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Stuttgart - Wir können jetzt das machen, was für den Patienten notwendig ist", sagt Rolf Wachendorf. Er ist Psychotherapeut, Mitglied des Ärztebündnisses Medi und dort einer der Vordenker, die mit der AOK Baden-Württemberg und der Bosch BKK einen Versorgungsvertrag verhandelt haben. Dieser soll regeln, dass bei ihnen Versicherte, die psychisch erkrankt sind, nicht mehr wochenlang auf eine Therapie warten müssen.
Freilich sehen drei große Verbände, die für sich 90 Prozent der ärztlichen Psychotherapeuten reklamieren, "großen Klärungsbedarf in Bezug auf wichtige Grundfragen" und "raten ihren Mitgliedern deshalb zum gegenwärtigen Zeitpunkt von einer schnellen Einschreibung" in den Vertrag ab. So heißt es in einer zwischen den Landesgruppen des Berufsverbandes der Vertragspsychotherapeuten (BVVP), der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) und der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP) abgestimmten Einschätzung des Vertrages.
Die Versorgungslage bei psychischen Erkrankungen in Baden-Württemberg ist bedenklich. Auf der einen Seite werden deutlich mehr Patienten - etwa mit Depressionen, Traumatisierungen oder Angststörungen - bei ihrem Hausarzt oder einem Psychotherapeuten vorstellig. Auf der anderen Seite dauert es drei bis vier Monate, bis ein Erkrankter bei seinem Therapeuten einen Gesprächstermin wahrnehmen kann. Sechs bis neun Monate können nach dem Anruf in der Praxis vergehen, bis die Behandlung beginnt, sagt Dietrich Munz, der Präsident der Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg. Das hängt damit zusammen, dass sich auch Psychotherapeuten nicht einfach niederlassen können, sondern die Zahl der Praxen begrenzt ist.
Die Kasse lockt die Ärzte mit höherem Honorar
Da werden die Kranken schon mal ungeduldig und wenden sich hilfesuchend an eine Klinik. Das macht ihren Fall für die Krankenversicherung aber teuer. Oder sie tun nichts, was möglicherweise dazu führt, dass ihr Leiden zu einem chronischen wird. Auch das kann teuer werden.
Vor diesem Hintergrund hat die AOK im Mai vergangenen Jahres das Programm für eine fachärztliche Versorgung im Bereich Neurologie und Psychiatrie ausgeschrieben. Im Juli 2010 erhielt "nach intensiver Prüfung der eingegangenen Angebote" der Ärztebund Medi den Zuschlag der AOK für die Verhandlungen. Das war keine Überraschung. Die AOK hat mit Medi bereits ein Hausarztprogramm und fachärztliche Versorgungsvereinbarungen im Bereich der Kardiologie und der Gastroenterologie getroffen, in denen sich Medi laut AOK "stets als verlässlicher Partner erwiesen" hatte.
Diese sogenannten Selektivverträge eröffnen eine Parallelwelt zum kassenärztlichen Kollektivsystem. Die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren sie über Zahlungen an die Kassenärztlichen Vereinigungen; von dort fließt das Honorar an die Praxen. Ein Selektivvertrag schafft eine Bindung nur zwischen einer bestimmten Kasse - und deren Versicherten - und bestimmten Ärzten. Die in diesem Rahmen behandelten Fälle werden separat verrechnet. Sie fallen aus dem Kassensystem heraus. Konkret werden sie von einer von Medi getragenen Servicegesellschaft abgerechnet, die dafür Gebühren kassiert.


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Skandalöse Zustände
Stellen wir uns einmal vor, die Seele würde offen sichtbar bluten und bei einer Erkrankung würden die Patienten monatelang (nicht "wochenlang", wie im Artikel zu lesen) auf eine Behandlung warten müssen. Der Skandal wäre offenkundig. Da es aber um "innere" Beschwerden geht, erlauben sich die Krankenkassen bzw. der Ständige Ausschuss, der hier Verantwortung trägt, eine Marktregulierung zu Lasten der Patienten und zu Gunsten ihrer Interessengruppen. Warum zum Beispiel werden keine modernen, lösungsorientierten Kurztherapien ins das Angebotsspektrum aufgenommen. Hier dauert nicht nur die Ausbildung kürzer, sondern auch die Behandlung. Statt "Man kann davon ausgehen, dass sich eine durchschnittliche Behandlung über 40 bis 50 Stunden erstreckt." genügen bei diesen modernen Ansätzen, die mehr Vertrauen in die Kompetenzen und Ressourcen der Patienten investieren unter 10 Stunden. Jedoch scheint das den Verantwortlichen zu wenig zu sein, um ökonomisch arbeiten zu können. Wie hieß es an der Universität Münster vor Jahren, als nach zwei Semestern die Einführung des Studiengangs "Lösungsorientierte Kurztherapie" wieder ausgesetzt wurde: Davon kann doch kein Therapeut leben. Vorschlag daher: Jeder Patient bekommt zehn Gutscheine a 60 Euro pro Jahr und darf diese einlösen, wo er möchte - ob bei seinem Seelsorger, Hausarzt oder einem Psychoanalytiker. Dann hätten wir endlich eine Marktwirtschaft im besten Sinne und die Patienten hätten innerhalb von wenigen Tagen einen Termin.
Psychotherapie
Sehr interessant dieser Artikel über die Versorgung der psychisch kranken Menschen in unserer Gesellschaft. Wer nie psychisch krank war, kann ohnehin nicht mitreden. Wichtig bleibt, daß es tatsächlich nicht zur "Selektion" kommt. Wir brauchen eine Grundversorgung für alle Menschen und zeitnah. Komisch nur, daß die Anzahl von Therapien im weltweiten Vergleich in Deutschland besonders hoch ist! Das deutet daraufhin, daß wir in einer Gesellschaft leben, in der eine hohe Funktionalität herrscht, und viele unter hohem Druck stehen, insbesondere am Arbeitsplatz. Die Anforderungen sind höher denn je, viele kommen da nicht mehr mit und werden krank. Burnout gab es früher nicht. Wir lebten aber auch gesünder in Ernährung und Bewegung. Eigentlich ist die Gesellschaft genauso krank wie die vielen Patienten. Und die Pharmaindustrie freut sich über den enormen Umsatz. Mehr Prävention ist angesagt und mehr soziale Gerechtigkeit, dann werden hoffentlich künftig nicht mehr soviele psychisch erkranken, wie derzeit.