neigungen über die Notwendigkeiten und Bedürfnisse anderer - zum Beispiel der eigenen Kinder (indem sie diesen über lange Strecken keinerlei Unterhalt bezahlen, diese Verpflichtung jedoch ungehemmt via Jugendamt der Gesellschaft und dem Steuerzahler überlassen) - stellen, können prinzipiell nicht ernst genommen werden !!! - unabhängig davon, ob deren Gedanken an der einen oder anderen Stelle als sinnvoll oder richtig erscheinen. Ralph Boes gehört dazu! Ralph Boes ist weder Autor (es sei denn, ein im Selbstverlag vor Jahren auf den Markt gebrachtes Exzerpt macht in dazu), noch ist er Philosoph (es sei denn, unablässiges ungefragtes Meinungsäußern über Gott und die Welt machen ihn dazu) … Ralph Boes ist wiederholter aktiver Studienabbrecher, notorischer Verweigerer, unfähig, sich in Strukturen zu begeben, die nicht ausschließlich die eigenen sind. Und ist es nicht so, dass Immobilienbesitz einen Hartz-IV Status aufhebt?? Damit entbehrt das Sanktionshungern von Ralph Boes jeder Grundlage!!!

Grundgesetz wozu?: An die 'Systembefürworter' und 'Gegner' eines Kämpfers für Gerechtigkeit in diesem 'demokratischen Sozialstaat': Habt Ihr mal darüber nachgedacht, warum und vor allem wozu im Grundgesetz gewisse menschenwürdige Gesetze stehen? Genau, sie sollen vor Willkür schützen! Wo kämen wir hin, wenn alle Gesetze gebrochen und ausgehebelt werden dürften, nachdenken bitte...es trifft garantiert den einen oder anderen - früher oder später. Und dann - bevor hier jemand von Schmarotzertum redet oder nur im entferntesten daran denkt - erstmal die richtigen Parasiten (4 Jahre POlitik, lebenslang Pensionen, Dienstwagenflotten, erwiesenen Korruptionen mit Freispruch, Schmiergelder, Regierungskriminalität, Staatsanwälte, Richter mit Maulkorb, Organspendeskandale etc.) und Steuergeldverschwender (Stuttgart 21, Flughafen BER etc.) analysieren, die den Steuerbürger das Hundertfache und mehr kosten - und die sitzen ganz oben, zum Großteil verknüpft mit Goldmann SUCKS - und einem Freibrief - jeder ist vor dem Gesetz gleich, nur manche sind gleicher...und auch ein bischen reicher...im armen Deutschland. Es sind genug Infos im Netz zu finden, das TV bietet nur einen verschwindend geringen Teil an Aufklärung, aber reichlich an Hetzkampagnen gegen Hartz IV, von dem sich einseitig (manipuliert) denkende Leute nur bis zum Tellerrand hinauswagen - schade eigentlich, aber auch Ihr werdet in nicht langer Zeit erfahren müssen, wohin diese asoziale knebelnde Gangart hinführt. Aufwachen, Alarmglocken hören - oder weiter schlafen und dumm dem Metzger zujubeln

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.