Raidt schreibt Liebe Deutsche Bahn!
Erik Raidt, vom 05.02.2010 11:51 Uhr
Liebe Deutsche Bahn,
noch einmal möchte ich mich bei Ihnen persönlich für die wunderbare Zugfahrt nach München bedanken, an der ich die Freude hatte, kürzlich teilzunehmen. Es war Freitagabend, in der Klettpassage prosteten sich die Punks mit Bierchen zu, die Reisenden hetzten an den Jahrmarktbuden in der Haupthalle vorbei. Über das Display mit den Abfahrtszeiten liefen die aktuellen Verspätungen: 15, 30 oder 40 Minuten. Es war für jeden etwas dabei.
Ich nahm den Zug mit 60 Minuten. Am Gleis stand einer Ihrer Mitarbeiter, der von ratlosen Reisenden umzingelt war. Der Mann erinnerte mich mit seiner lässigen Art an Denzel Washington in einem Katastrophenfilm. Er lächelte die Krise weg: "Das haben wir hier öfter."
Eine Stunde später fand ich meinen reservierten Sitz, der liebevoll mit Kekskrümeln dekoriert war. Durch den Gang geisterten verkniffene Menschen, die sich laut fragten, "ob in diesem Zug wenigstens eine Toilette funktioniert"?! Einige Fahrgäste protzten voreinander, wie viel Verspätung sie im Laufe des Tages angehäuft hatten.
Mein Ticket war noch gar nicht das Ticket
Die Stimmung war heiter, bis mich Ihr Kontrolleur erreichte. Er blickte auf den Zettel, den ich gedankenlos für mein Ticket hielt. Ich hatte es erworben, als ich auf Ihrer Homepage erst mein Fahrziel, dann eine 16-stellige Kreditkartennummer, dann einen dreistelligen Sicherheitscode eingegeben hatte. Es war mein erstes Bahn-Online-Ticket. Glaubte ich jedenfalls. Ich fühlte mich enorm zeitgemäß und stellte mir vor, wie ich auf der Fahrt nach München das Weltklima retten würde.
Das Problem war nur: mein Ticket war noch gar nicht das Ticket. Ihr Kontrolleur wusste Bescheid. "Sie haben das nicht vorschriftsgemäß ausgedruckt!" Offenbar hatte ich in meiner Schlichtheit bei Ihrer Auftragsbestätigung einen Link übersehen, der zum vorschriftsgemäßen Ticket geführt hätte. Ich fühlte mich wie ein Wurm: Der Mann hatte Uniform - ich hatte nur einen Zettel, auf dem stand: "Online-Ticket, Beleg, Fahrschein, Reservierung und Preis." Ihr Kontrolleur blieb hart: "Nicht vorschriftsgemäß ausgedruckt, nicht vorschriftsgemäß ausgedruckt, nicht..."
Mit Freude bezahlte ich im Zug das Ticket, dass ich per Kreditkarte bereits bezahlt hatte, noch einmal. Natürlich konnten Sie mir dabei nicht mehr den günstigen Vorverkaufspreis anbieten - wodurch das Einzelticket noch teurer wurde. Ihnen, liebe Bahn, danke ich ganz herzlich dafür, dass Sie mich nicht schon in Ulm aus dem fahrenden Zug geworfen haben. Es wäre bestimmt Ihr gutes Recht gewesen.
Sie halten mich nun womöglich für grob undankbar, wenn ich versuchen werde, das Geld für mein doppelt bezahltes Ticket zurückzufordern. In München habe ich im Fahrgastzentrum bereits einen Mitarbeiter von Ihnen getroffen, der mir sagte, ich könne die Summe per Online-Formular einfordern. Darauf freue ich mich schon jetzt.
Mit untertänigen Grüßen,
Erik Raidt