| Zeitungsgruppe Stuttgart |Sonntag, 12. Februar 2012
Stuttgart
Artikel weiterempfehlen

Quartier am Karlsplatz Neuer Vorschlag zum Hotel Silber

Thomas Borgmann, vom 10.03.2010 07:35 Uhr
Der Siegerentwurf des Architekten Stefan Behnisch, vom Charlottenplatz aus gesehen. Im linken Gebäude will die SPD das NS-Dokumentationszentrum ansiedeln. Foto: Steinert
Der Siegerentwurf des Architekten Stefan Behnisch, vom Charlottenplatz aus gesehen. Im linken Gebäude will die SPD das NS-Dokumentationszentrum ansiedeln. Foto: Steinert
""Der Architektenwettbewerb ist, was das Thema Hotel Silber angeht, nur unbefriedigend verlaufen.""
Andreas Reißig (SPD)

Stuttgart - In die Debatte über die städtebauliche Neuordnung am Karlsplatz und die Zukunft der einstigen Gestapo-Zentrale Hotel Silber haben die Sozialdemokraten jetzt eine neue Variante eingebracht. Andreas Reißig, Kreisvorsitzender und Mitglied der Ratsfraktion, sagte am Dienstag: "Wir haben uns intensiv mit dem Ergebnis des Architektenwettbewerbs beschäftigt. Dabei sind wir der Frage nachgegangen: Wie kann das, was während der Nazizeit im Hotel Silber geschehen ist, angemessen dargestellt werden, selbst wenn das Gebäude Dorotheenstraße 10 abgerissen wird?" Der Vorschlag der SPD, der als offizieller Antrag an das Bürgermeisteramt gerichtet ist, lautet: "In dem Neubau für die Ministerien des Landes an der Ecke Holz- und Dorotheenstraße wird im ehemaligen Gestapokeller ein Gedenkort eingerichtet. Darüber entsteht auf rund 2000 Quadratmetern Fläche das auch von den verschiedenen Initiativen geforderte NS-Dokumentationszentrum für Baden-Württemberg." Der Siegerentwurf des Stuttgarter Architekten Stefan Behnisch sollte entsprechend ausgearbeitet werden. Auch die SPD-Landtagsfraktion, so betonte Kreischef Reißig, werde sich diesem Vorschlag anschließen und ihn im Landtag einbringen.

Zur Begründung für den Vorstoß seiner Partei sagte Reißig: "Der Architektenwettbewerb ist, was das Thema Hotel Silber angeht, nur unbefriedigend verlaufen." Deshalb vertrete die SPD die Ansicht, dass sich Stuttgart das Kölner NS-Dokumentationszentrum zum Vorbild nehmen und ein solches in den Neubau an dem historischen Ort integrieren müsse. Dabei unterstütze die SPD den Antrag der Grünen, eine Arbeitsgruppe zu gründen, die sich, mit Fachleuten besetzt, um das Konzept für ein Dokumentationszentrum bemüht. Außerdem sollten die an der NS-Geschichte arbeitenden, ehrenamtlichen Initiativen und Gruppen daran beteiligt werden. Es sei die Aufgabe des Landes, sich dem zu stellen.

Die SPD, so betont Andreas Reißig, stehe auch weiterhin zum neuen Stadtmuseum im Wilhelmspalais, wo allerdings die NS-Zeit nur ein Thema der Stadtgeschichte neben anderen sein könne. Das Bürgermeisteramt werde durch den Antrag aufgefordert, "alsbald in die notwendigen Verhandlungen mit dem Land einzutreten". Insgesamt werde sich die SPD-Ratsfraktion "wie bisher konstruktiv am Planungsprozess für den Karlsplatz beteiligen, weil wir zum Gelingen dieses Projekts beitragen wollen".

Schlecht gekennzeichnete Ausstellung der Modelle


Nach Ansicht der SPD-Ratsfraktion muss in der jetzt beginnenden Debatte über das Gesamtprojekt am Karlsplatz eine neue Lesart eingeführt werden: "Die Baumasse des siegreichen Behnisch-Entwurfs geht mit etwa 50.000 Quadratmetern Geschossfläche an die Obergrenze, wir aber sind von 47.000 Quadratmetern als Obergrenze ausgegangen", so der Stadtrat Manfred Kanzleiter. Deshalb sehe er noch einigen Spielraum. Die geforderten 2000 Quadratmeter für das Dokumentationszentrum würden die Wirtschaftlichkeit nicht wesentlich beeinträchtigen.

Unterdessen hat am Montag im Haus der Wirtschaft an der Willy-Bleicher-Straße die Ausstellung der elf Entwurfsarbeiten des Architektenwettbewerbs am Karlsplatz begonnen. Bereits an den ersten beiden Tagen kamen vor allem Architekten, ihre Mitarbeiter sowie Architekturstudenten, aber auch viele interessierte Bürger in die Schau, die noch bis einschließlich 20. März zu sehen ist. Heftige Kritik äußerten die Besucher am Erscheinungsbild der Sonderschau, die das Berliner Architekturbüro "Phase1" organisiert hat: "Keine der Arbeiten ist in den aufgestellten Kojen klar gekennzeichnet - man kann nicht erkennen, wessen Modelle und Entwürfe man da vor sich hat", sagte ein Besucher.

Die Ausstellungsmacher hätten es versäumt, die Wettbewerbsbeiträge der elf Architekturbüros aus dem In- und Ausland kenntlich zu machen, wie dies eigentlich üblich sei. Die gedruckt ausliegende Informationsschrift über den Wettbewerb und sein Ergebnis reiche nicht aus, um sich zu orientieren. Selbst renommierte Stuttgarter Architekten, die sich vor Ort über den Wettbewerb informieren wollten, hatten Mühe, die Arbeiten - vom Siegerentwurf des Büros Behnisch einmal abgesehen - zweifelsfrei zuzuordnen. Die Ausstellung ist täglich außer sonntags von 10 bis 18 Uhr zugänglich.

Informationen zum Bauprojekt »
Weitere Artikel
Kommentare (9)
Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
MRZ
10
16:52 Uhr, geschrieben von Zeitungsleser
@Ulrich Hofmann / "Sättigungsgrad"
Hallo Ulrich Hofmann, mit "Sättigungsgrad" mögen Sie in bestimmter Weise recht haben - z .B. was reißerische Darstellungen oder Sensationsgier betrifft. Z.B. sagt der Sternbericht mit Fotos über Eva Braun auf dem Berghof nicht viel aus über die Schrecken des 3. Reichs. Ich glaube aber nicht, dass dem jüngeren Durchschnittsstuttgarter klar ist, was sich HIER abgespielt hat- z.B. hinter den Mauern des Hotel Silber (die betr. Tafel wurde im Innern versteckt) oder welche der vielen heute noch in Stuttgart bestehenden Firmen sich schamlos an fremdem Eigentum bereichert hat oder auch welchen Widerstand es in Stuttgart gab (auch bei "kleinen " Leuten). Im übrigen ist doch kein Mensch gezwungen, ein solches Zentrum zu betreten - während wir bei einem Gang durch die Stadt ständig gezwungen sind, die dümmsten kommerziellen Werbeorgien über uns ergehen zu lassen oder die brutalsten Bausünden zu ertragen. Da ist bei mir längst ein Sättigungsgrad bis zum Ekel erreicht!
MRZ
10
15:48 Uhr, geschrieben von Ursula Kirchner
Hotel Silber
Man könnte das Bauhaus wirklich verfluchen! Auf das beruft man sich jetzt seit 80, 90 Jahren. Behnisch kennt natürlich seine Pappenheimer und entwirft ein langweilig-geschmackvolles Areal, wie es über all auf der Welt stehen könnte. Das kommt beim Stadtrat und im Bürgermeisteramt und vor allen auch bei den Managern und Industriellen an. Möglichst viele Büros! Da kann man viel reinstopfen. Daneben zum Vergleich die Markthalle und das Waisenhaus. die haben ein Gesicht!. Ich möchte auf den meisterlichen Bahnhof von Bonatz hinweisen, dem es wichtig war, dass der Bahnhof harmonisch in die Architektur der Stadt passte: New York Times:" Es gelangen ihm Bauwerke von unleugbarer Schönheit. Der Stuttgarter Bahnhof ist zweifellos der meisterlichste Balanceakt von Bonatz. Die imponierende Frontfassade, die durch niedrige Arkaden betont wird mit den hoch aufragendenSteinsäulen ist so atemberaubend, wie ein Gemälde von Chirico.Eingerahmt von steinernen Eingangshallen an jedem Ende, ist es ein ernster zurückgenommener Klassizismus, der auch verständlich macht, warum Bonatz bis weit in die Nazi-Ära weiterbauen konnte . Die beiden monumentalen Flügel, welche sich nach hinten erstrecken und die Gleise einrahmen, tragen zu den imponierenden Ausmaßen des Bahnhofs bei. Aber Bonatz mildert den Effekt in dem er den Turm an die Südseite des Bahnhofs setzte. Die Position des Turms trägt dazu bei, die Symmetrie des Entwurfs zu durchbrechen und gibt dem Gebäude menschliche Dimmensionen. Leicht aus dem Zentrum der historischen gerückt, zeigt er echtes Einfühlungsvermögen in den Zusammenhang, in dem er den Entwurf in die größere urbane Koposition einschließt, ohne den Verkehrsfluss zu behindern. Stilistischverkörpert der Entwurf den Anspruch von Bonatz eine Balance zischen Klassizismus und Modernismus zu finden." Der Behnischbau ist total fremd zwischen Markthalle und Waisenhaus. Wäre es denn nicht möglich, so wie Bonatz die Stilelemente der Markthalle und vielleicht sogar die des Waisenhauses auf moderne Weise aufzunehmen, so dass wieder ein harmonische Ensemble entsteht? Fällt denn den modernen Architekten wirklich nichts anderes ein als moderne Zweckbauten? Warum kann man heute eine Stadt nicht mehr so gestalten, dass sie, so wie der Schlossplatz oder der Schillerplatz oder der Hauptbahnhof , die Staatsgalerie oder die Liederhalle ein einmaliges, ganz typisches Stuttgartbild abgibt? Warum ist das Heimatgefühl so unwichtig geworden? Stuttgart ist doch prädestiniert eine wirklich Heimatstadt zu sein. Brauchen wir noch mehr Kaufhäuser mit modernem Edelmüll? wir haben doch wirklich schon mehr als genug! Warum diese wuchtigen Klötze mit den langweiligen Fassaden. Geht es denn wirklich nicht anders? Und das Hotel Silber? Wie ist das doch im Weg!! Menschen braucht man nur noch als Kunden. Ansonsten sind sie lästig, besonders die Kinder und die Alten. Was zählt ist nur das Geld, das Geld!
MRZ
10
15:28 Uhr, geschrieben von Ulrich Hofmann
@Zeitungsleser
Ok, ein Dokumentationszentrum! Und was machen wir damit? Ich glaube, dass zuviel Information und Aufarbeitung auch abstumpfen kann und das Gegenteil von dem erreicht wird, was beabsichtigt war! Und ich denke wir haben schon einen gewissen Sättigungsgrad erreicht...
Kommentar-Seite
vorherige
1  von  3
nächste
 
Anzeige
 

Sie suchen ein neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
 
StZ digital
Stuttgarter Zeitung digital
Die gedruckten Ausgaben im Originallayout.

 
 
ePress App
Genießen Sie Ihre Stuttgarter Zeitung auch auf dem iPad.
 
 
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.
Abonnement
 
Lieferservice für Stuttgart