Stuttgart - Musiker, die mit dem Gestus der Bescheidenheit erklären, man solle doch bitte schön über die Musik nicht reden, sondern sie besser nur hören, treffen bei Kritikern naturgemäß auf Reserve. Zumal wenn sie, wie die norwegische Sängerin Rebekka Bakken, jedes neue Album in zahlreichen Interviews zu einem weiteren Schritt hin „zu sich selbst“ verklären. Man wird also als durchaus wohlmeinender Beobachter ihrer erstaunlichen Karriere zum Zeugen eines „Bildungsweges“, der vom spartanischen Duo-Jazz-Song an der Seite von Wolfgang Muthspiel zu einem countryfizierten Singer-Songwritertum führt, mit Liedern, die von Liebe und Leid, vom Leben und mittlerweile – Bakken ist Jahrgang 1970 – auch vom Sterben handeln.
Die Sängerin ist folglich das genaue Gegenteil des großen Popstars, der auf dem Zenit seiner Karriere plötzlich ein ganz und gar persönliches Album aufnimmt. Ihre Kunst wurde mit den Jahren immer verwechselbarer und zugleich populärer; geblieben ist der niedliche Akzent, der ihre Texte auf profane Weise geheimnisvoll macht.
Gespannt sein durfte man auf das Konzert am Samstagabend, denn ihr aktuelles Album „September“, eine aufreizend dramaturgielose Lektion in Langsamkeit, eignet sich eher als akustisches Sedativ denn als Vorlage für einen packenden Konzertabend. Das mag sich Rebekka Bakken auch gedacht haben, als sie die Bühne des bestens gefüllten großen Saales im Theaterhaus betrat. Begleitet wurde sie von einem Quartett von Musikern, die, wie Bakken einmal lobte, stilsicher „alles“ spielen können. Was nicht nur bedeutete, dass sie sich einmal quer durch ihr umfangreiches Repertoire singen konnte, von den aktuellen Songs bis hin zum norwegischen Traditional „Jeg Hvet En Hvile“, sondern auch, dass sie sämtliche Facetten ihres Könnens beeindruckend zu entfalten vermochte.
Bodenständige Blues- und Soulstücke
An diesem Abend gab es also nicht nur die große Dreioktavenballade wie „Mina’s Dream“ zu hören, zelebriert mit keineswegs ironischer Celine-Dion-Gestik, sondern auch ein paar sehr bodenständige Blues- und Soulstücke wie „It’s hard to be a loser“, die der Band hinreichend Freiraum boten, ihre instrumentalen Fertigkeiten zu präsentieren. Insbesondere der Gitarrist Rune Arnesen erwies sich dabei als exquisiter Allrounder, mal punktgenauer Begleiter von Balladen, mal einfallsreicher Solist bei „Driving“.
Rebekka Bakken schien die Abwechslung zu genießen, gab mal die souveräne Balladen-Queen, um dann wieder breitbeinig am Klavier zu sitzen, als könne man mit ihr auch Pferde stehlen. Dazu ein paar unprätentiöse Zwischenansagen, mal auf Englisch, mal auf Deutsch als Verbeugung vor dem verstorbenen Ludwig Hirsch, dem sie in ihrer Wiener Zeit begegnet war. Zwischen „Forever Young“ und dem Suizid aus Angst vor dem Sterben weiß diese Sängerin souverän zu vermitteln.


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