Raubüberfall am Flughafen von Brüssel Der Diamantenklau als belgische Tradition

Christopher Ziedler, 19.02.2013 18:46 Uhr

Brüssel - Unzählige Fernsehkameras richten ihre Objektive am Morgen danach hinaus auf das Rollfeld des Brüsseler Flughafens Zaventem. Dass sie nicht mehr aufzuzeichnen haben als den Normalbetrieb liegt nicht nur an der grauen Nebelsuppe. Der Tatort einer der spektakulärsten Raubüberfälle der vergangenen Jahre ist nicht einsehbar, und die belgische Polizei lässt keine Journalisten dorthin.

Es war um 19.47 Uhr am Montagabend, als zwei Fahrzeuge ein schweres Sicherheitstor, das Zugang zum Rollfeld bietet, durchbrachen. Bis dahin waren sie offensichtlich deshalb gekommen, weil sie mit Blaulicht ausgestattet waren und die acht Insassen Polizeiuniformen trugen, wie die Brüsseler Staatsanwaltschaft am Vormittag mitteilte. „Das war eine genau vorbereitete Tat. Das waren professionelle Täter“, sagte eine Justizsprecherin wohl auch im Hinblick darauf, dass der folgende Überfall insgesamt nur drei bis fünf Minuten dauerte.

Es fielen keine Schüsse, niemand wurde verletzt

Die Insassen des Audi-Kombis und eines Mercedes-Lieferwagens steuerten geradewegs auf eine Maschine der Schweizer Fluggesellschaft Helvetic zu, die im Auftrag von Swiss die Strecke Brüssel-Zürich bedient – offenbar um deren teure Fracht wissend. Mit vorgehaltenen Maschinengewehren wurden nach Angaben der Polizei der Pilot und der Co-Pilot sowie die Wachleute eines Sicherheitsdienstes in Schach gehalten. Sie waren dabei, Pakete aus ihrem Transporter in den Frachtraum des Flugzeugs zu laden. Dass die schwer bewaffneten Räuber nun insgesamt 120 Pakete an sich nahmen, bekamen die Passagiere an Bord zuerst nicht mit. „Es fielen keine Schüsse, niemand wurde verletzt“, sagte der Flughafensprecher Jan Vandercruyssen. Der Flug wurde gestrichen, doch ging der Betrieb am Brussels Airport, wie der Flughafen offiziell heißt, um französisch-niederländische Sprachscherereien zu vermeiden, normal weiter.

Weil sich der Überfall auf einen Sicherheitstransport der Firma Brinks richtete, war schnell klar, dass es sich bei dem erbeuteten Koffer mit den vielen kleinen ­Paketen um eine Ladung Diamanten handelt. Das in Antwerpen ansässige Unternehmen transportiert ausschließlich Edel­steine. Wenig später bestätigte das Weltzentrums für Diamanten in derselben Stadt, eine Art Dachverband der ortsansässigen Industrie, dass Steine im Wert von insgesamt 50 Millionen Dollar, umgerechnet etwas mehr als 37 Millionen Euro, entwendet worden seien. Die glänzende Beute sei „eine der größten aller Zeiten“, sagte die Sprecherin Caroline De Wolf gestern in Antwerpen.

Antwerpen gilt als Welthauptstadt der Diamanten

Die Stadt an der Schelde-Mündung, nur 40 Kilometer nördlich des Brüsseler Flughafens gelegen, ist nicht nur als zweit­größter Seehafen Europas nach Rotterdam bekannt. Antwerpen gilt traditionell als Welthauptstadt der Diamanten. Es gibt nicht nur ein Diamantmuseum, das an die jahrhundertealte Tradition jüdischer Händler erinnert, sondern auch vier aktive Diamantenbörsen, über die noch immer etwa 60 Prozent aller Rohdiamanten weltweit gehandelt werden. Tag für Tag werden Edelsteine im Werte von 150 Millionen Euro nach und von Antwerpen aus geliefert. Rund 27 000 Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt von der Diamantenbranche abhängig. Aber auch das Verbrechen ist bei so viel Luxusware nicht weit. Das Stadtviertel rund um die Pelikanstraße, in dem sie sich angesiedelt hat, ist entsprechend schwer gesichert.

Besser gesichert aber offenbar als der Brüsseler Flughafen, wo nicht zum ersten Mal teure Fracht gestohlen wurde. Seit 1995 wurden dort bereits fünf spektakuläre Raubüberfälle gezählt. Der Sicherheitsbereich habe sich einmal mehr „als Sieb“ erwiesen, hieß es im Internet-Nachrichtenportal „Flandern-Info“. Der Flughafen selbst wies die aufkeimenden Vorwürfe sofort zurück. „Die strengen nationalen und internationalen Sicherheitsstandards“ würden erfüllt, wurde auf der eigenen Facebook-Seite mitgeteilt.

Von den Tätern fehlt noch jede Spur

Und es ging am Flughafen, wo eine Menge Diamanten aus dem nahen Antwerpen umgeschlagen werden, auch nicht das erste Mal um Edelsteine. Im Oktober 2000 erbeuteten Gangster etwa zehn Kilogramm Diamanten mit einem Wert von rund sechs Millionen Euro aus einer Lufthansa-Maschine. 2002 erbeuteten Diebe Juwelen im Wert von 1,5 Millionen Euro. Die fünf Männer arbeiteten auf dem Flugfeld – und konnten ungehindert in Postsendungen nach solchen mit Diamanten stöbern.

Von den Bewahrern dieser belgischen Tradition fehlt der Sicherheitsbehörde noch jede Spur. „Wir haben noch keine Informationen über die Identität“, räumt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Ine Van Wymersch, ein. Immerhin wissen die Behörden, dass die Räuber nicht mehr mit dem Lieferwagen unterwegs ind. Dieser wurde kurz nach der Tat ausgebrannt in der Nähe der kleinen Stadt Zellik gefunden.