Rechte Szene Der braune Spuk zerstört die Idylle

Fassungslos blickt man in Winterbach auf den Anschlag gegen Ausländer. Neu ist das Nazi-Phänomen im Remstal jedoch nicht.  

Spuren des rechten Mobs: die in Brand gesetzte Gartenhütte in Winterbach Foto: Stoppel
Spuren des rechten Mobs: die in Brand gesetzte Gartenhütte in WinterbachFoto: Stoppel

Winterbach - Duran Tecer steht auf seiner Streuobstwiese hoch über dem Remstal und schaut auf die verkohlten Trümmer seines Gartenhäuschens. Es ist Montagvormittag, die Sonne strahlt. Doch Tecers Augen sind feucht, seine Stimme zittert. "Es hätte passieren können, dass wir heute fünf Tote beerdigen müssen", sagt der 51-jährige Mann aus Winterbach. "Aber Gott sei Dank haben wir Glück gehabt, und unsere Kinder sind verschont geblieben." Tecers drei Söhne, 28, 26 und 20 Jahre alt, und sechs ihrer Freunde sind in der Nacht zum Sonntag von einer Gruppe Rechtsradikaler angegriffen, geprügelt und verfolgt worden. Sie hatten auf dem Grundstück des Vaters gegrillt, während auf einer Nachbarwiese ebenfalls eine Party im Gange war - wie sich später herausstellte, eine Geburtstagsfeier für eine junge Frau aus Schorndorf, die wie ihre etwa 20 Gäste der rechten Szene zuzuordnen ist.

Duran Tecer erzählt, dass sein ältester Sohn von einem dieser Gäste auf dem Feldweg, der zwischen den Grundstücken verläuft, mit dem Auto angefahren worden sei. Etwas später seien die Angreifer mit Äxten auf seine Söhne und deren Freunde losgegangen. Fünf der jungen Leute flüchteten in das Gartenhaus der Familie Tecer. "Die haben geschrien: Kommt raus, wir machen euch fertig. Dann haben sie wohl Benzin verschüttet und das Haus angezündet", sagt Tecer. Die jungen Männer wählten den Notruf. Ein Polizist am Telefon riet ihnen dringend, ihren Unterschlupf zu verlassen. Sie entkamen mit knapper Not aus dem brennenden Häuschen, in dem auch Spiritus gelagert war.

Eine untypische Region für Rechtsextremismus

"Sie sind abgehauen - jeder in eine andere Richtung", schildert Tecer. Er spricht von Fußtritten der Rechten gegen die Flüchtenden und von seinem jüngsten Sohn, der mit einer Rippenprellung im Krankenhaus liege. Der älteste Sohn habe eine gebrochene Hand und einen verletzten Fuß. "Meine Kinder und ihre Freunde feiern hier oft am Wochenende, wenn schönes Wetter ist", sagt der türkischstämmige Duran Tecer. Seit 1987 wohnt er in Winterbach, vor sechs Jahren kaufte er das Gelände. "Wir hatten nie Probleme."

Der Rems-Murr-Kreis ist im vergangenen Jahrzehnt immer wieder wegen rechtsextremer Straftaten in die Schlagzeilen geraten. Dabei bietet der Kreis gar nicht jenen Nährboden, von dem man annahm, er begünstige Rechtsextremismus: die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Ausländeranteil gering. Eine Forschungsgruppe um den Tübinger Pädagogik-Professor Josef Held ist 2008 zu verblüffenden Ergebnissen gekommen. Die Rechtsextremisten sind überwiegend gut integrierte junge Leute, die die Schule besuchen oder eine Ausbildung absolvieren und soziales Ansehen genießen, sofern sie die Grenze zur Illegalität nicht überschreiten. Das Problem, so Held, sei nicht, dass es rechtsextreme Gruppen gebe, sondern "eine politische Kultur, die eine Akzeptanz gegenüber Rechtsextremismus entwickelt". So würden rechte Übergriffe oft als Ausrutscher oder Trunkenheitsdelikte heruntergespielt und die Übeltäter außerhalb des eigenen Vereins, der eigenen Kommune oder Schule vermutet.

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Wo sind die Politiker?: Immer häufiger müssen Bürgerinnen und Bürger aktiv werden, weil die 'Politik' versäumt hat, präventiv das Notwendige zu unternehmen. Es kann nicht sein, dass wieder eine handvoll Menschen Demokratieverständnis demonstrieren muss, weil möglicherweise Justiz und Politik nicht ausreichend gegen Gewalt, Verblendung etc. vorgehen. Gewalt gibt es leider auf allen Seiten, das ist schon richtig, aber die auf der rechten Seite ist so organisiert, dass es einen wütend macht. Wie kann denn das geschehen? Seit Jahren wird in der rechten Szene eine derartige Struktur aufgebaut, unbemerkt von den Überwachungsorganen? Wir haben leider eine Geschichte, die uns doch sensibel machen muss für solche Umtriebe und wenn, wie in diesem Fall, Menschen fast ermordet worden wären, dann verlange ich schon, dass mindestens so viele Polizisten sich auf den Weg machen müssten, wie wir sie im Park von Stuttgart am 30.09.2010 gesehen haben, sonst muss ich mich schon fragen, wofür ich meine Steuern bezahle. Da muss ich mich ja schämen, wenn ich ins Ausland fahre.

Demo gegen faschistische Gewalt: Am Sonntag soll es in Winterbach am Bahnhof ab 15 Uhr eine Demonstration gegen die faschistische Gewalttat geben. Was bisher in den Artikeln zu dem Vorfall leider unerwähnt blieb: Ganz in der Nähe, in Weiler, ist die Linde, seit längerem schon der Anlaufpunkt für Nazis aus der ganzen Region. Sicher kein Zufall. Schaut mal auf www.weiler-schaut-hin.de

Umland: Vor kurzem erst der Angriff auf einen Antifaschisten in Leonberg, jetzt die Ausländerhatz in Winterbach und auf Stuttgarts Strassen immer häufiger 88-Träger. Ich hoffe das die jetzige Regierung nicht wie die Vorgänger auf dem rechten Auge blind ist und diese untragbaren Zustände endlich in den Griff bekommt.

Bitte nicht alles so schwarz malen: Bitte liebe Medien, wir sollten diese Situation nicht noch schlimmer machen, als sie ist. Es haben hier ein paar rechte eine Tat gemacht, die mit nichts zu rechtfertigen ist, die Strafe sollte hierfür auch mit aller Härte folgen, keine Frage. Aber dass wir nun wieder in die alte Leier zurückfallen, wie böse der Deutsche ist und wie viele Nazis bei uns leben....daws halte ich nun für absolut übertrieben. Wie gesagt, eine Tat, bei der man Menschenleben aufs Spiel setzt, das geht nicht und gehört auch bestraft. Wir wissen doch aber alle nicht, was der Tat vorausging, etwas muss schon gewesen sein. Provokationen, Aggressionen (auch von Südländern) erlebt man sehr häufig in Schorndorf, ich habs neulich selbst mit meiner Freundin erlebt, nein Danke! Hier gehört eben auch mal genauer hingeschaut. Diese Tat muss also nicht unbedingt gleich 'nur' auf rechtes Gedanengut zurückzuführen sein. Nochmal: Ich verurteile so eine Tat sehr und die gehört mit aller Härte des gesetzes geahndet. Wir wären aber gut beraten, erst einmal die Polizei ermitteln zu lassen, was der Tat auch tatsächlich vorausging.

.: Wenn man willentlich einen Schuppen mit Brandbeschleuniger anzündet, in dem sich Menschen befinden, ist das ein Mordversuch. Egal, welche Gesinnung jemand hat, das kann man nicht dulden. Ich hoffe alle Täter/innen bekommen nicht nur eine Bewährungsstrafe!

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