Recycling Aus Kaffeesatz sprießen Pilze

Von Susanne Donner 

Wegen der Coffee-to-go-Kultur fällt immer mehr Kaffeesatz als Abfall an. Damit kann man eine Menge anstellen: Delikatesspilze züchten, duftende Kleidung herstellen oder ihn zur Energiegewinnung verbrennen. Für Wahrsager bleibt kaum noch Kaffeesatz übrig.

In einem Pilzkeller in Berlin-Kreuzberg wachsen rosafarbene Seitlinge auf Kaffeesatz von Starbucks. Foto: Susanne Donner
In einem Pilzkeller in Berlin-Kreuzberg wachsen rosafarbene Seitlinge auf Kaffeesatz von Starbucks. Foto: Susanne Donner

Berlin - Der Weg zu Chido’s mushrooms ist ein bisschen unheimlich. An Laderampen eines Einkaufszentrums und Müllcontainern vorbei nähert man sich der Rückseite eines Gebäudekomplexes. Eine Stahltür öffnet sich. Hannes Dettmann, Experte für technischen Umweltschutz, bittet eine steile Treppe hinab in einen Betonkeller.

Der Geruch von Kaffee und Pilzen steigt in die Nase. Der Duft kommt nicht von ungefähr. Die sechs Mitarbeiter von Chido’s mushrooms züchten im Berliner Bezirk Kreuzberg aus Starbucks-Kaffeeabfällen edle Pilze. Im Aufzuchtraum schwimmt die Luft wie in den Tropen. „80 Prozent Luftfeuchtigkeit“, sagt Dettmann. Überall sprießen gelbe und rote Seitlinge wie Baumpilze im Wald – hier allerdings aus Kaffeeballen, die von den sie durchdringenden Pilzfäden weiß geworden sind.

Zehn Eimer Kaffeesatz schickt die Starbucks-Filiale am Brandenburger Tor Tag für Tag. Gratis. Darauf gedeihen jeden Monat 150 Kilogramm Austernpilze, Limonen- und Rosaseitlinge. Die Ware liefert Chido’s an gehobene Hotels und erlesene Restaurants wie das VAU von Kolja Kleeberg. „Die Pilze nehmen kein Koffein auf und schmecken auch nicht nach Kaffee“, betont Dettmann.

An Kaffee-Abfällen mangelt es nicht mehr

Edle Pilze aus altem Kaffee – das klingt nach einer abstrusen Idee. Doch tatsächlich verbreitet sie sich um den Globus. 1994 beschrieb der chinesische Wissenschaftler Shuting Chang, dass auf Kaffeesatz Shiitakepilze bestens sprießen und legte damit den Keim der urbanen Pilzzucht. In San Francisco, Mexico City, Sydney und Seoul gedeihen mittlerweile in feuchten Kellern die bunten Hüte von Seitling und Co.

8,6 Millionen Tonnen Kaffeebohnen produzierten Bauern weltweit im Jahr 2012. Jeder Deutsche trank im Durchschnitt knapp zwei Tassen täglich – viel mehr als Bier. Doch erst der Boom der Coffee-to-go-Kultur und der Kaffeeautomaten, die mit Pads und Kapseln funktionieren, verursacht einen recyclingfähigen Abfallstrom. Alleine Nestlé, einer der größten Verarbeiter von Kaffee, erzeugt weltweit bei der Herstellung von löslichem Kaffee etwa drei Millionen Tonnen Müll pro Jahr. Die neue Trinkkultur begründet damit eine neue Recyclingindustrie.

Professionelle Pilzzuchtbetriebe wie Chido’s mushrooms sind nicht die einzigen, die im Kaffeesatz ihre Zukunft sehen. Der Marktführer für Funktionstextilien Singtex erzeugt sogar Trikots und Teppiche daraus. Zur Jahrtausendwende soll dem Firmenchef Jason Chen bei Starbucks auf die Idee gekommen sein. Seine Frau bat um Kaffeesatz, um den Kühlschrank vor unangenehmen Gerüchen zu schützen – ein altes Hausmittel. Wenn der Kühlschrank damit gut riecht, dachte sich Jason Chen, dann sollte auch Kleidung mit Kaffee wie frisch gewaschen duften.

Die Kleidung soll mit Kaffeesatz frischer riechen

Seine Mitarbeiter trockneten den Kaffeesatz und entfernten das Öl, das dem Pulver die braune Farbe verleiht. Das entstehende beigefarbene Pulver vermengten sie mit den Resten von PET-Getränkeflaschen. Aus dieser Mixtur stellen sie Polyester, die wichtigste Synthetikfaser überhaupt, her. Und tatsächlich: das Garn mit einem Schuss Kaffeepulver trocknet schnell und nimmt nicht den Geruch von Schweiß und Zigarettenqualm an wie andere Synthetikfasern. 500 Kilogramm Kaffeeabfall liefern die Starbucks-Filialen inzwischen jeden Tag bei Singtex an. Kunden wie Puma, Vaude, Nike, Timberland und Hugo Boss fertigen aus den Funktionstextilien mit fünf Prozent Kaffeesatz Sport- und Outdoorbekleidung. Ab 2014 wollen zwei Teppichhersteller, die belgische Domo Group und die amerikanische Interface, Bodenbeläge mit Kaffee anbieten. Das Koffein hält Motten fern, die Löcher in den Stoff fressen.

Mittlerweile ist Kaffeeabfall zum begehrten Rohstoff geworden. In der Schweiz geht Nestlé kuriose Wege, um sogar die Reste der Verbraucher abzugreifen. Das Unternehmen war in die Schusslinie von Umweltorganisationen geraten, weil seine Kaffeeautomaten nur mit Kaffeekapseln aus Aluminium funktionieren. Das sei „ökologischer Wahnsinn“: kostbares Aluminium als Verpackung, das dann im Restmüll landet und verbrannt wird, kritisierte das deutsche Umweltbundesamt.

Der Konzern reagierte mit dem Programm „Ecolaboration“. Das Aluminium soll zu 75 Prozent recycelt werden. Dafür richtete Nestlé in der Schweiz ein Rückgabesystem für Kaffeekapseln ein. „Unter jedem Briefkasten befindet sich eine kleine Klappe, in die man die Kapseln legt. Der Briefträger nimmt diese mit“, berichtet die Schweizerin Anja Stubenrauch. 60 Prozent der Kapseln geben die Eidgenossen auf diesem Weg zurück. Stubenrauch leitet das Schweizer Unternehmen 3R Company, das den Kaffeerest aus den Kapseln zu Briketts für den heimischen Ofen und zum Verfeuern für Fabriken und Zementwerke verarbeitet. Das braune Pulver liefert mehr Wärme als Holz, sagt sie. Und weil es in den Kapseln quasi trocken sei, lohne sich der Energieaufwand, daraus Brennstoff zu pressen. 2011 vertrieb die 3R Company eigenen Angaben zufolge 2000 Tonnen Briketts und Pellets. Heute mag Stubenrauch keine Angaben zur Verkaufsmenge machen. „Geschäftsgeheimnis“, wehrt sie ab. „Die Nachfrage ist sehr groß. Wir bekommen nicht genug Kaffeesatz“, deutet sie Versorgungsprobleme an.

Aus Kaffeesatz lässt sich auch Kohle herstellen

„Ein Großteil der Kaffeereste von Nestlé wird inzwischen bei Swiss Biochar in Lausanne angeliefert“, sagt Hans-Peter Schmidt, Leiter des Forschungsinstituts Delinat im schweizerischen Arbaz. Seit 2010 betreibt das Unternehmen eine weltweit einzigartige Anlage, die aus dem Kaffeesatz samt etwas Grünschnitt Kohle erzeugt. Dazu wird der Abfall ohne Luft für mehrere Stunden bei 600 Grad verschwelt.

350 Tonnen dieses Materials entstehen in Lausanne jedes Jahr. Bauern kaufen es, weil es im Stall ausgestreut den Tiergestank beseitigt und auf Feldern ausgebracht, den Humusgehalt erhöht. Die Biokohle eignet sich aber genauso zum Verfeuern in Kraftwerken. Und die Herstellung der Pflanzenkohle funktioniert auch noch, wenn der Abfall schimmelig oder unrein ist. Pilze und Teppiche kann man aus solchem Kaffeesatz dagegen nicht mehr machen: „Wenn nur ein Stück Torte im Kaffeeabfall liegt, ist das für uns Müll“, sagt Dettenmann. „Die Sahne im Kuchen würde den Pilzen schlecht bekommen.“