Berlin - Als Maik H. im Vernehmungszimmer des Kommissars saß und nach dem Warum gefragt wurde, da brach es aus ihm heraus. "Diese ganzen Schwaben kotzen mich an." So jedenfalls steht der Satz im Vernehmungsprotokoll, und so gelangte er an die Öffentlichkeit. Deshalb ist Saal 537 im Kriminalgericht Moabit voll. Der Vorwurf, für den sich Maik H. verantworten muss, wiegt schwer: Brandstiftung in Wohnhäusern in elf Fällen.
Zwischen Mitte Juli und Mitte August vergangenen Jahres soll der Zeitungszusteller auf seiner Tour durch den schicken Prenzlauer Berg immer wieder in den frühen Morgenstunden Kinderwägen in Hausfluren angezündet haben. Maik H. gesteht alles gleich zu Beginn. Der Staatsanwalt beschreibt, wie die Taten abgelaufen sein sollen: Der Angeklagte, ausgestattet mit Schlüsselbund und Bollerwagen, zündete demnach die Liegefläche der Wagen mit einem Feuerzeug an und verließ das Haus sofort. Manchmal kam er ein Stündchen später wieder am Tatort vorbei. An zwei Tagen brannte es gleich zweimal beziehungsweise dreimal hintereinander.
Der Staatsanwalt spricht von Sozialneid als Motiv. Kann es sein, dass einer aus Hass auf Schwaben ein Haus anzündet? Ein etwas beängstigender Gedanke. Das Wort vom "Schwabenhass" gibt es in Berlin seit Jahren - geboren wurde das Klischee just im Zustellbezirk von Maik H. rund um den Kollwitzplatz, als dort in den 90ern viele junge Leute aus westdeutschen Kleinstädten auf Abenteuersuche in die unsanierten Altbauten zogen und die bisherigen Kiezbewohner ein Gefühl der Überfremdung überkam. Zu diesem Zeitpunkt ging es gar nicht so sehr um soziale, sondern eher um kulturelle Unterschiede.
Unzufrieden mit der eigenen Lebenssituation
Das ist inzwischen anders. Nun wird die Vokabel Schwaben als Synonym verwendet - gemeint ist eine Gruppe solventer Zuzügler, die günstige Szenebezirke mit Altbausubstanz und lauten Clubs in sanierte und von der Szene befreite Kieze verwandelt. "Die Leute ziehen her, weil sie es spannend finden, und machen aus ihrem Viertel eine schwäbische Kleinstadt", sagte einmal der jüngst verstorbene Stadtsoziologe Hartmut Häussermann. Die "Schwaben" also - die genauso gut Hamburger oder Bayern sein können - werden also zu den Sündenböcken der Verdrängung, weshalb man ihnen auf Plakaten in NPD-Manier "eine gute Heimfahrt" wünscht.
Hatte Maik H. all das im Sinn, als er zum Feuerzeug griff? Blass und mit leicht ergrautem Haar sitzt der 29-Jährige in Strickjacke vor Gericht und sagt, er hasse keine Schwaben. Dass er in seiner Vernehmung auf die schimpfte, die "besser verdienten", verneint er nicht. Aber er sagt auch: "Ich selbst kann mir nicht erklären, warum ich das getan habe." Was er allerdings durchaus erzählt, ist, wie unzufrieden er mit seiner eigenen Lebenssituation ist. Seit 12 Jahren stellt er nachts Zeitungen zu und arbeitet tagsüber schwarz auf dem Bau - er verdiente nicht schlecht, aber er kam doch auf keinen grünen Zweig. Mietschulden häuften sich. Maik H. schlief nur ein paar Stunden pro Nacht. Er nahm Amphetamine und Cannabis um durchzuhalten. "In meinem Leben ging es immer mehr bergab, ich habe keinen Ausweg gesehen."
Er habe, so sagt der Angeklagte, nie darüber nachgedacht, dass Menschen sterben könnten. Auch nicht, als er in seinen Zeitungen von den Taten las. Drei Kinder und eine Frau wurden leicht verletzt. Jeder Berliner weiß, wie schnell so ein Altbauflur eine verheerende Kaminwirkung entfalten kann - immer wieder sterben Menschen in solchen Feuern. Auch Maik H. sagt, dass er das wusste. Am Ende des ersten Tages wirkt er regungslos, blass, erschöpft. Seine Verteidigerin kündigt ein psychiatrisches Gutachten an. Sie glaubt, dass die Schuldfähigkeit ihres Mandanten infrage steht.
