Quincy Jones bei Jazz Open Stuttgart Was die Großmutter noch wusste

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Quincy Jones und seine Gäste Jacob Collier, Dee Dee Bridgewater und George Benson haben das Finale der diesjährigen Jazz Open bestritten.

Quincy Jones (re.) mit George Benson auf der Schlossplatz-Bühne Foto: Opus/Reiner Pfisterer
Quincy Jones (re.) mit George Benson auf der Schlossplatz-Bühne Foto: Opus/Reiner Pfisterer

Stuttgart - Zweieinhalb Stunden sind herum, als am Ende eines sehr langatmigen Konzertabends Quincy Jones erstmals das macht, was doch eigentlich seine Profession ist: Musik. Im Hintergrund intonieren das Stuttgarter Kammerorchester und die Big Band des SWR das letzte Stück des Konzerts, am Klavier sitzt der junge und doch schon sehr berühmte Jazzpianist Jacob Collier. Vorn singen Dee Dee Bridgewater und George Benson, am Dirigentenpult steht Quincy Jones. Der hat 28 Grammys gewonnen, Benson zehn, Bridgewater drei und Collier auch schon zwei: insgesamt unfassbare 43-mal sind die vier also schon mit den kleinen goldenen Grammofonen ausgezeichnet worden, dem berühmtesten Musikerpreis der Welt.

Aber wie demonstrieren diese hochdekorierten Weltstars nun ihr Können? Mit einem Finale furioso, in dem sie noch einmal alle Register ziehen und den Begriff des Festivals Jazz Open als Spielwiese für den zeitgenössischen Cross-over zwischen den Genres noch einmal kräftig mit Leben erfüllen? Leider nein. Quincy Jones dirigiert „Let The Good Times Roll“, das erste Lied, das er einst für seinen Fast-schon-Sandkastenfreund Ray Charles arrangierte. 1955 war das, wie Jones vorab erläutert, der Standard selbst ist allerdings schon 1946 erstmals veröffentlicht worden, vor über siebzig Jahren. Rückwärtsgewandter geht es nicht, und in diesem Titel gerinnt nun letztmals die Tragik, die zuvor den ganzen Abend umweht hat.

Vielleicht ist daran ja eine von vornherein falsche Erwartungshaltung schuld. „Quincy Jones & Friends“ ist der Abend überschrieben gewesen. Aber wer erwartet hatte, dass sich der legendäre amerikanische Altmeister in nennenswerter Form auch künstlerisch einbringen würde, der wird bis zu jenem letzten Stück enttäuscht.

Zum Auftakt spielen das Kammermusikensemble und die Big Band, angeleitet wie den ganzen Abend über vom souverän leitenden britischen Dirigenten Jules Buck­ley (der 2009 übrigens auch beim „Heimspiel“ der Fantastischen Vier auf dem Wasen das Orchester dirigierte), erst mal fast eine halbe Stunde lang ein paar Medleys alleine vor sich hin. Darin unter anderem vertreten die immerhin von Quincy Jones produzierten beiden Hits „Stomp“ sowie Michael Jacksons „Wanna Be Starting Something“. Dann erst betritt Jones die Bühne, allerdings nur, um nun seinen ersten Gast Dee Dee Bridgewater anzukündigen, ehe er darauf hingewiesen wird, dass er doch als Erstes den tatsächlich ersten Gast Jacob Collier ankündigen müsse. Im zweiten Anlauf korrigiert der mittlerweile 84-jährige Amerikaner das, woraufhin sein 23-jähriger britischer Protegé zunächst Michael Jacksons „Human Nature“ und dann drei weitere Songs spielt. In einem einschläfernden Duktus spielt Collier sich in einer Art Musicalsound fast schon dem klanglichen Stillstand entgegen.

Steinalte Standards

Danach betritt abermals Quincy Jones die Bühne, diesmal nun mit dem bereits halb vorgetragenen Ankündigungstext für Dee Dee Bridgewater. Die Bühne gehört nun der amerikanischen Sängerin, die jedoch nicht das tat, was sie bei den Jazz Open mal mit Lang Lang, mal mit Angelique Kidjo auch schon getan hat, nämlich zu experimentieren. Stattdessen singt sie einige steinalte amerikanische Jazzstandards, betuliche Nummern wie etwa „I’m Beginning To See The Light“, bei der sie daran erinnert, wie schön Count Basie und Ella Fitzgerald dieses Lied Anfang der sechziger Jahre mal interpretiert haben. Diesem altbackenen Musizierhabitus, der eher an die Reihe „Was die Großmutter noch wusste“ denn an zeitgemäßen Jazz erinnert, bleibt auch sie acht Songs lang treu.

Zum dritten Mal kommt Quincy Jones schließlich nicht gerade sicheren Schrittes auf die Bühne, um George Benson anzukündigen, einen Kumpel, den er „schon vor der Erfindung der Elektrizität“ kennengelernt hat. Benson bestreitet – teils mit seiner viel zu leise ausgesteuerten elektrischen Gitarre um den Hals – die letzten acht Songs des Abends, kulminierend in seinem größten Hit „Give Me The Night“, bei dem er sich gesanglich zwar kräftig auf die fünf Backing-Vokalisten verlassen muss, wo aber immerhin erstmals an diesem reinen Unterhaltungsmusikabend das Publikum aus den Sitzen gelockt wird.

Applaus für einen verdienten Musiker

Obwohl: Ganz stimmt das nicht. Erstmals erhebt sich das Publikum auf dem bestuhlten und mit 5500 Zuschauern ausverkauften Schlossplatz, als Quincy Jones erstmals die Bühne betritt. Es spendet minutenlang Applaus, und zwar völlig zu Recht: für eine grandiose künstlerische Lebensleistung, die der große Produzent vorzuweisen hat und bei dem man vielleicht sogar tatsächlich dessen bloße Anwesenheit wertschätzen kann. Ganz am Ende wird ebenfalls wohlwollend geklatscht. Der Schlussbeifall hätte womöglich sogar frenetisch ausfallen können, wenn der Abend zumindest ein Stück weit gewagt, risikofreudig oder überraschend ausgefallen wäre. Und nicht so zäh, alles in allem enttäuschend und streckenweise sogar fad.