InterviewRad-Demo Critical Mass in Stuttgart „OB Kuhn ist kein Radfahrer, das spürt man“

Von Sven Hahn 

Es ist immer eine bunte Parade, die seit fünf Jahren an jedem ersten Freitag im Monat durch Stuttgarts Straßen rollt. Die Organisatoren der Rad-Demo Critical Mass wollen damit das Rad als Verkehrsmittel etablieren. Dass das bisher nicht so ist, liege Mitorganisator Alban Manz zufolge auch an der Stadtverwaltung.

Die bunte Karawane der Critical Mass hat sich am ersten Freitag im Juli durch die gesamte Schwabstraße gezogen. Foto: Lichtgut/Ines Rudel
Die bunte Karawane der Critical Mass hat sich am ersten Freitag im Juli durch die gesamte Schwabstraße gezogen.Foto: Lichtgut/Ines Rudel

Stuttgart - Seit fünf Jahren rollt die Critical Mass an jedem ersten Freitag im Monat durch die Stadt. Die Radfahrer wollen zeigen, dass sie ein wichtiger Teil der städtischen Mobilität sind. Mitorganisator Alban Manz erklärt jedoch, dass aus Sicht der Radfahrer in der Stuttgarter Verkehrspolitik noch vieles im Argen liegt.

Herr Manz, die Critical Mass gewinnt immer mehr Unterstützer. Wie viele Menschen fahren derzeit mit?
Die Teilnehmerzahlen steigen bei gutem Wetter von Monat zu Monat weiter an. Im Schnitt fahren jeweils rund 500 Menschen mit. Wir rechnen auch weiterhin mit wachsendem Zulauf. Die bisher größte Critical Mass in Stuttgart fand im September 2014 mit 650 Teilnehmern statt.
Wie beurteilen Sie die grundsätzliche Situation der Radfahrer in der Stadt?
Stuttgart ist bisher überhaupt noch nicht auf Radfahrer als ernst zu nehmende Verkehrsteilnehmer eingestellt. Radfahren gilt als ein komisches Zwischending aus Sport und Freizeitvergnügen. Dass ein Fahrrad wirklich zum Einkaufen oder Pendeln genutzt wird, scheint für Politik und Verwaltung bislang undenkbar.
Dabei ist die problematische Verkehrslage der Stadt ein großes politisches Thema. Hat sich denn gar nichts verbessert?
Verbesserungen treten immer nur punktuell auf. Es werden gerne mal 200 Meter Radstreifen markiert, aber leider endet dieser Weg dann auf Parkplätzen oder auf Abbiegespuren für Autos. Solange die Infrastruktur für Radfahrer nicht durchgängig ist, ergibt sie keinen Sinn. Es ist Flickschusterei in einem autogerechten Straßenraum.
Hat sich denn etwas verändert, seit Stuttgart einen grünen Oberbürgermeister hat?
Nein. Fritz Kuhn spricht sich nicht eindeutig für die Förderung des Radverkehrs aus. Vielmehr bleibt sein Konzept reichlich diffus. Auf der Plenumssitzung des Radforums – einer von der Stadt initiierten Initiative, die den Radverkehr fördern soll – sagte er sinngemäß, dass der Radverkehr sich bitte nicht als einzig mögliche Lösung unserer Verkehrsprobleme sehen soll. Damit mag er sich als gewitzter Realpolitiker geschickt positionieren – echte Unterstützung des urbanen Radfahrens sieht jedoch anders aus. Denn das Radfahren in der Stadt müssen wir nach Jahrzehnte langer Durststrecke ganz gezielt fördern. Da reichen keine Lippenbekenntnisse. Wir bräuchten eher so einen wie den Londoner OB Boris Johnson, der selber fast jeden Weg in der Stadt mit dem Rad zurücklegt und viel dafür tut, die Infrastruktur zu verbessern. Kuhn hingegen ist kein Radfahrer, das spürt man deutlich.
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34 KommentareKommentar schreiben

Ideologische Verbissenheit: Nachdem der Veggie-Day offiziell abgeblasen ist, scheint sich hier eine neue Form der Zwangsbeglückung anzubahnen. Stuttgart kann aus topografischen Gründen niemals eine Rad-Stadt werden. Zudem: Wer im Schlossgarten spazieren geht, weiß von etlichen rücksichtslosen Radlern ein Lied zu singen.

weiß gar nicht: was jetzt die grünen hier plötzlich verloren haben. immer bringen sie alles durcheinander herr stephan. lesen sie doch mal den beitrag oben. mensch.

Bitte lesen Sie: Sprach irgendjemand von den Grünen? Bitte erst lesen und dann kommentieren, Herr "Mensch". Interessant ist, welche Themen automatisch welcher Partei hier zugeordnet werden.

ideologisch: verbissen sind hier jedenfalls wohl kaum die radfahrer - die fordern ja offenbar nur ihren gerechten anteil an der urbanen infrastruktur. stuttgart wird so viel radstadt sein wie radfahrer unterwegs sein werden und soviel rollerstadt wie roller unterwegs sein werden und soviel rollatorstadt wie rollatoren unterwegs sein werden. fakt ist doch: im moment ist stuttgart eine reine autostadt. und im mobilitätsbedürfnis der menschen scheint sich etwas zu ändern - wofür die gründe sehr vielfältig sind. einer davon wird schon sein, dass nicht nur wir in stuttgart im dreck ersticken und der klimawandel unbeherrschbar zu werden droht. bei so viel offensichtlichem veränderungsdruck von "zwangsbeglückung" zu reden scheint mir fragwürdig. mich würde also wirklich interessieren, herr stephan: vor welcher art "zwangsbeglückung" haben sie genau angst?

Intelligente Fortbewegung in der Innenstadt: Bis vor drei Monaten bin ich hauptsächlich mit den Öffentlichen gefahren, weil sich aber Dank schlechtem Management der Service der SSB permanent verschlechtert, habe ich mir ein Pedelec zugelegt und spare mir die 800€ fürs Abbo. Diese Wahl war goldrichtig, es gibt keine Parkplatzprobleme, ich bin deutlich schneller und komfortabler unterwegs, spare viel Geld und verpeste unsere Stadtluft nicht, es kann kein Recht geben, aus Bequemlichkeit rücksichtslos unsere Luft zu verpesten. Außerhalb mit dem Auto, in der Innenstadt zu Fuß oder mit dem Rad ist der Königsweg. Ich empfehle jedem Nur-Autofahrer, mal opjektiv darüber nachzudenken und es probehalber mal mit dem Rad zu versuchen, das macht mehr Spaß als im Stau zu stehen.

na denn...: sind wir mal gespannt wie das dann im herbst und winter ist...

Kampfradler: da ist er wieder dieser seltsame Begriff, der immer als Totschlagargument eingesetzt wird. Selbst in der Anti-Radfahrerstadt Stuttgart ist die Zahl der schwarzen Schafe und der Radfahrer, die sich daneben benehmen vernachlässigbar. Vor diesem Hintergrund würden mich die wirklichen Beweggründe der Kommentatoren interessieren, die mit dieser dämlichen Begrifflichkeit verfolgt werden. Selbst zu bequem um aufs Fahrrad umzusteigen? Zu unsportlich? Neid? Angst? Jedenfalls wird die Konfliktproblematik oben im Artikel klar angesprochen und auch kritisiert. Radfahrer und Fussgänger gehören nicht zusammen auf Verkehrswege gezwängt aber genau das ist in Stuttgart an sehr vielen Stellen leider der Fall. Hinzu kommen noch die vielen Baustellen, bei denen man aus Rücksicht auf die Autofahrer die Radfahrer Umwege oder gar ganz in der Sackgasse enden lässt (Stuttgart 21 lässt grüssen).

Ein Wochenendtag: am Neckardamm und man weiß, was ein Kampfradler ist. Die wenigen Radfahrer, die sich umsichtig verhalten und auch dem "Verkahrsaufkommen" - hier also Fußgänger - entsprechend fahren, sind leider in einer Minderzahl. Neckardamm am Wochenende mit Kind und noch zu Fuß: geht gar nicht. Die Radwege, die teilweise am Neckardamm gebaut wurden - zugegeben, die sind nicht schön - werden von der Spezies Radfahrer überwiegend ignoriert.

Alles wäre so einfach....: B14 in den Keller, Problem gelöst. Leider sind die Zukunftsverweigerer ja dabei einen Bahnhof zu glorifizieren. Es hätte dann oben genug Platz für richtige Radwege, nicht so einen neben die Fahrbahn hingepinselten Blödsinn. Verstehe ich eh nicht wozu es so etwas gibt. Ich fahre teilweise mit dem Rad in die Stadt. Was echt toll ist, man darf nicht über die Königstr. rollen..... Da wäre eine Radspur sinnvoll.

Mobilität: Steht doch weiter im Stau, mit Euren Auto-Mobilen (haha). Aber macht uns nicht an, wenn wir dann an Euch vorbei im Kreisverkehr oder sonstwo gut gelaunt vorbei radeln. Das Auto war mal sinnvoll. Die Zeit ist längt vorbei. Computersysteme nehmen Euch die Denkarbeit ab, das sieht man, wenn man sich heute anschaut, wie ihr parkt (vorne 2 m Platz und hinten genauso), an Ampeln kommen auch immer weniger durch, weil dort der gleiche unerklärliche Abstand eingehalten wird (könnt Ihr aus Euren SUVs nicht mehr rausschauen ?). Wie man nach Hamburg kommt? Ihr habt ja Navis. Maximum kauft ihr Euch E-Bikes, statt Euch einfach mal körperlich zu betätigen. Bergauffahren ist Übungssache. Und für den Einkauf gibts Packtaschen und Gepäckträger. Und die frische Luft regt übrigens die Gehirntätigkeit an. Dann kann man sich vielleicht auch vorstellen, einfach von zwei Fahrspuren eine Fahrspur für den Fahrradverkehr freizugeben. Selbstständig denken ist immer eine Option. P.S. Demos sind nur für Schafe sinnlos ;-)

Radfahren ist überflüssiger Luxus: Radfahrer kommen doch nur deshalb schneller vorwärts weil sie verboten über den Gehweg radeln, keine Rücksicht auf Verkehrsregeln und Fußgänger nehmen und bei der kleinsten Steigung und jedem falschen Wetter belegen sie dann vier Plätze in der Stadtbahn. Radfahrer braucht niemand.

Braucht niemand?: ich fürchte Ihnen bereitet die Hitzewelle enorme Schwierigkeiten. Schnappen Sie mal wieder etwas frischen Sauerstoff..