Prozess um Jörg Tauss Koffer voll Homoerotik
dpa/lsw, 21.05.2010 07:23 Uhr
Jörg Tauss beim Prozessauftakt vor dem Karlsruher Landgericht. Foto: dpa
Jörg Tauss beim Prozessauftakt vor dem Karlsruher Landgericht. Foto: dpa
Karlsruhe - Der wegen Kinderporno-Besitzes angeklagte ehemalige SPD-Politiker Jörg Tauss hat vor Gericht erneut ein rein dienstliches Interesse daran betont. Er habe bewusst nie öffentlich über seine Recherchen berichtet, weil er befürchtete, dass deren Zweck dann in den Hintergrund geraten würde. "Hätte ich tatsächlich gegenüber dem Bundeskriminalamt zugegeben, dass ich das mache, hätten alle über die Hotline diskutiert, aber niemand über meine Erkenntnisse", sagte Tauss.

Tauss vergleicht seine Recherche mit Nazi-Material


Er verglich es mit Recherchen über NS-Propagandamaterial: "Kollegen haben auch nie im Bundestag gesagt: Ich komme zu meinen Erkenntnissen dadurch, dass ich Nazimaterial zu Hause habe." Die Pornos waren vor über einem Jahr in Tauss' Berliner Wohnung und auf seinem Handy gefunden worden. Kontakt zur Kinderpornoszene zu bekommen, war nach Angaben eines Karlsruher Polizisten, der als Zeuge aussagte, alles andere als schwierig. Im Videotext finde man Telefonnummern für Chats, in denen sich die Szene treffe. Tauss habe insgesamt mit 27 Personen Kinderporno-Dateien ausgetauscht, sagte der 57-jährige Beamte. Dies sei aus den Verbindungsdaten seines Handys ersichtlich gewesen.

Im Mobiltelefon von Tauss seien rund 300 Bilddateien und etwa 40 Videos sichergestellt worden. Der Beamte sagte weiter, Tauss habe den größten Teil der Handy-Nachrichten während der Sitzungswochen in Berlin mit seinen Kontaktmännern ausgetauscht. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung sei neben dem Handy auch ein Koffer gefunden worden, in dem "Bücher homoerotischer Art" gewesen seien, aber "definitiv keine Kinderpornografie".
Kommentare (11)
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MAI
27
heffa, 22:11 Uhr

Es geht um die "Auffindesituation"

Richtig, homoerotische Literatur ist genausowenig strafrechtlich relevant, wie eine Jubiläumsausgabe des "Playboy" die man wegen des Niki-Lauda-Interviews irgendwo hinten im Bücherregal archiviert hat. Aber: Hätte Herr Tauss das kriminelle Material tatsächlich aus "dienstlichen Gründen" besessen, dann gehörte es definitiv nicht zwischen "Im Meer, zwei Jungen" von Jamie O’Neill und "Feindberührung" von Klaus Berndl (welche der selbsternannte Sheriff sicherlich nicht dienstlich gesammelt hat, denn dafür gibt es keinerlei Anlass), sondern in einen Aktenordner so aufbereitet, dass man es eben "dienstlich" verwenden kann. Die soloromantische Abendgestaltung in der Berliner Abgeordnetenwohnung leidet doch erheblich, wenn man zwischen all der Qualitätsware, die unterm Bett lagert auf widerliches, perverses Zeug stößt, das da auf den dienstlichen Anlass wartet.

MAI
25
Mett, 09:49 Uhr

Welche Zeit?

Ich möchte "Dr. Schwede" zustimmen. 1. Hat der Inhalt dieses Koffers irgendeine strafrechtliche Relevanz und 2. in welcher Zeit leben wir eigentlich, in der man sich für den Besitz homoerotischen Materials noch zu rechtfertigen hat? Das ist ganz schlechter, nein ganz übler Stil.

MAI
25
Dr. Schwede, 06:45 Uhr

Homo strafbar?

Ist denn ein Koffer mit "Homoerotik" unter dem Bett strafbar? Ja, ist das eine meldenswerte Nachricht für eine seriöse Zeitung, die sich normalerweise nicht mit dem Intimleben Prominenter befasst? Oder ist der Kofferinhalt ein Beweis für die (Un-)Schuld von Herrn Tauss? Wenn etwas höchst ärgerlich ist, dann ist es die Tatsache, dass jener Koffer als "belastendes Material" am Tag der Durchsuchung durch die Medien geisterte. Vermutlich von der Staatsanwaltschaft oder der Polizei in Umlauf gebracht. So wurde der Eindruck erweckt, MdB Tauss habe kofferweise kinderpornografisches Material unter dem Bett gehortet. Zum "Homo-Koffer" bringt die "Stuttgarter Zeitung" ein passendes dpa-Foto mit einem grinsenden Angeklagten, dem scheinbar das Böse schon aus den Augen quillt. Und wenn auch die "Süddeutsche" das gleiche Foto für ihre Berichterstattung verwendet hat, so wird es nicht besser. Es bleibt es meinungsmachend und vorverurteilend, ein Foto zu verwenden, mit dem Herrn Tauss auf der Straße niemand erkennen würde. Perfider Journalismus, meine Damen und Herren!

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