Raidt schreibt Liebe Ökokleber!
Erik Raidt, 16.01.2010 15:37 Uhr
Die Wunderwaffe gegen Feinstaub wurde aus der Garage gelassen. Foto: dpa
Die Wunderwaffe gegen Feinstaub wurde aus der Garage gelassen. Foto: dpa
Stuttgart - Noch vor kurzem wagte ich in der Stuttgarter Innenstadt kaum mehr, tief Luft zu holen. Rund um das ADAC-Hauptquartier am Neckartor schien sich letzten Messungen zufolge der Sauerstoff vollständig verflüchtigt zu haben. Im Monatstakt ratterten Umweltbilanzen herein, die nahe legten, dass die Atmosphäre in der Innenstadt bald so lebensfeindlich sein würde wie auf dem Wüstenplaneten.

Die Lage schien hoffnungslos verfahren, weil die Abriebteile polnischer Lkw inklusive Masthähnchenpartikel in der Luft schwebten. Ich hustete dem Neckartod entgegen. Doch dann kamt ihr ins Spiel, liebe visionäre Umweltschützer aus dem Stuttgarter Regierungspräsidium. Am Dienstag habt ihr gemeinsam mit der schnellen Eingreiftruppe des Amts für Abfallwirtschaft eure neue Wunderwaffe aus der Garage gelassen: Ein orangefarbenes Spielmobil, das eine Brausemischung auf der Cannstatter Straße ausstreute. Es erinnerte mich an das Fliewatüüt, das Wunderfahrzeug aus einer alten Puppenserie, das auch fliegen konnte und von Himbeersaft angetrieben wurde.

Die Klebbrause soll nun dafür sorgen, dass der Feinstaub künftig liegen bleibt. Was für ein genialer Schachzug! Wir pampen die Schweinerei einfach auf der Straße fest. Streng geheime Voruntersuchungen im Umfeld des Rathauses haben übrigens die Wirksamkeit der Turbohaftcreme bewiesen: Mehrere Bürgermeister könnten nach ihrer Wiederwahl bis ins Jahr 2021 auf ihren Stühlen festkleben und als Politomis und -opis sogar Stuttgart 21 mit einweihen.

Liebe Ökokleber, dank euch können wir 30 Jahre nach der Gründung der Grünen wieder etwas aufatmen. Dabei folgt das Regierungspräsidium nicht irgendwelchen vagen Verdachtsmomenten. Es gibt vielmehr ein tolles Beamtenpapier mit dem wunderschönen Untertitel: "Fortschreibung des Aktionsplanes zur Minderung der PM10- und NO2-Belastungen." Das bisher streng unter Verschluss gehaltene Dokument offenbart schon auf der ersten Seite Erkenntnisse, die den künftigen Umweltschutz vor ganze neue Herausforderungen stellen: "Hauptverursacher der überhöhten Schadstoffbelastungen ist der Straßenverkehr." Das hätte ich kaum für möglich gehalten.

Freundliche Grüße,

Erik Raidt
Kommentare (1)
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JAN
16
SJ, 22:39 Uhr

:-)

Herr Raidt, toller Artikel, ich lache und weine gleichzeitig! :-) PS: Wieviel Feinstaub das Fliewatüüt selbst in unser Smog-Tal bläst, will ich garnicht mehr wissen. Grüße vom Kesselrand und weiter so! SJ