Rechtsextremismus Der Nazi, mein Kamerad und Nachbar

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Sportverein, Freiwillige Feuerwehr, Kita-Vorstand – vor allem in Ostdeutschland infiltrieren Neonazis die Zivilgesellschaft. Mitunter steckt gezielte Strategie dahinter. Oft reagieren Funktionäre und Vereinskameraden hilflos.

Kahlrasierte Glatzen: Neonazis suchen ihren Nachwuchs in Vereinen aus. Foto: dpa
Kahlrasierte Glatzen: Neonazis suchen ihren Nachwuchs in Vereinen aus.Foto: dpa

Berlin - Wie komme ich als Neonazi unverbindlich und entspannt ins Gespräch mit meinen Nachbarn oder meinen neuen Vereinskameraden? Für solche Situationen haben NPD-Kader ganz praktische Ratschläge. Am besten sei es, sich nicht gleich als politischer Aktivist zu erkennen zu geben, riet vor einiger Zeit ein bayerischer Rechtsextremist in einem Artikel für die Parteizeitung „Deutsche Stimme“.

Man solle nicht sofort im „eindeutigen T-Hemd“ provozieren, rät der Kader, und lieber mal auf politische Inhalte verzichten, zitiert das Online-Portal „Endstation Rechts“ den Artikel. „Sympathie, smartes Auftreten, Hilfsbereitschaft und eine gewisse – neudeutsch: – ,Coolness‘“ seien besser. Es gehe darum, so erfährt man weiter, die „Schweigespirale“ zu durchbrechen.Für Julian Barlen, SPD-Landtagsabgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern, zeigt der Text in der Partei­zeitung, dass unter Neonazis eine ­Strategiediskussion über die Unter-wanderung der Zivilgesellschaft geführt wird. Barlen, der auch das Online-Portal „Endstation Rechts“ betreibt, sieht etliche Beispiel dafür, wie Neonazis versuchen, in kommunalen Gemeinschaften Fuß zu fassen. Nicht immer sei dies Ergebnis einer abgesprochenen Strategie, sondern mitunter einfach der Alltag in kleinen Dörfern. „Es ist ja nicht so, dass da jemand auftaucht und sagt: Hallo, ich unterwandere euch jetzt“, sagt Barlen.

Der Trainer ist auf einmal ein Neonazi

Auch wenn es durchaus ein Ziel der Rechten ist, sich im kommunalen Alltag zu verankern. Die Wirklichkeit sei vielerorts, dass die in einem Ort lebenden Rechtsextremen schlicht an der Zivilgesellschaft teilnähmen. Betroffen sind davon häufig ländliche Gegenden mit finanzschwachen Kommunen, starken Abwanderungsbewegungen und entsprechend schwacher Zivilgesellschaft. „Sportvereine haben Bedarf an Trainern, einfach an Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen“, sagt Barlen. „Und auf einmal sind Vereine in der Situation, dass der Trainer ein Neonazi ist.“ Bei der Aussteigerberatung „Exit“ verweist man auf ähnliche Beobachtungen. Der ehemalige Neonazi Andreas, der seinen richtigen Namen nicht nennen will und heute für „Exit“ arbeitet, sieht eine klare Strategie zur Infiltration von Vereinen. In seiner Kameradschaft in Berlin und Brandenburg wurde dies damals propagiert. Dabei gingen die Agitatoren subtil vor. „Wenn ein 10-Jähriger was von ‚deutscher Härte‘ vermittelt bekommt, nimmt er das auf“, sagt Andreas. Er ist sich sicher, dass ein Trainer mit rechtem Gedankengut automatisch sein Weltbild auch an Kinder und Jugendliche vermittelt.

Neonazis versuchen auch nach wie vor, in eigenen Vereinigungen besonders Jugendliche an sich zu binden. Die Idee der freien Kameradschaften hat sich in den vergangenen Jahren erheblich modernisiert und hat wenig mit Springerstiefeln, dafür aber viel mit erlebnisorientierter Jugendkultur zu tun. Getragen werden T-Shirts, die auch Autonome im Schrank haben könnten, kommuniziert wird übers Netz und über soziale Medien, die geplanten Aktionen – oft kurze, medienwirksame Auftritte mit Masken und Transparenten – sind oft spontan und von einigen wenigen, lose verbundenen Aktiven, geplant: ein Beispiel dafür sind die „Nationalen Sozialisten Rostock“, in deren Kreisen der Freund der Rudererin Nadja Drygalla, Michael Fischer, aktiv war. Für Jugendliche seien diese Aktionsformen sehr attraktiv, sagt Barlen.

Kinderfeste mit Hüpfburg gehören zum Repertoire

Schon seit Jahren setzt die NPD darauf, besonders im strukturschwachen Raum in den Alltag der Menschen vorzudringen und so Hemmschwellen abzubauen. Kinderfeste mit Hüpfburg und Clown gehören zum Repertoire, genau wie Hausaufgabenhilfe und Hartz-IV-Beratung. Laut Rechtsextremismusexperte Günther Hoffmann, der seit vielen Jahren in der Gegend um Anklam in Ostvorpommern Kommunen und Vereine berät, setzen Neonazis aktiv auf einen Prozess der Normalisierung im Alltag. Der „Kampf um die Köpfe, die Straßen und die Parlamente“, den die Partei sich vor Jahren auf die Fahnen geschrieben hat, wird dabei nach Ansicht von Experten inzwischen anders, feiner und subtiler geführt. „Wir beobachten sehr bewusste kulturelle Hegemoniebestrebungen“, sagt Hoffmann. Als Beispiele nennt er Elternvertretungen in Schulen, aber auch Sportvereine. „Dabei wird oft auf sehr perfide Art vorgegangen.“ Politik spiele zunächst keine Rolle. Es gehe den Handelnden darum, einen Platz in der Gemeinschaft zu erobern. „Das Agitieren fängt erst zu einem viel späteren Zeitpunkt an.“ Auch wenn es dann um Politik gehe: „Der tumbe Neonazi von vor zehn ­Jahren, der nur Parolen redet, ist Geschichte.“ Hoffmann sagt, er beobachte seit Jahren, dass sich die Kommunikation von Neonazis stark profes­sionalisiert habe. „Schulungen spielen eine große Rolle, die Leute sind rhetorisch gebildet.“ Würden politische Themen angesprochen, dann gehe es lange nicht um die klassisch rechtsextremistische Palette. „Angeschnitten werden Themen, bei denen sich alle einig sein können – zum Beispiel die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum. Aus seiner Sicht ist Prävention bei Vereinen und in Kommunen das wirksamste Mittel – und oft fehle es daran. „Oft sind die Menschen in den Vereinen nicht ausreichend geschult.“ Es sei wichtig, sich zum Beispiel als Eltern im Fußballverein darüber klar zu werden, welche Werte im Sport vermittelt werden sollten. „Und die Gruppen sollten durchspielen, wie sie mit antidemokratischen Kräften umgehen.“ Denn wenn beispielsweise ein Trainer sich erst einmal um den Verein verdient gemacht habe, werde der Umgang mit dem Problem sehr schwierig. „Dann wird argumentiert, dass es im Verein ja nicht um Politik gehe und ein Mensch, der sich so engagiere, nicht so verkehrt sein könne.“

Vereine und Kommunen können sich in solchen Fällen – und vor allem vorher schon zur Prävention – unter anderem an die Mobilen Beratungsteams wenden, die in etlichen Bundesländern als professionelle Helfer für die Zivilgesellschaft agieren.

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5 KommentareKommentar schreiben

Wie tickt wohl mein Nachbar?: Ist er Kinderschänder und pädophil drauf, handelt er mit Rauschgift oder Waffen, schmuggelt er dem Chef seine Moneten regelmäßig in die Schweiz, bastelt er gerade eine Bombe weil er Weib und Arbeit verloren hat, oder möchte er demnächst im Kino die Hauptrolle in einem gewaltigen Amoklauf spielen. Oder braucht er nur Hilfe, weil er von der Krankenkasse kein Pflegegeld erhält und auf Grund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung deshalb so wenig gesehen wird. Weist du es? Nicht jeder Glatzkopf ist ein Nazi und nicht jeder Kinderfreund ein Pädophiler. Nun schmeiße mal rüber die Anleitung, wie erkenne ich meinen Nachbarn. Bei uns leben z.B. viele Ausländer. Lebe ich nun gefährlich? (übrigens die meisten tolle Menschen!!!)

warum diese Unterscheidung?: Dumme Frage. Weil durch Rechte Gewalt seit der Wiedervereinigung 180 ermordet wurden, nicht durch Linke.

Der Nazi , mein Nachbar...: Was sagt uns der Artikel....geh in keinen Verein....es könnten Nazi dort sein???? Geh auf kein Kinderfest....die Hüpfburg könnte von der N.. sein. Und werde nie HartzIV-Empfänger....der Berater könnte..... und für Kinder keine Hausaufgabenhilfe...denn auch die sind gefährdet. Den Stammtisch habt ihr vergessen...da wird am meisten 'davon' und 'darüber' geredet.....und das kräftig.

Warum Schutz ...: ...lieber 'Bürger'? Bei rechtem gedankengut hört die Meinungsfreiheit auf. Im übrigen ist mir eine Presse, die auf dem linken Auge blind ist lieber als eine Regierung, die auf dem Rechten blind ist

Der Linke, mein Genosse und Nachbar: Warum diese Unterscheidung zwischen Links und Rechts? Die beiden Denkschulen stehen sich näher als man in Deutschland zu akzeptieren bereit ist. Verwunderlich ist dieser Artikel jedoch nicht. Unsere 'demokratische' Presse war auf dem linken Auge schon immer blind und beugt sich traditionell der Staatsraison. Die Meinungsfreiheit genoss in der Bundesrepublik bekanntermaßen noch nie den Schutz der Verfassung. Sie steht seit Anbeginn unter einem Gesetzgebungsvorbehalt und ist damit traditionell der Willkür der herrschenden Elite unterworfen.

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