„Rebellen“ von Wolfgang Schorlau Spiel mit den Schmuddelkindern

Martin Halter, 10.03.2013 10:52 Uhr

Stuttgart - Die maoistischen K-Gruppen waren eine harte Schule, aber manchmal auch Karrieresprungbretter und Kaderschmieden, aus denen so ehrenwerte Politiker wie Winfried Kretschmann und Jürgen Trittin hervorgingen, mächtige Vorstandsvorsitzende wie Hans-Jörg Hager und Autoren wie Sven Regener. An vorderster KBW-Front, wenn auch nicht immer linientreu, stand auch Wolfgang Schorlau, damals kaufmännischer Lehrling in Freiburg, heute Generalsekretär des unverdrossen gegen Staat, Kapital, Pharmalobby und andere bourgeoise Elemente agitierenden Privatdetektivs Georg Dengler. Vor Jahren legte Schorlau einmal im „Freitag“ Rechenschaft über seine Rolle als „Azubi der Weltrevolution“ ab; jetzt erzählt er in seinem neuen Roman von seinen Lehrjahren als Berufsrevolutionär.

„Rebellen“ ist keine Autobiografie, aber in Paul, dem Feinmechanikerlehrling aus dem Freiburger Eisenbahnerwaisenhort, steckt mehr Schorlau als in Dengler. Schorlau beschreibt die „wunderliche und sonderbare“ Zeit mit viel Verve, kämpferischem Pathos und einiger Nostalgie; der stimmungsvolle Soundtrack reicht von „Streetfighting Man“ bis zu Marx‘ „Lohnarbeit und Kapital“. Schorlau ist jedenfalls den „Träumen seiner Jugend“ treu geblieben. Das Wort von Schillers Marquis Posa steht als Motto über dem Roman.

Miniröckchen und Vielweiberei

Er liest sich allerdings gelegentlich wie ein Dossier des Freiburger „Archivs für soziale Bewegungen“. Schorlau schildert fast distanzlos Schlüsselereignisse der lokalen Studentenbewegung und, kaum verschlüsselt, führende Köpfe wie Hager, Michael Moos oder Klaus Theweleit. Er kennt die heiligen Stätten der Bewegungen, die Buchläden, Kommunen, Kneipen, und er plaudert auch gern aus dem konspirativen Nähkästchen. Dass die Genossinnen, die morgens an den Fabriktoren unlesbare Flugblätter in sexy Miniröcken an den Arbeitsmann zu bringen versuchten, vom ZK scharf zurückgepfiffen wurden, kann Paul nicht gutheißen. Kommunismus ist für ihn vor allem praktizierte Vielweiberei. Schließlich kam er ja zur Lehrlingsgruppe des SDS und später zum KBW, weil sich hier neben „wichtigen bärtigen Männern“ jede Menge scharfer Bräute auf authentische Arbeiter wie ihn stürzten.

Als historisch-dokumentarischer Roman hat „Rebellen“ unbestreitbare Verdienste. Der Plot freilich ist, obwohl durchaus ambitioniert im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit erzählt, eher dürftig: Zwei Männer und dazwischen eine Frau. Der Hauptwiderspruch oder „Kampf zweier Linien“, um im Jargon der Zeit zu bleiben, verläuft exakt entlang der Klassengrenzen zwischen Paul, dem armen Waisenhortknaben, und Alexander aus der Villa gegenüber. Hier der Huckleberry Finn von Herdern mit allen pubertären Freiheiten; dort der Tom Sawyer aus gutem Hause. Natürlich beneidet Alexander seinen spiegelverkehrten Zwillingsbruder. Was verboten ist, macht scharf, und so wächst zusammen, was zusammengehört: Bürgersöhnchen und Schmuddelkind, Alexanders Plattenspieler und Pauls „In the Midnight Hour“, Anzug und Lederjacke, Universität und Lehrlingsheim.

Die Morgenröte von 1968

Als dann im verschlafenen Freiburg die Morgenröte von 1968 anbricht, muss Alexander schmerzlich erfahren, dass Paul nicht nur bei den linken Studenten einen Stein im Brett hat. Alle tollen Frauen wollen wissen, wie „die führende Rolle der Arbeiterklasse sich im Bett anfühlt“. Die „unschlagbare Mischung aus Alain Delon und Ernst Thälmann“ wirkt selbst auf die eher zurückhaltende Toni. Alexander liebt Toni, aber die Psychologiestudentin und Protofeministin lässt sich lieber von der Vorhut des revolutionären Proletariats demütigen. Der Traum von der freien Liebe, die Freundschaft zwischen den Genossen zerbricht an bürgerlicher Eifersucht.

Schorlau ist kein Erzählkünstler, sondern Rebell. Die Engführung der Männerbiografien gelingt ihm nur phasenweise; erst als Toni sich als Erzählerin und Stimme weiblicher Vernunft einmischt, gewinnt der Konkurrenzkampf der „Macker“ an Farbe und Drive. Die Konstruktion ächzt unter der Last unmotivierter Abschweifungen. Immerhin zeigt Schorlau aber auch ein feines Gespür für die Ungleichzeitigkeiten von politischer und sexueller Revolution, für die gesellschaftlichen Verwerfungen und biografischen Brüche dieser Zeit. Damals wurde ja nicht nur der Muff unter den Talaren weggeblasen.

Kurzer Sommer der Anarchie

Der kurze Sommer der Anarchie geht bald zu Ende. Die schärfsten Kritiker von Kapital und Staat machen Karriere bei der Freiburger Sparkasse. Alexander bekommt am Ende die väterliche Firma. Als Verrat kann er das nicht empfinden. Alexanders Geschäftsberichte klingen wie die Sieg-im-Volkskrieg-Parolen seiner KBW-Zeiten. Toni schüttelt traurig ihr Therapeutenhaupt, und Paul, der einsame, unbeugsame Wolf, geht zu den Grünen.