Rechtsextremismus Der Nazi, mein Kamerad und Nachbar

Katja Bauer, 12.08.2012 09:11 Uhr

Berlin - Wie komme ich als Neonazi unverbindlich und entspannt ins Gespräch mit meinen Nachbarn oder meinen neuen Vereinskameraden? Für solche Situationen haben NPD-Kader ganz praktische Ratschläge. Am besten sei es, sich nicht gleich als politischer Aktivist zu erkennen zu geben, riet vor einiger Zeit ein bayerischer Rechtsextremist in einem Artikel für die Parteizeitung „Deutsche Stimme“.

Man solle nicht sofort im „eindeutigen T-Hemd“ provozieren, rät der Kader, und lieber mal auf politische Inhalte verzichten, zitiert das Online-Portal „Endstation Rechts“ den Artikel. „Sympathie, smartes Auftreten, Hilfsbereitschaft und eine gewisse – neudeutsch: – ,Coolness‘“ seien besser. Es gehe darum, so erfährt man weiter, die „Schweigespirale“ zu durchbrechen.Für Julian Barlen, SPD-Landtagsabgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern, zeigt der Text in der Partei­zeitung, dass unter Neonazis eine ­Strategiediskussion über die Unter-wanderung der Zivilgesellschaft geführt wird. Barlen, der auch das Online-Portal „Endstation Rechts“ betreibt, sieht etliche Beispiel dafür, wie Neonazis versuchen, in kommunalen Gemeinschaften Fuß zu fassen. Nicht immer sei dies Ergebnis einer abgesprochenen Strategie, sondern mitunter einfach der Alltag in kleinen Dörfern. „Es ist ja nicht so, dass da jemand auftaucht und sagt: Hallo, ich unterwandere euch jetzt“, sagt Barlen.

Der Trainer ist auf einmal ein Neonazi

Auch wenn es durchaus ein Ziel der Rechten ist, sich im kommunalen Alltag zu verankern. Die Wirklichkeit sei vielerorts, dass die in einem Ort lebenden Rechtsextremen schlicht an der Zivilgesellschaft teilnähmen. Betroffen sind davon häufig ländliche Gegenden mit finanzschwachen Kommunen, starken Abwanderungsbewegungen und entsprechend schwacher Zivilgesellschaft. „Sportvereine haben Bedarf an Trainern, einfach an Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen“, sagt Barlen. „Und auf einmal sind Vereine in der Situation, dass der Trainer ein Neonazi ist.“ Bei der Aussteigerberatung „Exit“ verweist man auf ähnliche Beobachtungen. Der ehemalige Neonazi Andreas, der seinen richtigen Namen nicht nennen will und heute für „Exit“ arbeitet, sieht eine klare Strategie zur Infiltration von Vereinen. In seiner Kameradschaft in Berlin und Brandenburg wurde dies damals propagiert. Dabei gingen die Agitatoren subtil vor. „Wenn ein 10-Jähriger was von ‚deutscher Härte‘ vermittelt bekommt, nimmt er das auf“, sagt Andreas. Er ist sich sicher, dass ein Trainer mit rechtem Gedankengut automatisch sein Weltbild auch an Kinder und Jugendliche vermittelt.

Neonazis versuchen auch nach wie vor, in eigenen Vereinigungen besonders Jugendliche an sich zu binden. Die Idee der freien Kameradschaften hat sich in den vergangenen Jahren erheblich modernisiert und hat wenig mit Springerstiefeln, dafür aber viel mit erlebnisorientierter Jugendkultur zu tun. Getragen werden T-Shirts, die auch Autonome im Schrank haben könnten, kommuniziert wird übers Netz und über soziale Medien, die geplanten Aktionen – oft kurze, medienwirksame Auftritte mit Masken und Transparenten – sind oft spontan und von einigen wenigen, lose verbundenen Aktiven, geplant: ein Beispiel dafür sind die „Nationalen Sozialisten Rostock“, in deren Kreisen der Freund der Rudererin Nadja Drygalla, Michael Fischer, aktiv war. Für Jugendliche seien diese Aktionsformen sehr attraktiv, sagt Barlen.

Kinderfeste mit Hüpfburg gehören zum Repertoire

Schon seit Jahren setzt die NPD darauf, besonders im strukturschwachen Raum in den Alltag der Menschen vorzudringen und so Hemmschwellen abzubauen. Kinderfeste mit Hüpfburg und Clown gehören zum Repertoire, genau wie Hausaufgabenhilfe und Hartz-IV-Beratung. Laut Rechtsextremismusexperte Günther Hoffmann, der seit vielen Jahren in der Gegend um Anklam in Ostvorpommern Kommunen und Vereine berät, setzen Neonazis aktiv auf einen Prozess der Normalisierung im Alltag. Der „Kampf um die Köpfe, die Straßen und die Parlamente“, den die Partei sich vor Jahren auf die Fahnen geschrieben hat, wird dabei nach Ansicht von Experten inzwischen anders, feiner und subtiler geführt. „Wir beobachten sehr bewusste kulturelle Hegemoniebestrebungen“, sagt Hoffmann. Als Beispiele nennt er Elternvertretungen in Schulen, aber auch Sportvereine. „Dabei wird oft auf sehr perfide Art vorgegangen.“ Politik spiele zunächst keine Rolle. Es gehe den Handelnden darum, einen Platz in der Gemeinschaft zu erobern. „Das Agitieren fängt erst zu einem viel späteren Zeitpunkt an.“ Auch wenn es dann um Politik gehe: „Der tumbe Neonazi von vor zehn ­Jahren, der nur Parolen redet, ist Geschichte.“ Hoffmann sagt, er beobachte seit Jahren, dass sich die Kommunikation von Neonazis stark profes­sionalisiert habe. „Schulungen spielen eine große Rolle, die Leute sind rhetorisch gebildet.“ Würden politische Themen angesprochen, dann gehe es lange nicht um die klassisch rechtsextremistische Palette. „Angeschnitten werden Themen, bei denen sich alle einig sein können – zum Beispiel die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum. Aus seiner Sicht ist Prävention bei Vereinen und in Kommunen das wirksamste Mittel – und oft fehle es daran. „Oft sind die Menschen in den Vereinen nicht ausreichend geschult.“ Es sei wichtig, sich zum Beispiel als Eltern im Fußballverein darüber klar zu werden, welche Werte im Sport vermittelt werden sollten. „Und die Gruppen sollten durchspielen, wie sie mit antidemokratischen Kräften umgehen.“ Denn wenn beispielsweise ein Trainer sich erst einmal um den Verein verdient gemacht habe, werde der Umgang mit dem Problem sehr schwierig. „Dann wird argumentiert, dass es im Verein ja nicht um Politik gehe und ein Mensch, der sich so engagiere, nicht so verkehrt sein könne.“

Vereine und Kommunen können sich in solchen Fällen – und vor allem vorher schon zur Prävention – unter anderem an die Mobilen Beratungsteams wenden, die in etlichen Bundesländern als professionelle Helfer für die Zivilgesellschaft agieren.