Raidt schreibt Lieber Platanenhocker!

Erik Raidt, 12.02.2012 09:54 Uhr

Stuttgart - Die Hocketse wird demnächst in den Rang des Weltkulturerbes erhoben – ein großer Erfolg für Stuttgart, nachdem die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten mit der Kehrwoche, der Wahl zur Dahlie des Jahres auf dem Killesberg und mit den Rudi-Häussler-Architekturruinen mehrfach knapp im Bewerbungsverfahren gescheitert ist.

Sie, lieber Platanenhocker, haben die kulturelle Bedeutung des Aussitzens auf einer erhöhten Position für Stuttgart noch einmal nachdrücklich unterstrichen. Anfang der Woche sind Sie auf einen der Bäume im Schlossgarten geklettert, um dort oben über Sinn und Unsinn von Tiefbahnhöfen zu meditieren.

Das Platanenhocken folgt einer Tradition, die zurückführt bis ins Jahr 422 – damals setzte sich der syrische Asket Symeon Stylites der Ältere in der Nähe von Aleppo auf eine Säule, auf der er den Rest seines Lebens verbrachte. Eine weniger asketische Variante des Aussitzens verfolgte viele Jahrhunderte später Helmut Kohl der Pfälzer. Für seine Verdienste wurde er zum Säulenheiligen der Deutschen Einheit ernannt. Kurze Zeit später erlebte die Herumhockerei als Pfahlsitzen in Freizeitparks eine Blüte, während über bodennahe Stuttgarter Brauchtumsveranstaltungen wie das Anna-Scheufele-Fest nur selten in der Tagesschau berichtet wurde.

Dienst erwiesen

Sie, lieber Wipfelstürmer, haben der Kultur des öffentlichen Herumsitzens nun einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Sieben Stunden lang haben Sie auf der Platane ausgeharrt – leider wird es für immer ein Geheimnis bleiben, über was Sie sich dort oben mit dem Baum unterhalten haben. Die Platane hat Ihnen in dieser Nacht eine ziemlich kalte Schulter gezeigt: Es hatte 13 Grad unter Null, und am Ende musste dann doch die Feuerwehr kommen und Sie im Körbchen vom Baum hieven, nachdem kurzfristig Gerüchte die Runde gemacht hatten, Heiner Geißler turne durchs Geäst.

Aber das war nur eine optische Täuschung, nicht wahr. Im Baum hockten nur Sie, ein „Frozen Parkschützer“.

Mit freundlichen Grüßen, Erik Raidt