Prozess am Landgericht Stuttgart "Ich verabscheue Homosexuelle"
Frederike Poggel, 02.12.2010 10:26 Uhr
Stuttgart - Er erwartete ein amouröses Abenteuer und fand sich in einem Nahkampf wieder, bei dem seine zwei Kontrahenten ihm zehn stark blutende Messerschnitte an Hinterkopf und Oberkörper zufügten. In den frühen Morgenstunden des 2. Juni verabredete sich ein 26-Jähriger mit einem jungen Mann, den er nur Stunden zuvor über ein Internetforum für Homosexuelle kennen gelernt hatte, an der Bushaltestelle Wagenburgstraße im Stuttgarter Osten.

Zu zweit liefen sie einen einsamen, bewaldeten Fußweg über dem Wagenburgtunnel entlang, angeblich zur Wohnung des jungen Mannes, als ein bewaffneter Dritter ihren Weg kreuzte und Geld forderte. Als das Opfer wegrennen wollte, hielt sein vermeintlicher Liebespartner, in Wahrheit Komplize des Angreifers, ihn zurück, griff sich ein Messer und stach zu. So gestehen es die zwei mutmaßlichen Täter, beide 18 Jahre alt, die sich seit Mittwoch wegen versuchten Mordes und schweren Raubes vor dem Landgericht Stuttgart verantworten müssen.

An dem Tag hätten sie mit allen Mitteln versucht, an Geld für Drogen zu kommen. Der Plan, ihren Dealer auszurauben, sei daran gescheitert, dass der "kein Material" hatte. Drogenerfahren sind die beiden ihrer eigenen Aussage nach schon seit Kindesjahren: Der eine wuchs wechselweise im Heim oder beim schlagenden Stiefvater auf, begann mit neun Jahren mit dem Rauchen und konsumierte vor seiner Inhaftierung täglich zwei Flaschen Wodka, mehrere Joints und "ein bis zwei Nasen Kokain".

Beachtliche kriminelle Karriere


Der andere, tätowierte Handrücken, rasierter Irokesenhaarschnitt, der den homosexuellen Lockvogel gab und sich als Drahtzieher und Hauptverantwortlicher der Tat darstellt, hat schon eine beachtliche kriminelle Karriere hinter sich: Unter anderem saß er wegen Diebstählen und Raub im Gefängnis, lebte auf der Straße und haute mehrfach aus Therapieeinrichtungen ab.

"Mit meiner Familie habe ich vor drei Jahren abgeschlossen", sagt der junge Mann, der selbst mindestens zwei Kinder hat. Er bekennt sich zu seiner Mitgliedschaft in der NPD und zu seiner Abneigung gegen Homosexuelle, die er "verabscheut": So hat er es in einem Geständnisschreiben ans Gericht formuliert, das er in der Untersuchungshaft verfasste. Wie es mit den beiden Angeklagten weitergeht und ob Geldmangel oder Hass auf schwule Männer das eigentliche Motiv für die angeklagte Tat sind, will die Kammer bis zum 13. Dezember klären. Dann wird das Urteil erwartet.
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