Punk im Stuttgarter Norden Abgerissene Puppenärmchen und ein fieser Sound

Von Georg Friedel 

Proben im Bunker, Pogo in Jugendhäusern, MC5 aus Detroit in der Feuerbacher Festhalle und ein dreistündiges Konzert vor der Jugendvollzugsanstalt Stammheim. Als der Punk in den Stuttgarter Norden kam: Einige Einblicke in die Szene und Subkultur von damals.

Die Punk-Wave-Gruppe Frauenklinik probte damals im Keller eines Bürogebäudes an der Maybachstraße in Feuerbach. Foto: Sammlung Steiner/Rehlinger/Fonfara/Prothmann/Frauenklinik 5 Bilder
Die Punk-Wave-Gruppe Frauenklinik probte damals im Keller eines Bürogebäudes an der Maybachstraße in Feuerbach. Foto: Sammlung Steiner/Rehlinger/Fonfara/Prothmann/Frauenklinik

Stuttgarter Norden - Wie der Punk nach Stuttgart kam und wo er hinging“ heißt das Buch, das am kommenden Freitag im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz im Rahmen einer Ausstellung über Punk, New Wave und Neue Deutsche Welle präsentiert wird. Der Musiker und Lehrer Simon Steiner, der früher an der Feuerbacher Bismarckschule unterrichtete, hat es während der Altersteilzeit geschrieben.

Drei Jahre lang hat er sich intensiv mit den Anfängen und den verschiedensten Facetten und Ausprägungen der Stuttgarter Punkszene beschäftigt und ist tief eingetaucht in die Subkultur von damals. Er hat kistenweise Material gesammelt, Interviews geführt, recherchiert, Quellen studiert und ausgewertet. Hunderte Kassetten hat er zusammengetragen, dazu Schallplatten, Flyer, Fotos und Zeitschriften (Fanzines) von damals.

Seinem Botnanger Verleger Uli Schwinge, Geschäftsführer des Verlages EDITIONrandgruppe, war von Beginn an klar, dass dies kein Taschenbuch, sondern ein ziemlich „fettes Ding“ werden würde (siehe auch Info-Kasten). Entstanden ist ein großformatiges Buch mit elf Heften in einem Schuber, das Uli Schwinge designt hat. Zudem gibt es eine CD, die im Buch liegt, und eine Doppel-LP „Stuttgart brennt vor Langeweile“ und eine Single. Alle Stücke stammen aus Zeit zwischen 1978 und 1983.

Punk-Geschichten aus dem Stuttgarter Norden

Bei einem solchen Großprojekt liegt es nahe, den Autor vorab zu fragen, wo, wann und wie der Punk auch in den Stuttgarter Norden kam? Was ging in Zuffenhausen, Feuerbach, Stammheim, Rot und Weilimdorf ab? Hier sind einige Geschichten aus den nördlichen Stadtbezirken, die Simon Steiner recherchiert und uns zur Verfügung gestellt hat.

„In den Jugendhäusern und Jugendzentren des Stuttgarter Nordens begann es sicherlich schon früh zu donnern, als die ersten Schallplatten aus London oder Berlin eintrafen“, sagt Simon Steiner. In Feuerbach fanden in der Festhalle an der Kärntner Straße schon in den 1970er Jahren Auftritte legendärer Bands statt: „Claus Böhm hat ein paar Jahre lang als Schülersprecher des Leibniz-Gymnasiums in Feuerbach Rockkonzerte veranstaltet“, berichtet er. Kraftwerk und Atomic Rooster spielten dort zum Beispiel. MC5 ließen in dem denkmalgeschützten Bonatz-Bau die Gitarren und Verstärker wüten: „Bereits 1971 legte MC5 aus Detroit in der Feuerbacher Festhalle einen ohrenbetäubenden Auftritt hin. Sie waren Vorläufer der Punkbewegung, die in den USA begann, in England 1977/78 zum Höhepunkt gelangte, schnell nach Deutschland schwappte und auch den Stuttgarter Norden mit Lärm, Rebellion, Provokation und Schock nicht verschonen sollte“, schreibt Simon Steiner.

Er selbst probte damals übrigens auch in Feuerbach. In einem Bürohaus an der Maybachstraße nahe dem Höhenpark Killesberg spielte „Sid“ Steiner (Saxophon) mit seiner Band F.A.K in einem Kellerloch, ausgestattet mit Neonröhren und schwarzen Tüchern: „Wir verzichteten damals als Anti-Haltung zu den kuscheligen Hippies - die ich selbst noch in der Festhalle Feuerbach bei legendären Krautrock-Veranstaltungen erlebte - auf Teppiche und Eierkartons. Wir wollten den Schall nicht isolieren, wir wollten keine weiche Akustik erheischen. Und den Lärm störte niemand, da es ein Bürohochhaus war. Wir Punks und Waver waren kantig, eckig und wollten einen fiesen Sound! Mit hippiesker Gemütlichkeit und Schlaffheit, mit Räucherstäbchen und Schlafsäcken hatte das überhaupt nix mehr zu tun! Punk war schrecklich und kalt.“

Leoparden-Look und abgeknickte Puppenärmchen

In den Räumen an der Maybachstraße spielten auch die Bands Sissis Kinder und die Punk-Wave-Gruppe Frauenklinik: „Als die Mädchen von Frauenklinik in unser Kellerloch hereinspazierten, traute ich meinen Augen nicht. Sie erschienen im Leoparden-Look oder ganz in schwarz. Sie schmückten sich mit Badges (Abzeichen, Sticker) aus London oder abgeknickten Puppenärmchen, sie redeten nicht, sondern ich las in ihren Blicken, dass nun sie endlich dran sind und proben wollen und wir gefälligst zu verschwinden hätten!“

Am 5. Juni 1981 trat Frauenklinik im Jugendhaus Feuerbach auf, das Plakat dazu gibt es noch: „Von diesem Live-Auftritt existiert sogar noch eine Kassette, ein echtes Zeitdokument. Die Klänge sind rau, der Gesang kommt wild. Die Texte handeln von Hass, Tod und Image Boys und der Song Euglena entstand im Bio-Unterricht“, sagt Steiner. Und auch im Hochbunker am Pragsattel ging zeitweise der Punk ab: Dort trafen sich regelmäßig die Bandmitglieder von Graphic Sensibility zum Proben.