Range Rover Der kleine Insulaner
Gundel Jacobi, 10.08.2011 12:34 Uhr
Der kleinste Range Rover namens Evoque steht ab 16. September als allradgetriebener Fünftürer zu Preisen 
ab 34.900 Euro bei den Händlern. Für das dreitürige Coupé wird ein Aufschlag von 1000 Euro fällig. Foto: SoAk
Der kleinste Range Rover namens Evoque steht ab 16. September als allradgetriebener Fünftürer zu Preisen ab 34.900 Euro bei den Händlern. Für das dreitürige Coupé wird ein Aufschlag von 1000 Euro fällig. Foto: SoAk

Ein spitzer Aufschrei ging durchs britische Königreich, als sich die Gerüchte verdichteten, dass es einen neuen Range Rover wahlweise auch mit Vorderradantrieb geben sollte. Und damit nicht genug: Unterhalb des schon in Größe und Preis gegenüber dem Ur-Range abgespeckten Range Rover Sport angesiedelt, schien die Kluft zwischen blaublütigem Adel und fröhlichem Landmann größer denn je zu werden.

Nun steht der 4,37 Meter kurze Evoque mit dem französisch klingenden Namen (wörtlich: „Er beschwört etwas herauf“) in der fünftürigen Ausführung – mit Frontantrieb im Frühjahr 2012 ab 33100 Euro – in der Arena automobiler Eitelkeiten und: erhält allenthalben Applaus. Tatsächlich kostet er gut ein Drittel dessen, was dem standesbewussten Käufer für den klassischen Geländewühler mit dem Namen Range Rover und V8-Fünfliter-Motorisierung abverlangt wird.

Blickt man jedoch über den insularen Tellerrand hinweg, mischt sich rasch ein Quäntchen Erstaunen in die geldorientierte Betrachtungsweise: Die hiesigen Platzhirsche dieser derzeit sehr beliebten Wagengattung – Audi Q3, BMW X1 und VW Tiguan – liegen in ihren Einstiegsversionen mindestens 3000 Euro unter dem edlen Engländer. Der deutsche Land-Rover-Markenverantwortliche Peter Gress sieht’s gelassen: „Wir rechnen beim Evoque mit einer Eroberungsquote von 80Prozent, ausstattungsbereinigt stehen wir sowieso bestens da.“
Zweifellos ist den Designern ein Automobil gelungen, das die clever abgewandelte bullige Erbmasse eines Range Rover in sich trägt. Mit seinen schmalen Scheinwerfern, der nach hinten schwindelerregend ansteigenden Gürtellinie und dem wuchtigen Heck wirkt er deutlich aggressiver als die größeren Brüder – ganz abgesehen von den Seitenfenstern, die vor allem beim Dreitürer den Vergleich mit Schießscharten aufdrängen. Männlich, kraftvoll und modern, mit anderen Worten: ein mutiger Wurf forscher Weiterentwicklung, den man dem Management in England so gar nicht zugetraut hätte. Offenbar scheint die Zusammenarbeit zwischen Land Rover samt Edelmarke Range Rover und dem Herrn über beide, dem indischen Tata-Konzern, durchaus fruchtbar zu sein.
Die Zeichen der Zeit haben die Macher sowieso erkannt: Leichtfüßiger und sparsamer müssen die Vehikel werden. Zwar ist auch beim 1,6 Tonnen wiegenden Frontantrieb-Evoque noch Luft nach unten, aber die Anstrengungen gehen in die richtige Richtung. Unter der Motorhaube glänzt der 110 kW (150 PS) starke Vierzylinder-Diesel ohne Allradantrieb mit einem Normverbrauch von 4,9 Litern und hat ebenso wie der handgeschaltete Allrad-Selbstzünder mit 140 kW (190 PS) ein Start-Stopp-System an Bord. Der Benziner mit 177 kW (240 PS) setzt leistungsmäßig noch eins drauf.
Auf ersten Testfahrten überzeugte der durchzugsstarke Diesel – so stellt man sich gemeinhin einen Range vor. Wer die Treue zum englischen Gelände-Klassiker halten möchte, ist damit bestens bedient. Ein Kompliment gilt der Fahrwerksabstimmung, denn einerseits reiht sich der Evoque in die eher straffe Riege ein, andererseits vermisste man kein bisschen mehr Nachgiebigkeit auf welligem Untergrund. Nur so viel zur Geländegängigkeit: Ein Range Rover hat sie einfach, sofern er ein Allradler ist – kommt er nicht durch, kommt keiner durch. Im Falle der aktuellen Modelle gelingt dies durch das Terrain Response genannte System mit fünf Fahrdynamik-Regelungen.

Innen geht es geräumig zu – mit einem Hang zu gediegenem Chic, was in einem wertorientierten Engländer so sein darf. Während der Einstieg in den Fünftürer-Fond auch der englischen Queen zuzumuten wäre, überließe sie das Krabbeln auf die Rücksitze im Dreitürer – sinnigerweise Coupé genannt – wohl eher ihren Corgi-Hunden: Da muss man sich als Mensch schon ziemlich nach hinten zwängen.

Die Aufregung traditionsbewusster Bewahrer automobilen Adels um den neuen Baby-Range legt sich allmählich. Umso mehr dürften die Augenbrauen wieder nach oben gehen, wenn neue Gerüchte der Muttermarke Land Rover die Insel erschüttern: Unterhalb des Evoque sei eventuell noch etwas unterwegs. Unerhört.

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