Radsport-Sammlung Jockels bunte Männerwelt

Von Jürgen Löhle 

Joachim Faulhaber sammelt alles, was mit Radsport zu tun hat. Jetzt sind seine mehr als tausend Exponate im Technikmuseum Sinsheim zu sehen.

Mehr als tausend Exponate hat Joachim  „Jockel“ Faulhaber  zusammengetragen, darunter etwa siebzig Fahrräder. Foto: Daniel Geiger
Mehr als tausend Exponate hat Joachim „Jockel“ Faulhaber zusammengetragen, darunter etwa siebzig Fahrräder.Foto: Daniel Geiger

Sinsheim - Joachim Faulhaber hat einen unhandlichen Steinbrocken in der Hand und strahlt. Um ihn herum stehen einige Männer mit ehrfürchtigem Blick und gezücktem Fotoapparat. Auch sie scheinen beeindruckt. Wenn es Menschen beim bloßen Anblick eines schlichten Steins ein seliges Lächeln ins Gesicht zaubert, dann könnte man schon meinen, diese Leute seien ein wenig ärmlichen Gemüts. Meistens sind diese Zeitgenossen übrigens männlich – bevor jemand unkt: das muss nicht unbedingt etwas mit bescheuert zu tun haben – und es sind zumindest infizierte, meist sogar liebende Menschen. Doch, das ist so.

Der Stein, der nun von Faulhaber in eine Glasvitrine gesetzt wird, ist auch nicht irgendein Wacker, sondern ein Stück Granit, herausgebrochen aus einer alten Kopfsteinpflasterstraße im Norden Frankreichs. Auf diesen Pavés holpern alljährlich fluchende und verdreckte Radprofis von Paris in Richtung Norden bis nach Roubaix. Die alten Schüttelstrecken gibt es überhaupt nur noch wegen des Rennens. An deren Rändern versammeln sich jedes Frühjahr Hunderttausende, um die Herren Berufsradler bei ihrer an Selbstkasteiung erinnernden Raserei anzufeuern. Im Gesicht tragen die Fans dabei ebendieses selige Lächeln wahrer Zuneigung zu ihren Helden. Sie kennen natürlich alle den Namen des Profis, der Faulhabers Findling signiert hat: Fabian Cancellara, Schweizer und dreifacher Sieger des Klassikers Paris–Roubaix.

Der Wacker aus Frankreichs Norden ist ein Exponat aus einer neuen Dauerausstellung im Technikmuseum Sinsheim. Eine Schau, die wohl künftig alle in ihren Bann ziehen wird, die ihr Herz an den Radsport verloren haben. Und die gibt es trotz der widerlichen Dopingjahre wieder und auch immer noch. Meist sind das Männer in den besten Jahren, Männer, die vor dem Fernseher eine wohlige Gänsehaut bekommen, wenn sich die Tour de France über den Galibier quält, gerne natürlich bei Regen und noch besser bei Schneeschauern, die dort auch im Juli gelegentlich toben. Wunderbar. Oder Männer, die jeden, der sich ein Schutzblech oder einen Gepäckträger ans Rad montiert, für ein Weichei halten und für die E-Bike-Fahrer das Allerletzte sind. Allein das Aussprechen des Wortes ­E-Bike gerät bei dieser Spezies zu einem vom Ekel gezeichneten Gewürge.

Die reine Verzweiflung bringt ihn nach Sinsheim

Joachim Faulhaber, den alle Welt nur Jockel nennt, gehört auch zu dieser Sorte Mann. Der 66-Jährige ist ein Rennrad-Purist, einer, der sich selbst gerne in den Sattel schwingt, aber noch lieber die Profiszene als Edelfan erlebt. „Ich bin als junger Kerl auch mal Rennen gefahren, aber ich war nicht gut genug.“

Sein uraltes Herkules-Rennrad war zudem zu schwer, und dann hat ihm noch seine Schwester in völliger Unkenntnis das Leder aus einer alten Jacke außen auf eine selbst gestrickte Wollhose genäht. „Ich wusste eben nur, dass Radhosen Leder am Hintern haben, aber nicht, dass es innen sein muss“, erzählt er. Bevor noch mehr passierte, beendete er lieber seine aktive Karriere. Danach hat er seine vier Neffen trainiert. Die waren besser als er, auch wenn dann doch keiner Profi wurde. Aber über die Beschäftigung mit dem Sport und über die Besuche bei den Rennen kam der selbstständige Grafiker zum Sammeln von allem, was mit Radsport zu tun hat. Das war vor 35 Jahren.

Angefangen hat es mit einem historischen Rennrad mit Holzfelgen, heute hat er mehr als tausend Exponate in seinem Besitz, darunter etwa siebzig Fahrräder. Teils sind die Objekte gekauft, teils gefunden, teils den Stars hartnäckig abgerungen. Bis vor Kurzem wusste der Mann mit den rosigen Wangen nicht, wohin damit. In seiner Heimatstadt Kaiserslautern hat man Joachim Faulhaber bei seiner Suche nach einem geeigneten Ort für eine Ausstellung jahrelang vertröstet. Sagt er. Es war dann so etwas wie die reine Verzweiflung, die den Pfälzer über die Bundeslandgrenze nach Baden-Württemberg trieb – das Technikmuseum in Sinsheim nahm den Sammler in Sachen Männerträume gerne auf. Der Museumschef Hermann Layher sagt dazu: „Wir wissen, dass viele Leute einen Zugang zum Radsport haben. Und wir bauen das aus.“