Raumfahrt Es ist nicht die Zeit für Visionen

Alexander Mäder, 20.11.2012 09:11 Uhr

Stuttgart - So unruhig ist die Branche selten. Als stünde der Start einer Rakete oder die Landung auf einem fernen Planeten bevor, geht man alle Eventualitäten noch einmal durch. Johann-Dietrich Wörner spricht von „extrem intensiven Diskussionen“ der vergangenen Wochen. Er leitet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und auch die deutsche Delegation auf der Tagung der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa), die heute in Neapel beginnt. In der Raumfahrt sind es die Ingenieure gewohnt, selber zu steuern, doch in Neapel entscheiden Politiker. Wörner hat sich im wöchentlichen Rhythmus mit seinen Kollegen aus anderen Esa-Mitgliedsstaaten getroffen, um möglichst mit einer gemeinsamen Position in die Verhandlungen zu gehen.

Doch wie findet man einen Kompromiss, wenn Deutschland und Frankreich ganz unterschiedliche Raketen bauen wollen? Frankreich will eine neue Ariane 6 entwickeln, die in zehn bis zwölf Jahren die heutige Ariane 5 ersetzen könnte. Deutschland setzt hingegen auf eine verbesserte Ariane 5, die schon in fünf Jahren zum Start bereit stünde. Drei Dinge sind klar: Die neue Rakete soll mehr Last in eine hohe Bahn um die Erde tragen können – geplant sind zwölf Tonnen, also gut zwei Tonnen mehr als bisher. Außerdem soll die Rakete eine neue Oberstufe bekommen, die ausgeschaltet und später im All ein zweites Mal gezündet werden kann – eine praktische Lösung für komplizierte Manöver. Und drittens sollen die Kosten gesenkt werden, denn die Ariane-Starts – die Rakete hebt etwa alle zwei Monate ab – werden jährlich mit 120 Millionen Euro subventioniert.

Braucht Europa eine neue Ariane?

Diese drei Ziele können beide Raketen erreichen, doch dann beginnt die Diskussion: Braucht man eine ganz neue Ariane oder genügt eine modifizierte? Die deutsche Position steht fest: Politik, Industrie und Wissenschaft finden es zu teuer, eine Ariane 6 zu entwickeln. „Uns fehlen leider die bahnbrechenden Technologien, um eine neue Rakete wie die Ariane 6 wettbewerbsfähig zu machen“, sagt Evert Dudok, der Chef der Satellitensparte der Firma Astrium. Johann-Dietrich Wörner hält sich hingegen bedeckt; man verhandle, und er halte eine Lösung für greifbar.

Vielleicht wird am Ende das Geld entscheiden, denn die Bereitschaft zu langfristigen Investitionen ist derzeit nicht groß. „Aus Griechenland können wir keinen Beitrag erwarten“, sagt Wörner, „und in Spanien und Portugal ist die Lage dramatisch“. Trotzdem gibt er sich zuversichtlich: „Alle wichtigen Projekte werden finanziert werden, wenn auch nicht ganz in der gewünschten Höhe.“ Insgesamt stehen den Forschungsministern der 20 Esa-Mitgliedsstaaten Projekte im Wert von zwölf Milliarden Euro zur Diskussion.

Ein Raumschiff mit den USA?

Ein großer Teil davon ist der europäische Beitrag für die Internationale Raumstation ISS. Hier arbeiten Europäer mit Amerikanern, Russen, Kanadiern und Japanern zusammen. In der Raumfahrt ist es üblich, den Partnern kein Geld zu überweisen, sondern vielmehr Bauteile zu liefern, die von der eigenen Industrie hergestellt werden. Die Esa beteiligt sich seit einigen Jahren an der ISS, indem sie ein unbemanntes Transportraumschiff zur Verfügung stellt: das ATV. Drei dieser tonnenförmigen Kapseln sind bereits ins All geflogen und haben jeweils bei ihrem Rückflug einige Tonnen Abfälle von der Raumstation mitgenommen. Da das ATV kein Hitzeschild besitzt, verglüht das Raumschiff, wenn es wieder in die Erdatmosphäre eintritt. Zwei weitere Starts sind in den kommenden Jahren geplant. Bis 2017 ist so die europäische Beteiligung an der ISS gesichert.

In Neapel stehen nun die folgenden Jahre zur Disposition. Die deutsche Haltung sei klar, sagt Wörner: „Wir haben viel in die Raumstation investiert, jetzt wollen wir sie auch nutzen.“ Das Ziel ist, die ISS bis 2020 weiter zu betreiben. Wörner möchte daher das ATV so weiterentwickeln, dass es mit dem bemannten Raumschiff Orion, das die US-amerikanische Raumfahrtagentur Nasa derzeit baut, kombiniert werden kann. Das ATV mit seinen Steuerdüsen und seinem großen Laderaum wäre dann ein Multifunktionsmodul für die Astronauten, das längere Reisen ermöglichen würde – beispielsweise eine Mission zum Mond. „Wir versprechen uns dadurch eine längerfristige Kooperation mit den Amerikanern in der bemannten Raumfahrt“, sagt Wörner.

Die Firma Astrium hofft auch darauf, dass ihre Mondfähre einen Schritt weiterkommt. Im Auftrag der Esa hat sie die 800 Kilogramm schweren Sonde Moon Lander entwickelt: eine etwa zwei Meter hohe Tonne, rundum mit Solarzellen verkleidet, die auf dem Mond landen und dort einen kleinen fahrenden Roboter absetzen soll. Evert Dudok gibt sich aber nicht sonderlich optimistisch. Insgesamt werden für das Projekt 500 Millionen Euro benötigt. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium, das für die Raumfahrt zuständig ist, gibt es jedoch keine ermutigenden Signale, und auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt macht keine Hoffnung.

Will Europa zum Mond fliegen?

Vielleicht bewilligen die Forschungsminister zumindest das Geld für die nächsten kleinen Schritte. Laut Astrium steht in Neapel der Vorschlag zur Diskussion, die technischen Spezifikationen eines Moon Landers festzulegen. „China und Indien wollen zum Mond“, sagt Dudok, „doch bei uns kommt keine ähnliche Begeisterung auf.“ Der Moon Lander soll vor allem zeigen, dass die europäische Raumfahrt sanft auf einem anderen Himmelskörper landen kann. Solange man das nicht unter Beweis stelle, werde man als Kooperationspartner nicht ernst genommen, lautet das einschlägige Argument. Aber auch wissenschaftlich sei es interessant, nahe des Südpols des Mondes nach verstecktem Wassereis und Bodenschätzen zu suchen, heißt es bei Astrium. 68 Forschergruppen hätten nach einem entsprechenden Aufruf Interesse an der Mission bekundet.

Schon seit einigen Wochen kursiert der Vorschlag, die nächste Tagung der Minister bereits 2014 anzusetzen und nicht, wie es üblich wäre, erst 2015 oder 2016. Womöglich ist mancher Minister glücklich darüber, nur einen kleineren Betrag für einen kürzeren Zeitraum zusagen zu müssen. Johann-Dietrich Wörner ist hingegen unzufrieden: Der Zeitraum sei zu kurz, um verlässlich planen zu können. Er führt das darauf zurück, dass der Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain noch eine Ministerratstagung vor dem Ende seiner Amtszeit haben will – gewissermaßen als Abschied. „Viele Länder haben zugestimmt, weil sie hoffen, dann finanziell flexibler zu sein.“

Wer soll die Raumfahrt koordinieren?

Überlagert wird die Tagung von einem Kompetenzgerangel. Im Vertrag von Lissabon hat die EU vor drei Jahren festgelegt, dass die EU „eine europäische Raumfahrtpolitik ausarbeitet“ (Seite 88 in diesem PDF-Dokument). Dass lege die EU-Kommission nun sehr weit aus, beklagt Wörner und spricht von einem „Eitelkeitskampf“. In einem Papier forderte die Kommission im April 2011 von der Esa, sich besser an die EU-Strukturen anzupassen, auch wenn die Schweiz und Norwegen Esa-Mitglieder seien (PDF des Papiers). Wörner schlägt vor, innerhalb der Esa ein EU-Programm aufzulegen. Doch diese Lösung, spottet er in seinem Blog, sei für manche vielleicht zu einfach.