Pumpspeicherkraftwerk „So rechnet sich Atdorf nicht“

Von Wolfgang Messner 

Der Bau des umstrittenen Milliardenprojekts im Kreis Waldshut ist zum Problem geworden. EnBW und RWE wollen von der Politik Entgegenkommen.

Stefan Vogt von der Schluchseewerk AG und der Grüne Alexander Schoch beim Runden Tisch zum Pumpsoeicherkraftwerk Atdorf. Foto: Lifka
Stefan Vogt von der Schluchseewerk AG und der Grüne Alexander Schoch beim Runden Tisch zum Pumpsoeicherkraftwerk Atdorf.Foto: Lifka

Atdorf - Der Bau des größten Pumpspeicherkraftwerks in Deutschland steht auf der Kippe. Unter den derzeitigen wirtschaftlichen Bedingungen lasse sich das inzwischen 1,5 Milliarden Euro teure Projekt nicht realisieren, sagte Stefan Vogt, kaufmännischer Vorstand der Schluchseewerk AG, die eine Tochtergesellschaft der Stromkonzerne Energie Baden-Württemberg (EnBW) und RWE ist.

Um das zweitgrößte Bauvorhaben in Baden-Württemberg nach Stuttgart 21 zu retten, fordern die beiden Stromkonzerne außer der Befreiung von der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ein weiter gehendes Entgegenkommen der Bundesregierung. Die Konzerne denken an eine Freistellung von den bisher erhobenen Nutzungsentgelten. Netznutzungsentgelte werden von den Netzbetreibern für den Transport und die Verteilung der Energie erhoben. Sie werden von der Bundesnetzagentur geprüft und eventuell korrigiert.

Künstliche Betonschalen mitten im Schwarzwald

Für den Bau des Pumpspeicherkraftwerks Atdorf müssten große künstliche Betonschalen mitten in den Schwarzwald gebaut werden. Einer der Seen würde auf einer Höhe von 1000 Metern liegen, der andere 600 Meter tiefer. Durch große Rohre würde das Wasser fließen und die Turbinen antreiben. Für die beiden Betonschüsseln müssten 160 Hektar Schwarzwald vernichtet werden. Bei Bad Säckingen, einem heilklimatischen Kurort, würde die größte Staumauer Deutschlands entstehen – hundert Meter hoch und hundert Meter dick.

So wie die Bedingungen jetzt sind, rechne das Projekt sich wirtschaftlich jedoch nicht, sagte Vogt. Die Gewinnspanne zum Betrieb der Anlage werde immer kleiner, weil der zum Hochpumpen eingesetzte Strom immer teurer werde. Schuld seien die regenerativen Energien, erläuterte Vogt. Die Fotovoltaikanlagen stellten ihre Energie dem Strommarkt in den Mittagsstunden zur Verfügung, wenn der Strom knapp und teuer sei. Anders etwa als Kohle- oder Kernkraftwerke, die lange Zeit nachts „billigen Strom“ produzierten. Das sei seit dem Atomausstieg quasi vorbei. In der Zeit vor der Katastrophe von Fukushima liefen in Deutschland noch 19 Atomkraftwerke, diese lieferten „Billigstrom“. Nun sind noch zwölf Atommeiler am Netz. Ein Preisunterschied zwischen Nacht- und Tagstrom besteht kaum noch.

Die Betreiber der Kraftwerke fühlen sich benachteiligt

Die Betreiber der Pumpspeicherkraftwerke fühlten sich vom Gesetzgeber schon länger benachteiligt. Sie gelten ähnlich wie Privatkunden als „Letztverbraucher“ und werden mit einer Umlage belastet. Dies stelle einen entscheidenden Nachteil gegenüber der üblichen Subvention anderer regenerativer Energien dar, klagte Vogt. Sollten sich die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Betreiber nicht entscheidend verbessern, „wird kein deutscher Stromkonzern mehr in irgendwelche Speichertechnologie investieren“, sagte der Schluchseewerk-Vorstand. Bei der EEG-Umlage für Pumpspeicherkraftwerke hatte die Stromwirtschaft bereits erfolgreich interveniert. Von April an sind sie befreit.

Vogt forderte darüber hinaus verbesserte Rahmenbedingungen für die Stromkonzerne. Wie das konkret aussehen soll, ließ er offen. Es wurde jedoch deutlich, dass die Konzerne auf eine Subventionierung von Pumpspeicherkraftwerken und anderen Speichertechnologien hoffen. Wird Atdorf also sterben? Nach außen hin beschwören alle Verantwortlichen der Schluchseewerke, man stehe in Treue fest zu dem Milliardenprojekt. Wie defensiv aber die dahinterstehenden Strommultis EnBW und RWE das Thema angehen, zeigt sich auch darin, dass Schluchseewerk-Vorstand Vogt und Projektleiter Christoph Geisen einen neuen Terminplan vorstellten. Danach soll Atdorf statt 2019 nun erst 2022 verwirklicht werden.

Der Druck sei durch den Wegfall der EEG-Umlage weg, hieß es. Im September wollen die Schluchseewerke die Planfeststellungsunterlagen beim Regierungspräsidium Freiburg einreichen. Schon von Mitte April an sollen die 2000 bis 3000 betroffenen Anwohner im Hotzenwald in einem Dutzend Veranstaltungen auf die Begleiterscheinungen der Bauarbeiten vorbereitet werden: Dreck, Lärm und Risse in den Häusern durch Erschütterungen bei den Sprengungen und Erdarbeiten.