Radsport
Die Mühlen der Dopingbürokratie
Jörg Breithut,
30.04.2010 10:22 Uhr
Im Team Gerolsteiner startete David Kopp auch bei der Tour de France. Foto: Wikimedia
Köln - Die Reise nach Mittelamerika hat David Kopp abgesagt, weil er wieder warten muss. Während seine Teamkollegen im sonnigen Mexiko bei einer Rundfahrt starten, ist der 31-jährige Radprofi in Köln geblieben. In dieser Woche hat sich nun bewahrheitet, was Kopp seit einigen Wochen befürchten musste: für sein Dopingvergehen wird der Sportler ein zweites Mal bestraft.
Das Warten beginnt im September 2008. Kopp geht davon aus, dass seine Saison beendet ist, den Abschluss feiert er mit Freunden, sie ziehen durch die Bars, viel Alkohol ist im Spiel. An diesem Abend sei es wohl passiert, sagt Kopp. Ansonsten könne er sich nicht erklären, wie das Kokain in seinen Körper gelangte. Eine Ausrede? Dass ihm "die Wahrheit", wie er sagt, nicht jeder glauben würde, habe er selbst gewusst. Was er nicht wusste: ein paar Tage später wird er noch ein Rennen fahren.
Es ist ein sogenanntes Kriterium am 11. September 2008 in Belgien, für das ihn sein Team Cycle Collstrop überraschend meldet. Auf diesem "Kirmesrennen", wie derartige Showrennen genannt werden, fährt Kopp auf den dritten Platz, gewinnt ein Preisgeld, wovon ihm etwa 50 Euro bleiben. Nach dem Rennen wird er auf Doping getestet, die Kontrolleure finden Spuren von Kokain in seinem Körper.
Es ist der Tiefpunkt einer Karriere, die bis dahin vielversprechend verlaufen war. 2001 wurde Kopp als Fahrer in das Nachwuchsteam der Telekom aufgenommen, nach einem Jahr wechselte er in die Profimannschaft. Als Fahrer des Teams Wiesenhof gewann er das traditionsreiche Eintagesrennen Rund um Köln, erhielt daraufhin einen Platz im Team Gerolsteiner und startete bei der Tour de France.
Doch mit dem positiven Dopingtest in Belgien endet seine Erfolgsgeschichte abrupt. Kopp steigt lange Zeit nicht mehr auf sein Rad. Er wartet auf das Urteil, doch kein Verband fühlt sich zuständig. "Ich wurde absolut im Unklaren gelassen", sagt der Radprofi. Die Unsicherheit quält ihn, er sei "psychisch angeschlagen" gewesen in dieser Zeit, völlig antriebslos. Er lebt von seinen Ersparnissen, das Geld wird knapper. Der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann überlegt sich, den Radsport aufzugeben. Doch er entscheidet sich dagegen, fängt wieder an zu trainieren - und wartet weiterhin auf das Urteil. Kopp sagt: "Jeder Verbrecher bekommt ein faires Verfahren. In meinem Fall war das nicht so."
Es dauert 14 Monate, bis der flämische Radsportverband das Urteil fällt. David Kopp wird rückwirkend für das komplette Jahr 2009 in Belgien gesperrt. Der internationale Radsportverband (UCI) weitet die Sperre auf alle internationalen Rennen aus. Nun weiß Kopp wenigstens Bescheid. Verstehen kann er das Ganze nicht, denn viele Sportler vor ihm waren mit einer milderen Strafe davongekommen.
Wie der Radprofi Tom Boonen, der im Training positiv auf Kokain getestet wurde. 1000 Euro Strafe musste der Belgier bezahlen, gesperrt wurde er nicht. Auch beim Tennisspieler Richard Gasquet fanden sich Spuren von Kokain im Urin, der Tennisweltverband sperrte den Franzosen für zweieinhalb Monate. David Kopp sagt: "Da wird mit zweierlei Maß gemessen."
Doch Kopp gelingt der Neuanfang. Nachdem seine Strafe im Dezember vergangenen Jahres abgelaufen ist, nimmt ihn das Continentalteam Kuota-Indeland trotz seiner Vorgeschichte auf. Der Teammanager Markus Ganser sagt, das sei keine einfache Entscheidung gewesen. Doch Kopp habe eine zweite Chance verdient, sagt Ganser.
Der Einstand des 31-Jährigen bei seinem neuen Team glückt. Er gewinnt das Rennen Köln-Schuld-Frechen, sprintet als erfolgreichster deutscher Fahrer beim niederländischen Radrennen Ronde van Drenthe auf den fünften Platz. Alles scheint in Ordnung, Kopp im Profiradsport wieder angekommen zu sein.
Anfang April folgt der Rückschlag. Die Weltantidopingagentur (Wada) erhebt Einspruch gegen das ursprüngliche Urteil und fordert, das Strafmaß auf eine Sperre von zwei Jahren zu erhöhen. Die Begründung der Wada: "Der Radprofi konnte nie überzeugend erklären, wie Kokain in seinem Urin gefunden werden konnte."
Für dasselbe Vergehen soll Kopp ein zweites Mal bestraft werden. Wieder muss er täglich damit rechnen, gesperrt zu werden. Wieder weiß er nicht, was passieren wird, und wieder wartet er, bis die Verbände sich geeinigt haben. "Ich bin entsetzt, dass man mit Menschen so umgeht, die sich wie ich für den Radsport engagieren. Das ist menschenunwürdig."
Auch sein Teammanager ist ratlos. "Mit normaler Gerichtsbarkeit hat das nichts mehr zu tun", sagt Ganser. Die Lizenzgebühren habe die UCI am Jahresanfang gerne genommen, "das war kein Problem".
Seit dieser Woche ist es nun offiziell. Ganser hat ein Fax erhalten, unterschrieben ist es von Pat McQuaid, dem UCI-Vorsitzenden. Darin bestätigt der Weltverband, dass Kopps Sperre bis zum 10. September diesen Jahres verlängert wird. Warum die UCI ihre Entscheidung revidiert hat, darauf gibt der Pressesprecher Enrico Carpani keine Antwort. Er sagt: "Kopp hat gegen die Regeln verstoßen. Wir haben nur das Urteil bestätigt, das die Wada gefällt hat." Kopps Trost ist, dass auch nach diesem Rückschlag der Teammanager hinter ihm steht. Kopp werde in der Mannschaft bleiben, sagt Ganser. "Aber nachvollziehen, kann ich das alles nicht."
Das Warten beginnt im September 2008. Kopp geht davon aus, dass seine Saison beendet ist, den Abschluss feiert er mit Freunden, sie ziehen durch die Bars, viel Alkohol ist im Spiel. An diesem Abend sei es wohl passiert, sagt Kopp. Ansonsten könne er sich nicht erklären, wie das Kokain in seinen Körper gelangte. Eine Ausrede? Dass ihm "die Wahrheit", wie er sagt, nicht jeder glauben würde, habe er selbst gewusst. Was er nicht wusste: ein paar Tage später wird er noch ein Rennen fahren.
Es ist ein sogenanntes Kriterium am 11. September 2008 in Belgien, für das ihn sein Team Cycle Collstrop überraschend meldet. Auf diesem "Kirmesrennen", wie derartige Showrennen genannt werden, fährt Kopp auf den dritten Platz, gewinnt ein Preisgeld, wovon ihm etwa 50 Euro bleiben. Nach dem Rennen wird er auf Doping getestet, die Kontrolleure finden Spuren von Kokain in seinem Körper.
Es ist der Tiefpunkt einer Karriere, die bis dahin vielversprechend verlaufen war. 2001 wurde Kopp als Fahrer in das Nachwuchsteam der Telekom aufgenommen, nach einem Jahr wechselte er in die Profimannschaft. Als Fahrer des Teams Wiesenhof gewann er das traditionsreiche Eintagesrennen Rund um Köln, erhielt daraufhin einen Platz im Team Gerolsteiner und startete bei der Tour de France.
Doch mit dem positiven Dopingtest in Belgien endet seine Erfolgsgeschichte abrupt. Kopp steigt lange Zeit nicht mehr auf sein Rad. Er wartet auf das Urteil, doch kein Verband fühlt sich zuständig. "Ich wurde absolut im Unklaren gelassen", sagt der Radprofi. Die Unsicherheit quält ihn, er sei "psychisch angeschlagen" gewesen in dieser Zeit, völlig antriebslos. Er lebt von seinen Ersparnissen, das Geld wird knapper. Der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann überlegt sich, den Radsport aufzugeben. Doch er entscheidet sich dagegen, fängt wieder an zu trainieren - und wartet weiterhin auf das Urteil. Kopp sagt: "Jeder Verbrecher bekommt ein faires Verfahren. In meinem Fall war das nicht so."
Es dauert 14 Monate, bis der flämische Radsportverband das Urteil fällt. David Kopp wird rückwirkend für das komplette Jahr 2009 in Belgien gesperrt. Der internationale Radsportverband (UCI) weitet die Sperre auf alle internationalen Rennen aus. Nun weiß Kopp wenigstens Bescheid. Verstehen kann er das Ganze nicht, denn viele Sportler vor ihm waren mit einer milderen Strafe davongekommen.
Wie der Radprofi Tom Boonen, der im Training positiv auf Kokain getestet wurde. 1000 Euro Strafe musste der Belgier bezahlen, gesperrt wurde er nicht. Auch beim Tennisspieler Richard Gasquet fanden sich Spuren von Kokain im Urin, der Tennisweltverband sperrte den Franzosen für zweieinhalb Monate. David Kopp sagt: "Da wird mit zweierlei Maß gemessen."
Doch Kopp gelingt der Neuanfang. Nachdem seine Strafe im Dezember vergangenen Jahres abgelaufen ist, nimmt ihn das Continentalteam Kuota-Indeland trotz seiner Vorgeschichte auf. Der Teammanager Markus Ganser sagt, das sei keine einfache Entscheidung gewesen. Doch Kopp habe eine zweite Chance verdient, sagt Ganser.
Der Einstand des 31-Jährigen bei seinem neuen Team glückt. Er gewinnt das Rennen Köln-Schuld-Frechen, sprintet als erfolgreichster deutscher Fahrer beim niederländischen Radrennen Ronde van Drenthe auf den fünften Platz. Alles scheint in Ordnung, Kopp im Profiradsport wieder angekommen zu sein.
Anfang April folgt der Rückschlag. Die Weltantidopingagentur (Wada) erhebt Einspruch gegen das ursprüngliche Urteil und fordert, das Strafmaß auf eine Sperre von zwei Jahren zu erhöhen. Die Begründung der Wada: "Der Radprofi konnte nie überzeugend erklären, wie Kokain in seinem Urin gefunden werden konnte."
Für dasselbe Vergehen soll Kopp ein zweites Mal bestraft werden. Wieder muss er täglich damit rechnen, gesperrt zu werden. Wieder weiß er nicht, was passieren wird, und wieder wartet er, bis die Verbände sich geeinigt haben. "Ich bin entsetzt, dass man mit Menschen so umgeht, die sich wie ich für den Radsport engagieren. Das ist menschenunwürdig."
Auch sein Teammanager ist ratlos. "Mit normaler Gerichtsbarkeit hat das nichts mehr zu tun", sagt Ganser. Die Lizenzgebühren habe die UCI am Jahresanfang gerne genommen, "das war kein Problem".
Seit dieser Woche ist es nun offiziell. Ganser hat ein Fax erhalten, unterschrieben ist es von Pat McQuaid, dem UCI-Vorsitzenden. Darin bestätigt der Weltverband, dass Kopps Sperre bis zum 10. September diesen Jahres verlängert wird. Warum die UCI ihre Entscheidung revidiert hat, darauf gibt der Pressesprecher Enrico Carpani keine Antwort. Er sagt: "Kopp hat gegen die Regeln verstoßen. Wir haben nur das Urteil bestätigt, das die Wada gefällt hat." Kopps Trost ist, dass auch nach diesem Rückschlag der Teammanager hinter ihm steht. Kopp werde in der Mannschaft bleiben, sagt Ganser. "Aber nachvollziehen, kann ich das alles nicht."
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