Prozess gegen Bande in Stuttgart Einem Opfer den Schädel gespalten
Lukas Jenkner, vom 03.03.2010 17:45 Uhr
Stuttgart - Wegen versuchten Mordes in drei Fällen müssen sich 21 mutmaßliche Mitglieder der überregional agierenden Jugendbande Black Jackets vor dem Landgericht verantworten. Wegen der großen Zahl der Angeklagten und weiteren Beteiligten gilt das Verfahren als Mammut-Prozess.
Den Angeklagten im Alter von 17 bis 25 Jahren werden außerdem gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch vorgeworfen. Sie sollen in der Nacht des 26.Juni 2009 auf dem Gelände der Waisenhofschule in Esslingen maskiert eine Gruppe von 12 bis 15 Personen überfallen und brutal zusammengeschlagen haben. Die Opfer gehörten zum Teil einer rivalisierenden Esslinger Bandes namens La Fraternidad an. Das Motiv: ein Bruder des 20 Jahre alten Hauptangeklagten soll kurz zuvor von Mitgliedern von La Fraternidad provoziert und geschlagen worden sein.
Mit Baseballschlägern, Schlagstöcken sowie Holz- und Eisenstangen sollen die Angeklagten wahllos auf ihre Opfer eingeprügelt, aber zum Teil auch gezielt auf die Köpfe geschlagen haben. Mehrere Opfer wurden schwer verletzt, einem 26-Jährigen, der gar nicht zu La Fraternidad gehörte, wurde der Schädel gespalten. Er lag wochenlang im Koma und hat erst kürzlich die Rehaklinik verlassen. Am Rande des Prozesses war zu erfahren, dass der Mann nur eingeschränkt verhandlungsfähig ist und womöglich nicht länger als 20 Minuten am Stück vernommen werden kann.
Der nur wenige Minuten dauernde Angriff in Esslingen war der brutale Höhepunkt von mehreren Schlägereien in der Region, in die die Black Jackets verwickelt gewesen waren. Die Polizei war daraufhin massiv gegen die Bande vorgegangen und hatte innerhalb weniger Wochen zahlreiche Verdächtige verhaftet. Wegen der Struktur der Bande bestand zeitweilig der Verdacht, dass es sich bei den Black Jackets um eine kriminelle Vereinigung handeln könnte. Dies hat sich jedoch nicht bestätigt.
Allerdings werde geprüft, ob die Stuttgarter Fraktion der Bande eine bewaffnete Gruppe gebildet habe, sagte der Oberstaatsanwalt Gernot Blessing. Laut der Anklage sollen die Black Jackets in ihrem Clubheim in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) viele Schlagwerkzeuge gehortet haben und am 26.Juni von dort aus schwer bewaffnet nach Esslingen aufgebrochen sein.
Wie sich der Prozess entwickeln wird, ist zurzeit noch nicht abzusehen. Mehrere Verteidiger zogen bereits einige Register der Strafprozessordnung. Der Anwalt eines Angeklagten stellte kurz nach Verhandlungsbeginn einen Befangenheitsantrag gegen zwei der Richterinnen. Die Begründung: sein Mandant werde bei Besuchen von Freunden in der Untersuchungshaft im Vergleich zu anderen Angeklagten schlechter behandelt, weshalb er kein Vertrauen auf ein faires Verfahren mehr habe.
Ein weiterer Verteidiger rügte die Besetzung des Gerichts: Eine Ersatzschöffin, die eigentlich nach der Schöffenliste auf der Richterbank hätte sitzen müssen, sei zu Unrecht vom Gericht befreit worden. Die Frau hatte aus beruflichen und gesundheitlichen Gründen darum gebeten, nicht ihrer Pflicht nachkommen zu müssen. Ein weiterer Anwalt rügte eine "Verletzung der Öffentlichkeit": Am Landgericht in der Innenstadt habe kein Hinweis ausgehangen, dass der Prozess in Stammheim stattfindet. Das Gericht prüft nun die Anträge. Am 10.März soll der Prozess weitergehen.