Psychotherapie Online Manche Mail bleibt ewig im Kopf

Von Iris Mostegel 

Ein fünfköpfiges Psychologenteam in Deutschland therapiert traumatisierte Gewalt- und Kriegsopfer aus arabischen Staaten. Die Besonderheit: ihre Patienten bekommen sie nie zu Gesicht. Die Therapie erfolgt anonym übers Internet.

Die Therapeutin Nadine Weißflog (links) bespricht sich mit ihrem Kollegen   Ziad Mousa und der Projektkoordinatorin Sophie Schaarschmidt. Foto: Mostegel
Die Therapeutin Nadine Weißflog (links) bespricht sich mit ihrem Kollegen Ziad Mousa und der Projektkoordinatorin Sophie Schaarschmidt.Foto: Mostegel

Berlin - Die Therapeutin fordert ihn auf, das Erlebnis in allen Details zu schildern. Er kann nicht. Die Therapeutin wartet. Schließlich antwortet er ihr. „Es war so schrecklich“, schreibt der Mann, „dass ich keine Worte finde, um es zu beschreiben.“ Wer dieser Mann ist, weiß Nadine Weißflog*, die 26-jährige Therapeutin am Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo), auch Monate später noch nicht. Sie weiß nicht einmal, weshalb er wochenlang splitternackt in eine Zelle gesperrt war, die so eng war, dass er nur im Stehen schlafen konnte und Nadine Weißflog weiß auch nicht, weshalb man ihn Tag für Tag mit verbundenen Augen in ein Zimmer führte, wo er gefoltert wurde. Das Einzige, was der Mann preisgibt: er ist 38 Jahre alt und lebt in Libyen. Dort, 2300 Kilometer von seiner Berliner Therapeutin entfernt, sitzt er zu Hause an seinem Computer und kommuniziert mit ihr übers Internet. Alleine kommt er mit den posttraumatischen Belastungsstörungen nicht mehr zurecht. Aus einem Onlineforum hat er von der internetbasierten Traumatherapie in arabischer Sprache erfahren, die das bzfo seit 2009 unter dem Namen „Ilajnafsy“ (arab.: „Psychotherapie“) anbietet.

Die halbirakische Psychologin Nadine Weißflog sitzt in ihrem Büro in Berlin-Moabit. Vor ihr ein Apple-Notebook, hinter ihr bunte Zettelchen an der übergroßen Pinnwand, in der Ecke eine Yucca-Palme. Auch ihr Kollege, der 32-jährige syrische Kurde Ziad Musa* und die Koordinatorin des ‚Ilajnafsy‘-Programms, Sophie Schaarschmidt, sind gekommen, sie nehmen Platz. Der Raum ist hell und ruhig.

Der fehlende persönliche Kontakt kann auch helfen

Folter, Kriegserfahrungen und Vertreibung, häufig auch sexueller Missbrauch oder Depressionen, denen kein spezifisches Trauma zugrunde liegt: damit wenden sich Frauen und Männer aus allen arabischen Ländern an das fünfköpfige Psychologenteam in Deutschland. In ihren Heimatländern gibt es oft keine psychologische Anlaufstelle und falls doch, ist die Hemmschwelle, sie in Anspruch zu nehmen, hoch. Psychotherapien sind gesellschaftlich stigmatisiert, hinzu kommt die übergroße Scham, mit einem Fremden von Angesicht zu Angesicht über das traumatische Erlebnis zu sprechen. Kein Gesichtskontakt zum behandelnden Therapeuten, die Anonymität des Internets – das, sagt Nadine Weißflog, helfe in einer Online­therapie vielen, sich zu öffnen. Die kulturellen Eigenheiten ihrer Klienten kennen die fünf Psychologen gut, sie alle kommen ursprünglich aus arabischen Ländern. Der syrische Psychologe Ziad Musa nickt. 20 Patienten, erzählt er, behandelten sie jeden Monat; kostenfrei, zugänglich für jeden mit Internetzugang. Die Nachfrage ist so groß, dass man vor Kurzem eine Außenstelle in Alexandria (Ägypten) eingerichtet hat.

Nachdem sich der 38-jährige Libyer zu einer Therapie entschlossen hat, loggt er sich über einen verschlüsselten Account von zu Hause aus in das externe E-Mail-System des Berliner bzfo; kein Dritter soll mitlesen können. Über dieses Mailsystem wird der Mann acht Wochen lang mit Nadine Weißflog kommunizieren. Die Therapie hat begonnen. Von jetzt an wird er von seiner Therapeutin mindestens zwei Mal die Woche eine Nachricht erhalten – sie wird ihm eine Aufgabe stellen, und er wird dazu einen Text schreiben; darauf wird sie ihm eine Rückmeldung geben und Anleitungen für die darauffolgenden Texte senden.

Die Kontakte gehen ausschließlich in arabische Länder. Foto: Mostegel

In all dieser Zeit wird der Mann nie erzählen, weshalb er eigentlich im Gefängnis gewesen war. Und Nadine Weißflog darf nicht danach fragen, so schreibt es das Therapiekonzept vor. Das Einzige, wonach sie ihn fragen wird, ist, dass er alles, aber auch wirklich alles zu seinem traumatischen Erlebnis aufschreibt: Wie hat man ihn gefoltert? Wie oft, wie lange?

Zum Zeitpunkt der Behandlung liegt das traumatische Erlebnis des Mannes bereits zwei oder drei Jahre zurück, denn nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte er zunächst zugewartet – vielleicht in der Hoffnung, alles werde sich schon wieder einrenken. Doch es blieb, wie es war: Er fühlte sich gelähmt und leer. Empfand sich als Nichts. So beschreibt er es seiner Therapeutin, vermutlich nicht ahnend, dass viele ihrer anderen Patienten ähnliche Worte wie er verwenden.

Männer aus Syrien, die im Gefängnis vergewaltigt wurden, Frauen aus Saudi-Arabien, die missbraucht wurden – die Traumata jener, die um Hilfe suchen, sind unterschiedlich, die Nachwirkungen jedoch dieselben: quälende Flashbacks, emotionale Taubheit und allgemeiner Rückzug – einige der Merkmale der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung